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Kiel So war die Kindheit im Mittelalter
Kiel So war die Kindheit im Mittelalter
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11:00 05.06.2019
Von Sebastian Ernst
Foto: Die Autorinnen Denise Schlichting (links) und Marie Jäcker von der Christian-Albrechts-Universität Kiel haben für ihr Buch "Kindheiten und Jugend in Deutschland (1250-1700)" viele Quellen aus dem Mittelalter und der Neuzeit gesichtet.
Die Autorinnen Denise Schlichting (links) und Marie Jäcker von der Christian-Albrechts-Universität Kiel haben für ihr Buch "Kindheiten und Jugend in Deutschland (1250-1700)" viele Quellen aus dem Mittelalter und der Neuzeit gesichtet. Quelle: Sven Janssen
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„Schreyb mir unnd der muotter offt und laß mich wissen, was du fur ain herren habest, wie er mit namen haiß und warmit er umbgaung“, schrieb der wohlhabende Kaufmann Leo Ravensburg aus Augsburg 1539 an seinen 14-jährigen Sohn Christoff, der gerade auf dem Weg zu seiner Ausbildungsstätte bei einem befreundeten Kaufmann in Lyon war.

Dass Adelige oder Kaufleute ihre Kinder zur Ausbildung oder Erziehung an weit entfernte Höfe, Klöster oder Schulen schickten, sei im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit eine gängige Praxis gewesen, sagt Denise Schlichting, Master-Studentin und Wissenschaftliche Hilfskraft am Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Gemeinsam mit Marie Jäcker, ebenfalls Wissenschaftliche Hilfskraft, und dem Geschichtsprofessor Gerhard Fouquet hat sie sich auf die Spuren der jungen Erwachsenen zur damaligen Zeit gemacht. Dabei ist das Quellenlesebuch „Kindheiten und Jugend in Deutschland (1250-1700)“ entstanden.

Eher ein Abbild des Adelsmilieus und der Kaufmannschaft

In dem Buch haben sie historische Quellen, beispielsweise Briefe oder biografische Texte, die sich mit Kindheit, Jugend und Erziehung beschäftigen, zusammengetragen, übersetzt und eingeordnet. Wichtig sei aber, das merken die Autorinnen an, dass es sich bei dem Buch eher um ein Abbild des Adelsmilieus und der Kaufmannschaft handelt. Denn nur diese hätten überhaupt das Schreiben gelernt. Auch den eingangs zitierten Brief findet man im Original und übersetzt in ihrem Buch: „Schreib mir und deiner Mutter oft und lass mich wissen, welchem Herrn du dienst, wie er mit Namen heißt und womit er handelt.“ Außerdem soll sich der Sohn vor Dieben in Acht nehmen und aufpassen, dass er nicht krank wird. Ratschläge, die Eltern ihren Kindern auch heute noch mit auf den Weg geben.

„In unserem Buch gehen wir von frühester Kindheit bis in die Jugend“, sagt Schlichting. „Wir fangen mit dem Säuglingsalter an, mit einem Ratgeber für Hebammen, dann folgen Schreibübungen, es gibt Erziehungsanleitungen, Briefe, die Jugendliche von fremden Höfen an ihre Eltern geschrieben haben, Korrespondenzen über elterliche Heiratspläne und ein Kapitel darüber, wie Eltern damit umgehen, wenn ihre Kinder gestorben sind.“

Kindersterblichkeit war im Mittelalter allgegenwärtig

In der damaligen Zeit war eine hohe Kindersterblichkeit allgegenwärtig, nicht nur Säuglinge, sondern auch ältere Kinder fielen Kinderkrankheiten zum Opfer. Ein ganz besonders eindrückliches Zeugnis über den Umgang mit diesen Erlebnissen ist ein Briefwechsel zwischen einer Mutter und einem Vater, deren Kind während der Geschäftsreise des Vaters gestorben ist. „Als wir aber sahen, dass er zu schwach war, haben wir ihn nur ein bisschen hoch gerückt. Gleich danach ist er in seine letzten Züge gefallen, nach einer Viertelstunde in diesem Zustand schien er verstorben“, beschreibt die Mutter ihrem Mann die letzten Stunden des Sohnes.

"Die Fürsorge von Eltern damals drückte sich ganz anders aus"

„Man hat oft angenommen, dass Eltern gegenüber ihren Kindern im Mittelalter anders empfunden haben als Eltern heute“, sagt Jäcker. „Aus den Briefen, in denen es um Kindstod geht, geht etwas ganz anderes hervor: Dass Eltern tief bekümmert sind, weil ihr Kind krank ist und sie nichts dagegen tun können.“ Die Annahme, dass es im Mittelalter keine Kindheit gegeben habe und Kinder wie „kleine Erwachsene“ behandelt worden seien, widerlegt auch ein Brief von Martin Luther an seinen vierjährigen Sohn Johannes. „Bei Luther geht es natürlich auch um Frömmigkeit“, sagt Schlichting. „Aber er versucht, seinem Sohn mit einer sehr bildhaften Sprache klarzumachen, dass er beten soll. Da merkt man den kindgerechten Umgang.“

Die Fürsorge der Eltern habe sich damals ganz anders ausgedrückt, sagt Jäcker. „Dass Eltern ihre Kinder weggeschickt haben, zeugt von dem Wunsch, ihnen eine gute Ausbildung zukommen zu lassen und dass sie durch Unterkunft und Nahrung gut versorgt sind.“ Emotionen, die Eltern auch heute nicht fremd sind. „Die Mittel, um das zu gewährleisten, haben sich aber geändert“, so Jäcker.

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