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Kiel Kieler Klinikdirektor im Zwielicht
Kiel Kieler Klinikdirektor im Zwielicht
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07:00 24.06.2015
Von Martina Drexler
Alfred Schittenhelm war von der Erbideologie überzeugt. Er soll tiefer in die Machenschaften der Nationalsozialisten verstrickt gewesen sein, als bisher bekannt. Quelle: Königliche Bibliothek zu Kopenhagen
Kiel

Dafür plant die CAU, eine NS-Forschungsstelle einzurichten: Sie könnte sich als erstes mit der Rolle des Mediziners Alfred Schittenhelm befassen. Als Klinikdirektor soll er den Weg zu einer nationalsozialistischen Musterfakultät vorbereitet haben.

 Angeschoben hat die Diskussion über die unrühmliche Rolle der Ärzte während des Nazi-Regimes der Historiker Dr. Karl-Werner Ratschko. Im März veröffentlichte der Bad Segeberger seinen ersten Beitrag darüber im Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt. Ratschko hat bei Prof. Christoph Cornelißen promoviert, der maßgeblich an der Aufarbeitung der NS-Zeit an der Kieler Universität beteiligt war. Sein Fazit: Die CAU war „eine Vorzeigeuniversität im deutschen Norden mit einer gewissen Banner- und Ausstrahlwirkung in den europäischen Norden hinein. Kiel ist damit aber kein Einzelfall.“

 Die Gleichschaltung der Medizin verlief, hält Ratschko fest, nach Vorstellung der neuen Machthaber ab 1933 nicht reibungslos. Erst der angesehene Direktor der Medizinischen Universitätsklinik, Alfred Schittenhelm, öffnete als überzeugter Nationalsozialist dem braunen Gedankengut die Tür: Der gebürtige Stuttgarter, seit 1915 Professor in Kiel, bekannte sich, zitiert Ratschko, öffentlich zu den „rassehygienischen Bestrebungen der neuen Zeit.“ Ein Jahr später übernahm er die Leitung der Medizinischen Fakultät in München, richtete dort die Abteilung für „Erbpflege und Erbforschung“ ein. Da diese Abteilung schlecht ausgestattet war und keine Ergebnisse lieferte, wurde sie vier Jahre später aufgelöst, heißt es im kürzlich freigeschalteten Online-Gelehrtenverzeichnis der Kieler Professoren, das die Historiker Prof. Oliver Auge und seine Mitarbeiterin Swantje Piatrowski erarbeitet haben. Schittenhelm sei tiefer in die Machenschaften der Nationalsozialisten verstrickt gewesen, als bisher bekannt gewesen sei, ist auch Auge überzeugt. Er gehörte nach bisherigen Erkenntnissen zu den 25 von 108 Kieler Professoren, die bereits 1933 der NSDAP beitraten. Nahezu 60 Forscherinnen und Wissenschaftler mussten die Kieler Universität während der NS-Dikatur verlassen, meist wegen ihrer jüdischen Herkunft

 Obwohl Schittenhelm Kiel bereits 1934 verließ, wertet Ratschko sein Wirken als Sündenfall: „Er war zweifellos der Auslöser für die kompromisslose Gleichschaltung der Medizinische Fakultät in Kiel.“ Dass auch die Militärregierung Schittenhelm, der zum Führungskreis des NS-Dozentenbundes gehörte, als belastet ansah, belegt seine Entlassung aus dem Hochschuldienst 1945. Vier Jahre später erhielt er aber wieder die Rechte eines emeritierten Professors zugesprochen. 1951 ernannte ihn die CAU sogar zum Ehrensenator. Ebenso trägt die an dem Gebäude der Medizinischen Klinik verlaufende Straße seinen Namen.

 Wie kann man aus heutiger Sicht das Ausmaß von Schittenhelms Schuld bewerten und einordnen? „Immer wieder neu werden wir auch die historische Bewertung von Persönlichkeiten an unsere gegenwärtigen Wissensstände anpassen müssen. Insbesondere dann, wenn sie in die NS-Diktatur verstrickt waren,“ erklärt Uni-Präsident Prof. Lutz Kipp. Dazu brauche man aber eine verlässliche Struktur, die im jeweiligen Einzelfall entsprechende Empfehlungen aussprechen könne. Eine NS-Forschungsstelle könnte dies leisten. Angedacht ist jetzt, eine solche Stelle bei den Regionalhistorikern um Professor Auge anzusiedeln und sie mit der Arbeit am Gelehrtenverzeichnis zu koppeln. Bis Mitte Juli sollen sie für das Präsidium ein Konzept erarbeiten. Sollten ihre Recherchen den Verdacht erhärten, dass Schittenhelm zu den Wegbereitern der NSDAP gehörte, könnte dies weitreichende Konsequenzen haben: Die Universität müsste ihm den Titel des Ehrensenators aberkennen und die Stadt die Straße umbenennen.

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