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Kiel Kuschelpartys in Kiel
Kiel Kuschelpartys in Kiel
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11:00 24.04.2019
Von Kristiane Backheuer
Organisieren in Kiel Kuschelpartys: Peter Rombach und Imke Pahlke. Beide haben festgestellt, dass es in unserer Gesellschaft viel zu wenig Berührungen und Körperkontakt im Alltag gibt. Quelle: eis - Thomas Eisenkrätzer
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Kiel

Umarmungen und sanfte Berührungen können Wunder bewirken. Sie senken den Blutdruck, stärken das Immunsystem, entspannen die Muskeln, bauen Ängste und Stress ab. Zu dumm nur, dass wir in Zeiten chronischer Berührungsarmut leben. In Zeiten, in denen das Smartphone häufiger angefasst wird als der Partner oder Mitmensch.

Was tun, wenn man sich nach Nähe sehnt, aber niemanden zum Umarmen hat? Die Lösung kann eine „Kuschelparty“ sein. Wildfremde Menschen treffen sich hier und tauschen Streicheleinheiten aus. Zwei Kieler bieten in regelmäßigen Abständen bei sich zu Hause ein solches Angebot an. Was steckt dahinter? Ein Besuch bei den Organisatoren.

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Kuschelparty im privaten Rahmen

Mit offenen Armen werden wir von Imke Pahlke (55) und Peter Rombach (52) empfangen. „Klasse, dass mal über uns berichtet wird“, sagt Imke Pahlke. Sie und ihr Freund leben in einem Reihenhaus im Kieler Stadtteil Mettenhof. Seit 2016 bieten sie hier im privaten Rahmen Kuschelpartys an.

Ihre Kunden sind Menschen aus ganz Schleswig-Holstein. Musiker, Ärzte, Rechtsanwälte, Arbeiter, Singles, Paare. Alles querbeet durch die Gesellschaft. Der Altersdurchschnitt liegt zwischen 40 und 60 Jahren.

„Am Anfang sind viele sehr unsicher“, sagt Imke Pahlke und bittet ins Wohnzimmer. „Sie denken, hoffentlich kenne ich keinen. Aber meist gibt sich die Nervosität ganz schnell.“ Einen Pressetermin wird es auf so einer Party trotzdem nicht geben. Zu wichtig ist den beiden die Privatsphäre ihrer Teilnehmer.

Die Kleidung bleibt auf solchen Partys an

Vier Stunden dauere so eine Party, sagt das Paar. Am Anfang erklären sie allen erst einmal die Regeln: Die Kleidung (bequem muss sie sein) bleibt an, keine Berührungen des Intimbereichs, kein Küssen. „Gestartet wird dann mit auflockerndem Tanzen hier im Wohnzimmer“, erzählt die 55-Jährige. „Jeder soll zu sich kommen, in sich hineinspüren.“

Der Raum strahlt Gemütlichkeit aus. Orangefarbene Sofas, ein Kaminofen, viel Holz. In der Ecke tickt eine alte mächtige Standuhr – „ein Erbstück der Großtante“. Es folgen Übungen, die den Kontakt untereinander erleichtern. Mit geschlossenen Augen die Hände des anderen fühlen, beispielsweise. Oder einer Person mit den Fingerspitzen Energie geben. Anschließend geht es unters Dach in den sogenannten „Kuschelhimmel“.

Hier im ehemaligen Kinderzimmer der Tochter laden ein riesiges Bett und viele weiche Matratzen dazu ein, sich fallen zu lassen. Die Teilnehmer können zu zweit oder in der Gruppe sanfte Berührungen austauschen, sich leicht massieren oder einfach nur innig Halten.

„Wir leiten sachkundig an, sodass auch Kuschelanfänger sich gleich wohlfühlen“, sagt die Kielerin. „Wichtig ist, dass hier jeder den geschützten Rahmen findet, sein persönliches Kuschelbedürfnis auszuleben.“

2004 gab es die ersten Kuschelpartys in New York

Wie man auf so eine Party-Idee kommt? Imke Pahlke und Peter Rombach müssen lachen. „Wir kuscheln halt selber gerne.“ 2004 wurden die Kuschelpartys in New York erfunden. Seitdem schwappten sie auch in deutsche Großstädte.

„Früher sind wir immer nach Hamburg zum Kuscheln gefahren“, erzählen sie. Dann entstand die Idee, so etwas in der Landeshauptstadt anzubieten.

Peter Rombach ist diplomierter Physiker und selbstständiger IT-Spezialist. Nebenbei ließ er sich zum Einzelcoach nach Ella Kensington und zum Seminarleiter „Positiv Fühlen“ ausbilden.

Imke Pahlke arbeitet halbtags als Buchhalterin. Weiterbildungen machte sie in Reiki (Energiearbeit), Kinesiologie (eine Methode, um Blockaden im Körper abzubauen) und Realitätsgestaltung.

„Ich habe ein Talent für Zahlen“, sagt sie. „Aber meine Hände sind auch ein besonderes Geschenk. Sie sind ein guter Kanal für universelle Energie.“ Lachend fügt sie hinzu: „Außerdem berühre ich gerne und werde gerne berührt.“

Wer sexuelle Abenteuer sucht, ist hier falsch

Kommen nicht auch mal Teilnehmer, die sich ein sexuelles Erlebnis erhoffen? „Das klären wir in einem vorherigen Gespräch“, sagt Imke Pahlke. „Da erklären wir genau, was Kuschelpartys sind und war hier passiert.“

Und wenn man jemanden nicht mag? „Eigentlich sehen wir immer das Positive in jedem Menschen“, sagt Peter Rombach. „Jeder hat etwas Liebenswertes an sich.“

Beim Kuscheln weinen manche Menschen vor Glück

Untereinander müssen die Teilnehmer aber nicht mit jedem kuscheln. „Jeder entscheidet selbst“, so der Coach. Oft haben sie es erlebt, dass Menschen beim Kuscheln weinen vor Glück. „Es ist einfach ein unbeschreibliches Erlebnis“, sagen beide. „Die Welt des Fühlens wird einfach in unserer Gesellschaft zu wenig gelebt.“

Sie hoffen, dass irgendwann solche Partys gar nicht mehr nötig sind. Dass eine Zeit kommt, in der Berührungen wieder gesellschaftsfähig werden. Die Aktion „Free Hugs“, bei der kostenlose Umarmungen in den Städten verteilt werden, sei ein Schritt in diese Richtung. 

Weitere Informationen: www.kuscheln4you.de

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