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Kiel Bendzko rettete kurz die Hörn
Kiel Bendzko rettete kurz die Hörn
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17:30 28.06.2014
Von Elisa Meyer-Bohe
Tim Bendzko begeisterte an der Hörn nicht nur die Frauen. Quelle: fpr
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Kiel

Und tatsächlich brannte die Luft vor der RSH-Bühne: Kreischen, Lichtorgel, Pfiffe, Luftballons, bis Bendzko endlichauf die Bühne kommt. Der Geräuschpegel schnellt abrupt nach oben wetteifert mit Mein Leben, welches nahtlos in den nächsten Wellenbrecher Ich steh nicht mehr still  übergeht.

Als kleines Start-Up wird die Statistik erfasst und mit der Frage: „Sind denn heute Abend auch Frauen da?“ prompt eine Salve ohrenbetäubender Stimmfühlungslauten ausgelöst. Gleiches Spielchen bei den Männern, es wird merklich gemütlicher. Bendzko, grinsend: „Also alles wie immer!“ Anschnallen, Tische hoch, es soll losegehen.

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Beim Seidenen Faden singt bereits jetzt die halbe Hörn mit, lässt sich widerstandslos in den gefühligen Text fallen und fragt sich nur ganz leise, was denn da so verdammt bekannt vorkommt. Zwei Stücke weiter wird deutlich, dass hier Xavier Naidoo, der Übervater der deutschsprachigen Musik, gleich mit auf der Bühne steht: Die Bewegungen, das Nachdrücken der Stimme, die künstlerischen Kunstpausen: Das kennt man irgendwie. Egal.

Spätestens bei Unter die Haut sind alle emotional infiziert, Bendzko, der sich sichtlich am wohlsten fühlt, wenn er die Gitarre selbst in der Hand hat (Auch wenn es gelogen ist) trifft dort, wo ganz subtile Schlager-Elemente anklingen, den Helene-Fischer-Achillesnerv und wickelt sein Publikum spielend um den Finger.

Überhaupt sind seine Soulballaden schön, die Texte poetisch, differenziert vor allem gründlich in der Aufarbeitung des einen großen Themas: Der Liebe; irdische Daseinsberechtigung, Krankheitsursache, Panoptikum. Drin ist, was draufsteht. Irgendwann kommen einem die Inhalte dann aber doch bekannt vor, und als kleine Erfrischung kommt die rockige Version von Welt retten. Das klingt live wirklich großartig, mit souligen Untertönen und Hammond- Orgel.

Bendzko kommt in Fahrt, die Welle der Euphorie schwappt nun auch in die hintersten Reihen, es folgt das Ende der Welt und schließlich das glühend erwartete Wenn Wort meine Sprache wären. Frauen sind verzückt, Männer angetan, Männer beeindrucken Frauen mit mehr oder minder textsicherem vokalem Beistand. Über Sag einfach Ja kommen wir direkt zum gesellschaftkritischen Programmiert, Sprechchöre erfüllen brav die textliche Existenzberechtigung: „Wir sind alle programmiert-ohoh-….“: Die Stimmung kocht und gemäß dem alten Sprichwort endet an dieser Stelle der ganze Spaß. Drei Zugaben, frenetischer Applaus, Ohropax-Alarm. Bravo!