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Kiel Jetzt herrscht Alltag im Schusterkrug
Kiel Jetzt herrscht Alltag im Schusterkrug
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08:05 04.01.2017
Von Karen Schwenke
Britta Hohmann und Bilal Abadi gehören zum Leitungsteam in der Flüchtlingsunterkunft auf dem ehemaligen MFG-5-Gelände im Schusterkrug. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Holtenau

Zu Spitzenzeiten waren es sogar 1100. „Es ist wirklich ruhig geworden bei uns“, sagt Bilal Abadi, Leiter der Einrichtung. „Viele sind tagsüber in Kiel unterwegs. Sie sind in Schulen und Kindergärten, besuchen Deutschkurse, machen Praktika, einige haben einen Ausbildungs- oder Studienplatz, andere treffen Freunde.“ Die wenigen, die heute hier sind, haben ihre Gründe.

Mustafa Al Saede ist einer von ihnen. Der 33-jährige Syrer kann nichts tun. Nur noch warten. Er erzählt uns, dass er Elektroingenieur ist, auf Informatik spezialisiert, und gerne arbeiten würde. „Aber das geht nicht.“ Vor einem Jahr und vier Monaten kam er nach Deutschland und sehr bald darauf in diese Unterkunft. Obwohl er schon am ersten Tag alle Anträge stellte und alle Papiere beisammen hatte, wurde sein Asylantrag bis heute noch nicht beschieden. Damit hat er keinen Anspruch auf einen Integrationskursus. Er spricht fließend Englisch und bemüht sich, auf eigene Faust Deutsch zu lernen, aber er traue sich noch nicht recht zu sprechen. Und so findet er keine Arbeit. Nur ein viermonatiges Praktikum in einem Betrieb in Hohenwestedt habe er bereits absolviert.

Seinen Sohn hat er noch nie gesehen

Das Allerschlimmste sei für ihn aber die Trennung von seiner Familie: Ohne Asylbescheid kann er seine Frau und sein Kind nicht nach Deutschland holen. Den neun Monate alten Sohn hat er noch nie gesehen. Als er seine Heimatstadt Daraya in Syrien verließ, war seine Frau, eine Pharmaziestudentin, schwanger. Heute lebe sie von dem Geld, das er ihr schicke. Mustafa selbst lebt bescheiden. Das Zimmer, das er sich mit einem 22-jährigen Kurden teilt, ist so trostlos wie seine Lage. So als wären die Männer gerade gekommen oder würden bald gehen. Zwei Fahrräder stehen in der Ecke, ein Bett mit Matratze und eine Matratze ohne Bett liegen nebeneinander. Die Bettwäsche ist aufgewühlt. Vor den Fenstern Zeitungen als Sichtschutz und auf der Fensterbank zwei halbierte Plastikflaschen gefüllt mit Blumenerde. Ein kleiner Spross hat sich durch den feuchten Humus gebohrt. Diese zarte Paprikapflanze ist quasi das einzige sichtbare Zeichen, dass Mustafa vor hat, zu bleiben.

Als der Syrer im September 2015 in Kiel eintraf, kam zeitgleich sein 28-jähriger Landsmann Adnan Al Laevi an. Der hatte seither mehr Glück. Sein Asylantrag wurde längst bewilligt. Er konnte sogar seine Frau und Kinder vor einem Monat nachholen. Die drei gehören ebenfalls zu den Bewohnern, die noch tagsüber in der Unterkunft sind. Als die 23-jährige Iman die Tür öffnet, laufen Yosef (4) und Marma (2) sofort auf den Flur und begrüßen die Besucher. Der Familienvater aber ist nicht da. Anders als sein Freund Mustafa hat er bereits einen Job gefunden. Er arbeitet in einem Altersheim, macht dort eine Umschulung. Warum das Bundesamt für Migration gerade in Mustafas Fall so lange für die Bearbeitung des Asylantrages braucht, vermögen die Mitarbeiter im Schusterkrug nicht zu sagen. „Wir wissen es nicht“, meint Abadi. „Solche Ausnahmefälle kommen aber vor.“

"Alle fühlen sich sehr wohl hier"

Auch Varditer Gevorkian aus Armenien ist so ein Ausnahmefall. Obwohl sie ebenfalls seit September 2015 in Holtenau ist, wurde ihr Asylantrag bisher weder abgelehnt noch bewilligt. Die lebhafte 64-Jährige wird von allen nur Nona genannt und war schon einmal von 2001 bis 2007 in Deutschland, sie ging aber zurück in ihre Heimat als ihre Mutter erkrankte. Als diese starb, kam Nona wieder. Nona spricht Deutsch und arbeitet für ein paar Cent pro Stunde als Dolmetscherin, dann begleitet sie Landsleute zu Ärzten und Behörden: „Alle fühlen sich sehr wohl hier, alle wollen bleiben“, bemüht sie sich zu sagen. Sie selbst würde aber gern wieder als Musikerin arbeiten. Ihre Geige musste sie verkaufen, um die Reise nach Deutschland zu bezahlen. Es bleibt also auch in ihrem Zimmer still.

Die Ruhe aber trügt. Unter den fast 400 Männern verschiedener Nationen, die im Schusterkrug leben, gibt es immer wieder Gewalt. „Es ist normal, dass es auch mal eskaliert. Kein Wunder, wenn man so lange und so eng zusammenwohnt“, zeigt Unterkunftsleiter Abadi Verständnis. Er ahnt auch, warum die Männer sich nicht scheuen, ihre Streitigkeiten körperlich auszutragen: „Sie denken: Die Polizei unternehme sowieso nichts dagegen.“ Das sei natürlich so nicht richtig, nur anders als in ihren Heimatländern, wo Unruhestifter sofort für eine Nacht im Gefängnis landeten, würden hier erst einmal Belehrungen ausgesprochen und die Bürokratie in Gang gesetzt.

"Ich hab keine andere Wahl"

Abadi kennt die Sorgen seiner Bewohner ziemlich gut. Er spricht Arabisch, die Sprache der Mehrheit, und ist selbst als Flüchtling vor elf Jahren aus Palästina gekommen. „Hier hat sich mittlerweile viel eingespielt“, sagt er und wiederholt: „Es ist wirklich ruhiger geworden.“ Natürlich gebe es bei vielen eine gewisse Verzweiflung. „Aber die meisten geben ihre Hoffnung nicht auf.“ So ähnlich sieht es auch Mustafa: „Ich habe keine andere Wahl“, sind seine Worte. „In meinem Land gibt es für mich keine Zukunft. Ich werde weiter warten.“

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