Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Wie werde ich glücklich, Ha Vinh Tho?
Kiel Wie werde ich glücklich, Ha Vinh Tho?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
12:50 14.02.2020
Von Jonas Bickel
Dr. Ha Vinh Tho setzt sich für eine Veränderung des Schulsystems ein - mit dem Ziel, Schüler zu glücklichen Menschen auszubilden. Quelle: Ulf Dahl
Kiel

Dr. Ha Vinh Tho leitete bis 2018 das Zentrum für Bruttonationalglück in Bhutan. Der Staat hat das Glück der eigenen Bevölkerung als Staatsziel ausgerufen und sogar in der Verfassung fest verankert. Ha Vinh Tho sorgt heute unter anderem im Vietnam für eine Veränderung des Bildungssystems: Die Schüler sollen lernen, wie man glücklicher leben kann. Im Interview mit KN-online erklärt er, wie das funktioniert und warum Wirtschaftswachstum nicht das wichtigste Ziel eines Staates sein sollte.

In Schleswig-Holstein leben laut einer Studie seit Jahren die glücklichsten Menschen in Deutschland. Haben Sie eine Vermutung, woran das liegen könnte?
Ich war vorher erst einmal in meinem Leben in Kiel, das war im Jahr 1976. Ich kenne die Gegend also nicht wirklich. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es an der Nähe zur Natur liegt – manchmal ist das Meer ja direkt vor der Haustür.

Lesen Sie auch: Schleswig-Holstein an der Spitze des Glücks-Rankings

Glück ist ein sehr abstrakter Begriff. Wie definieren Sie Glück?
Das deutsche Wort "Glück" ist zweideutig. Es kann einerseits "Luck", also Chance bedeuten, und andererseits "Glück", also Wohlbefinden. Beschränkt man sich auf Glück als Wohlbefinden, unterteilt es sich in zwei Aspekte. Das eine sind kurzlebige, angenehme Erlebnisse: ein gutes Essen oder ein schöner Spaziergang. Das andere ist Glück im Sinne eines viel dauerhafteren Zustands, also ob man das Gefühl hat, ein gutes und sinnvolles Leben zu führen. Entscheidend dafür ist, dass man mit sich selbst im Einklang ist und in Harmonie mit seinen Mitmenschen und der Natur lebt.

Bhutan setzt auf das Bruttonationalglück statt auf das Bruttoinlandsprodukt. Warum?
Das Bruttoinlandsprodukt hat Schwachstellen. Alles, was mit finanziellen Transaktionen gekoppelt ist, wird positiv gerechnet. Deutschland ist einer der größten Waffenproduzenten der Welt. Dadurch steigt das Bruttoinlandsprodukt von Deutschland – aber ist es für die Gesellschaft gut, wenn es mehr Kriege gibt?

Außerdem wird alles, was nicht mit finanziellen Transaktionen zu tun hat, nicht gemessen. Wenn sich eine junge Familie dazu entscheidet, mehr für das Kind da zu sein und deswegen weniger zu arbeiten, ist das für die Wirtschaft schlecht – für die Familie selbst kann es aber sehr positiv sein. Wirtschaftswachstum ist wichtig, aber kein Ziel, sondern ein Mittel. Das Ziel ist das Wohlbefinden der Menschen. Wir wollen messen, ob das, was die Regierung macht, zum Wohlbefinden beiträgt.

Das ist Bhutan

Bhutan ist ein Binnenstaat in Südasien, der zwischen Indien und China liegt. In dem Land leben knapp 750.000 Einwohner, Staatsoberhaupt ist König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck. Bhutan ist eine konstitutionelle Monarchie, das politische System orientiert sich an dem Parlamentsmodell Großbritanniens. Das Glück der Bevölkerung ist in Bhutan Staatsziel und seit 2008 in der Verfassung verankert. Während andere Länder dieser Welt ihren Wohlstand am Bruttoinlandsprodukt messen (entspricht dem Wert aller Endgüter, die in einem bestimmten Zeitraum in einem Land hergestellt werden), legt man in Bhutan viel Wert auf eine ganz eigene Kennzahl: das Bruttonationalglück, das messen soll, wie glücklich die Bürger im Land wirklich sind.

Wie misst der Bhutan das Glück der Bevölkerung?
Es gibt eine repräsentative Umfrage, die alle drei bis vier Jahre gemacht wird. Dabei werden neun Gebiete abgefragt, zum Beispiel Gesundheit oder gute Regierungsführung.

Welche Konsequenzen werden daraus gezogen?
Die Umfrage hilft der Regierung, ein besseres Verständnis für die Schwachstellen zu bekommen und demnach die Ressourcen dort einzusetzen, wo sie am meisten zum Wohlbefinden der Bevölkerung beitragen.

Was ist die Aufgabe des Zentrums für Bruttonationalglück?
Wir haben darauf geachtet, dass die äußeren Bedingungen den Bedürfnissen entsprechen, also ob es beispielsweise genug Krankenhäuser gibt. Und wir haben uns darum gekümmert, dass die Menschen Glückskompetenzen erlernen.

Was sind Glückskompetenzen?
Es sind Kompetenzen, die zu einem glücklicheren Leben beitragen. Ein wichtiges Element ist die Achtsamkeit, also die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit bewusst richten zu können. Man muss mehr bei sich sein und sich nicht von äußeren Faktoren tragen lassen. Auch auf sozialer und emotionaler Ebene ist es wichtig, bestimmte Fähigkeiten zu lernen, zum Beispiel, wie man mit starken Emotionen umgeht. Das sollte auch im Bildungssystem mehr beachtet werden.

Was macht das deutsche Bildungssystem falsch?
Es konzentriert sich sehr stark auf intellektuelle Fähigkeiten. Die sind natürlich wichtig, aber es wird ein großer Teil des menschlichen Wesens vergessen. Das Erlernen von sozialen und emotionalen Kompetenzen wird dem Zufall oder der Familie überlassen. Die Schule sollte mehr Wert darauf legen, dass sich die jungen Leute zu glücklichen Menschen entfalten und nicht nur die Abiturnote entscheidend ist. Gute akademische Resultate sind nicht gleich eine glückliche und erfüllte Jugend. Man muss also die richtige Balance finden.

Sie haben in Vietnam ein pädagogisches Konzept an Schulen entwickelt. Können Sie ein Beispiel nennen, was dort anders gemacht wird?
Es gibt dreimal in der Woche Sitzkreise vor dem Unterricht. Da sagt jeder Schüler, wie er sich gerade fühlt. Ein Beispiel: Es gab einen kleinen Jungen, der nie seine Hausaufgaben machte. In dem Kreis hatte er dann einen Raum, wo er erzählen konnte, dass seine Eltern gerade im Scheidungsprozess steckten und sich zu Hause immer anschrien. Als die Lehrerin das hörte, durfte der Junge die Hausaufgaben noch in der Schule machen – das hat alles verändert. Es geht darum, eine Kultur des Dialogs einzuführen, wo die Kinder das Vertrauen haben, dass sie frei über ihre Gefühle reden können.

Sollte es auch in Schleswig-Holstein ein Schulfach geben, das sich dem Glück widmet?
Ergebnis ansehen
Diese Online-Umfrage ist nicht repräsentativ.
Sollte es auch in Schleswig-Holstein ein Schulfach geben, das sich dem Glück widmet?
So haben unsere Leser abgestimmt
Diese Online-Umfrage ist nicht repräsentativ.

Was macht Ihnen Hoffnung, wenn Sie nach Deutschland schauen?
Es gibt zwei Phänomene, die ich erfreulich finde. Das eine ist das Erwachen der vielen jungen Menschen zur Frage der Umwelt und des Klimawandels. Das andere ist das Umdenken in immer mehr Unternehmen. Diese merken, dass junge Menschen nicht nur Geld verdienen wollen, sondern auch eine sinnvolle Arbeit verrichten wollen und auf die Work-Life-Balance achten. Dass die jüngere Generation solche Kriterien mit in den Arbeitsmarkt bringt, finde ich äußerst positiv.

Mehr Nachrichten aus Kiel lesen Sie hier.

Die Reederei Aida Cruises zieht angesichts des sich in Asien weiter ausbreitenden Coronavirus für die beiden dort stationierten Schiffe die Notbremse. Die Passagiere der "Aidabella" und "Aidavita" fliegen zurück, zehn Kreuzfahrten mit den Schiffen werden abgesagt. Ein Schiff kommt im Mai nach Kiel.

Frank Behling 14.02.2020

Der Penny-Markt in Kiel Gaarden würde gerne seine Fläche vergrößern, um sein Angebot etwas moderner zu präsentieren. Der Ortsbeirat Gaarden unterstützt dieses Vorhaben. Problem: Das Einzelhandelskonzept der Stadt Kiel von 2010 sieht in diesem Fall eine Erweiterung nicht vor.

Martin Geist 14.02.2020

Die Wartezeit der Marine im Fall „Gorch Fock“ geht weiter. Das seit November bei der Lürssen Werft in Berne liegende Schiff ist inzwischen zwar an Land gebracht und mit einem Gerüst eingehüllt worden, jedoch sind die wichtigen Arbeiten zum Innenausbau und zur Ausrüstung immer noch nicht angelaufen.

Frank Behling 14.02.2020