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Kiel Gaardens Image macht Ärzten zu schaffen
Kiel Gaardens Image macht Ärzten zu schaffen
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06:44 31.07.2019
Von Martin Geist
Dr. Mirja Jentzen und Dr. Andreas Boekhoff betreiben ihre Hausarztpraxis mitten in Gaarden. Verstärkung zu finden, ist an diesen Standort gar nicht so einfach. Quelle: Martin Geist
Kiel

Seit dem Jahr 2016 betreiben Dr. Mirja Jentzen und Dr. Andreas Boekhoff ihre hausärztliche Hörn-Praxis mitten in Gaarden. Dass sie sich dabei um deutlich mehr Patienten kümmern als nach den einschlägigen Richtlinien vorgesehen, hat einen schlichten Grund: Sie tun sich schwer damit, Verstärkung zu finden. „Es ist nicht einfach“, berichtet Mirja Jentzen, dass dieses Problem den ärztlichen Bereich ebenso betrifft wie den Bereich des medizinischen Fachpersonals. Ganz offen äußern sich die absagenden Interessierten nach ihrer Erfahrung zwar selten, immer wieder klingt aber durch, dass es am Image des Stadtteils liegt. Die nicht zu leugnenden Probleme durch hohe Arbeitslosigkeit, die kaum zu übersehenden Drogensüchtigen, die Angst vor Kriminalität, all das spielt offenbar eine Rolle, wenn sich potenzielle Kollegen sagen: Lieber nicht!

Wohnortnahe Versorgung "ganz wichtig"

Ein Stück weit nachvollziehen kann das Ärzte-Duo, das im Übrigen keine Drogensubstitution vornimmt, solche Berührungsängste schon. Die Realität spiegeln sie aber nicht wider, betonen beide. Selbstverständlich sei die Arbeit in einem solchen Quartier anders als etwa im noblen Düsternbrook, sagen Jentzen und Boekhoff. Angst oder ein Gefühl der Unsicherheit empfinden sie jedoch weder bei der Arbeit noch auf dem Weg dorthin beziehungsweise nach Hause. Immer wieder empfinden sie auf der anderen Seite, wie wichtig es ist, dass sie da sind. Viele Patienten sind älter und chronisch krank, können schon aus diesen Gründen keine weiten Wege gehen. „Da ist die wohnortnahe Versorgung ganz, ganz wichtig“, betont Dr. Boekhoff und fügt hinzu, dass seitens der Patienten gerade deswegen viel Dankbarkeit zurückkommt.

Der Weg zur eigenen Praxis

Einfach eine eigene Praxis aufmachen, das geht hierzulande nicht. Nötig ist dafür der Segen des Zulassungsausschusses, der zu gleichen Teilen mit Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und der Krankenkassen besetzt ist. Entschieden wird über jeden Einzelfall auf Basis der Bedarfsplanung für die betreffende Region. So liegt bei der hausärztlichen Versorgung derzeit der Standard-Schlüssel bei einem Arzt auf 1671 Einwohner.

Nach Stadtteilen differenziert wird dabei im Fall von Kiel allerdings nicht. Insofern kann es tatsächlich passieren, dass in weniger attraktiven Quartieren Praxen, die aus Altersgründen aufgegeben werden, für immer geschlossen bleiben. Die dadurch frei werdenden Kapazitäten könnten dann in einem anderen Stadtteil für eine neue Praxis genutzt werden.

Eine Praxis zu übernehmen und sie dann in einen anderen Stadtteil zu verlegen, ist aber, nach Auskunft der KV, nicht mehr ohne Weiteres möglich. Der Zulassungsausschuss muss dem zustimmen.

Patienten sind sehr unterschiedlich

Auch Dr. Jentzen schätzt ihre Patienten und ebenso ihre Tätigkeit in Gaarden ausgesprochen hoch: „Es ist einfach ein sehr vielseitiges Arbeiten in der ganzen Bandbreite der Medizin.“ Und genauso unterschiedlich sind die Patienten der Praxis in der Elisabethstraße. Sehr junge und sehr alte Menschen sind darunter, sehr arme und ziemlich wohlhabende, die nationalen und religiösen Hintergründe decken fast die ganze Welt ab. Dass es herausfordernd ist, in einem solchen Umfeld seinen Beruf auszuüben, verschweigt Mirja Jentzen nicht. Nirgendwo anders in Kiel ziehen die Menschen so oft um wie in Gaarden, damit ist auch die Patienten-Fluktuation in der Hörn-Praxis entsprechend hoch. Kompliziert wird es zudem immer mal wieder mit der Verständigung. „Teilweise brauchen wir Dolmetscher, aber manchmal ist noch nicht einmal klar, um welche Sprache es eigentlich geht“, erzählt Dr. Jentzen und grinst: „Langweilig wird es jedenfalls nie.“

Praxen könnten verlegt werden

Über kurz oder lang könnte es dagegen eng werden mit der hausärztlichen Versorgung im mit mehr als 20.000 Einwohnern größten Stadtteil des Kieler Ostufers. Die konkrete Gefahr: Altersbedingt oder aus anderen Gründen frei werdende Vertragsarzt-Praxen könnten übernommen und dann in die beschaulichere Peripherie der Stadt verlegt werden. Die wohnortnahe Versorgung würde darunter massiv leiden, ausgerechnet in einem Viertel, in dem es nicht selten bereits am Geld für die Busfahrkarte mangelt.

Offen für Verstärkung

Schon weil bereits ihre Eltern und im Fall von Andreas Boekhoff sogar der Großvater in Gaarden ärztlich tätig waren, möchte das Duo aus der Hörn-Praxis etwas tun gegen ein solches Szenario. Für eine weitere Ärztin oder einen weiteren Arzt zur Verstärkung ihrer Praxis sind der 47-Jährige und seine drei Jahre jüngere Kollegin jederzeit offen. Zudem haben sie sich mit der Internistischen Hausarztpraxis von Dr. Hans Hendrick Klinker zusammengeschlossen, die sich in der ebenfalls zentral gelegenen Kaiserstraße befindet. Erklärtes Ziel ist es, damit über den bevorstehenden Ruhestand ihres Kollegen Klinker hinaus die ärztlichen Kapazitäten im Stadtteil zu halten.

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