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Kiel Das anspruchsvollste Segelrevier der Welt
Kiel Das anspruchsvollste Segelrevier der Welt
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01:00 20.11.2015
Von Niklas Schomburg
Ein Revier, das alles Wünsche erfüllt: Auch für die nicht-olympische 505er Klasse, hier die US-Weltmeister Mike Holt (re.) und Vorschoter Rob Woelfel, sind die Bedingungen vor Kiel optimal. Quelle: Uwe Paesler
Kiel

Historie und Tradition: Über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus ist Kiel bekannt, vor allem unter Seglern. Seit 1882 liefern sich die Teilnehmer der Kieler Woche alljährlich im Juni spektakuläre Wettfahrten. Schon Kaiser Wilhelm II. segelte auf der „Meteor“ um internationale Meriten. „Mr. America’s Cup“ Dennis Connor, Sir Ben Ainslie, der erfolgreichste olympische Segler der Geschichte, Deutschlands Star-Skipper Jochen Schümann – sie alle starteten bei Regatten der Kieler Woche. Sie ist die größte Segelveranstaltung der Welt, „Mutter und Vater aller Segelregatten“, wie Paul Henderson, Präsident der Internationalen Segelföderation (Isaf) sagte. Darüber hinaus war Kiel zweimal Schauplatz der olympischen Segelwettbewerbe, 1936 (Berlin) und 1972 (München), die vor Ort ausgetragenen Welt- und Europameisterschaften lassen sich kaum mehr zählen. An Erfahrung und Tradition mangelt es Kiel also nicht.

Organisation: Die Austragung der zahlreichen Segel-Großveranstaltungen erfordert ein hohes Maß an Organisation und Planung. Der nahezu reibungslose Ablauf all dieser Veranstaltungen zeigt, dass Kiel absolut in der Lage ist, Olympische Segelwettbewerbe auszurichten. Dabei sind bei den Spielen nicht annähernd so viele Segler am Start wie während der Kieler Woche, wenn mehr als 6000 Wassersportler auf die Bahnen gehen. „In Bezug auf die Regattaorganisation werden wir von dem, was bei Olympischen Spielen auf uns zukommt, nicht überrascht werden“, sagt Sven Christensen, Geschäftsführer der Point of Sailing GmbH (PoS), die in Kiel Segelgroßveranstaltungen des Kieler Yacht-Clubs organisiert und vermarktet. „Aber die Dimensionen und Anforderungen für das Drumherum sind andere. Vor allem in Hinblick auf Sportbegleitung – also alles, was an einem Segler bei Olympia so dranhängt –, Sicherheit und natürlich Medien, da wird ein viel größeres Interesse herrschen als zur Kieler Woche.“ Dennoch besitzt Kiel mehr als ausreichend Erfahrung in Organisation und Planung von Großevents.

Nähe zum Publikum: Nah dran zu sein ist beim Segelsport für Zuschauer naturgemäß nicht so einfach wie etwa bei Fußball oder Handball. Umso wichtiger ist es, den Sport einem interessierten Publikum näherzubringen. Kiel leistet seit 2011 Pionierarbeit auf dem Gebiet der medialen Aufbereitung. Die Übertragungen von „Kieler Woche TV“ ermöglichen es, die Regatten auf riesigen Leinwänden live zu verfolgen. „Dadurch haben wir so viel Euphorie schaffen können, wie es sie vorher im olympischen Segelsport nicht gab“, sagt Christensen. „Die Zuschauer gehen richtig mit, klatschen, wenn ein Segler über die Ziellinie geht. Das war vorher unvorstellbar.“ Im Zusammenspiel mit der SAP-Tracking-Software lässt sich jedes Boot auf seinem Kurs verfolgen, Informationen über Geschwindigkeit, Position, Windwinkel lassen das Publikum an der Wettfahrt teilhaben. Nicht ohne Grund fanden am Auftaktwochenende der Kieler Woche 2015 Zehntausende Besucher den Weg nach Schilksee.

Revier: Kiel gilt als eines der besten Segelreviere der Welt. Beinahe immer herrschen gute bis optimale Windbedingungen, Flauten und schwere Stürme sind selten. „Dennoch ist Kiel ein sehr facettenreiches Revier, für Segler sehr spannend“, sagt Christensen. Mal mehr, mal weniger Wind aus verschiedenen Richtungen sorgen für unterschiedliche Wasserbedingungen, bei Westwind flach, bei nördlichen und östlichen Windrichtungen mit großer Welle. „Wenn man den Titel einer Großveranstaltung zu Recht in Anspruch nehmen will, sollte man das als Allrounder erreicht haben“, sagt der passionierte Regattasegler, der es wissen muss: In diesem Jahr gewann er mit seiner Crew auf der „Xen“ die Kieler Woche in der ORC-II-Klasse.

In Kiel gibt es alle Bedingungen, von 25 Grad und Ostwind bis 13 Grad und 25 Knoten Wind aus West – auch im Sommer. „Mit all diesen Bedingungen klarzukommen, ist die große Herausforderung. Es ist reizvoll zu zeigen, dass ich als Segler diese Vielfältigkeit beherrschen kann“, erklärt Christensen. „Deswegen ist Kiel ein anspruchsvolles Revier.“ So wird niemand dauerhaft bevorteilt, Leichtwindspezialisten müssen auch bei stärkerem Wind zurecht kommen und umgekehrt. Die meisten Regattabahnen liegen zudem so, dass es keine Einflüsse vom Land gibt, also auch keinen Königsweg zur Tonne, auf dem zur selben Zeit immer der beste Wind herrscht. Segler schätzen darüber hinaus die gute Wasserqualität und das Fehlen von Tidenströmung. Auch die Nähe zum Hafen ist ein Plus, längere Anfahrtswege gibt es lediglich zu den äußersten Bahnen am Stollergrund. „Das Tolle ist, dass wir alles zentriert an einem Standort haben“, sagt der PoS-Chef. Anders als beispielsweise bei der Princess-Sophia-Trophy auf Mallorca – dort liegen die verschieden Klassen in verschiedenen Häfen und fahren von dort zu eigenen Regattabahnen.

Olympiastützpunkt: In Kiel befindet sich der einzige Segel-Olympiastützpunkt Deutschlands sowie der Bundesstützpunkt mit Sportinternat. Das Heimatrevier mit guten Trainingsbedingungen und -strukturen vor der Haustür – für die deutschen Kaderathleten wäre das ein unschätzbarer Heimvorteil.

Unternehmer sind meist Zahlenmenschen. Aber Zahlenspiele zur Kosten- und Nutzenanalyse Olympischer Spiele sucht man derzeit in Wirtschaftskreisen vergeblich. Trotzdem sind sich die meisten Unternehmer im Norden einig: Schon die Bewerbung allein hätte einen unbezahlbar wertvollen Effekt für die gesamte Region – vorausgesetzt die Bürgerentscheide in Hamburg und Kiel am 29. November laufen auf ein „Ja“ zu den Spielen hinaus.

Jürgen Küppers 20.11.2015

Die Geschichte deutscher Olympia-Bewerbungen, das ist auch eine Geschichte des Scheiterns. Anfang des vergangenen Jahrhunderts tat Berlin alles, um Austragungsort der begehrten Sportwettkämpfe zu werden – und hatte doch immer wieder das Nachsehen.

Kristian Blasel 20.11.2015

1936, 1972 – 2024? Kiel wäre die erste Stadt der Welt, die zum dritten Mal olympische Segelspiele ausrichten darf. Bei der Premiere 1936 vor dem Hindenburgufer war alles noch eine Nummer kleiner. Vier Bootsklassen segelten auf der Innenförde: die gerade erst entwickelte Olympiajolle, das Starboot, die 6m- und die 8m-Rennklasse. Von einem olympischen Dorf gab es noch keine Spur.

Gerhard Müller 20.11.2015