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Kiel Filmreifes Flucht-Drama
Kiel Filmreifes Flucht-Drama
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15:36 10.11.2014
25 Jahre nach dem Mauerfall: Handballer Fred Radig ist längst in Kiel zu Hause – und dem THW sehr eng verbunden. Quelle: sp
Kiel

Von Jens Kürbis

9. November 1986. München, Ratskeller am Marienplatz. Der MTSV Schwabing hat zum Abschlussbankett seines Turniers geladen. Mittendrin die Handballer des SC Empor Rostock, unter ihnen Fred Radig (21) und Henry Blatter (20). Die Junioren-Nationalspieler kommen gerade vom heimlichen Rauchen. 30 Minuten waren sie weg. Keiner hat es gemerkt. Auch nicht die drei als zusätzliche Busfahrer getarnten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Die sind bierselig. Was dann passiert, läuft wie ein Film ab. Radig und Blatter wissen: jetzt oder nie! Blatter sagt nur: „Ich weiß noch einen.“ Er meint Mario Wille (20). Wenig später tauchen die Drei ab in die Nacht – nur mit dem, was sie am Leib tragen. Sie fliehen.

 Oktober 2014, Kiel-Wellsee, eine schmucke Reihenhaussiedlung. Fred Radig (49) sitzt im Wohnzimmer mit Blick ins Grüne. Er ist einer von offiziell 615 Aktiven aus dem DDR-Hochleistungssport, die die Mauer überwinden konnten. Hier in Kiel ist Radig seit 17 Jahren zu Hause, mit Lebensgefährtin und zwei Kindern, verdient mit eigener Firma als Versicherungsmakler sein Geld. Die kräftigen Oberarme, der breite Brustkorb verraten noch den Kreisläufer, der bis 1997 in Kiel, Varel und Eitra, später zehn Jahre als Trainer in Handball-Diensten war. Vor ihm liegen vier Alben mit seiner Geschichte. „Drei DDR-Handball-Stars flohen im Rathaus“, „Aufpasser tranken Bier, da hauten wir ab!“ Lange her. Doch als Radig erzählt, läuft der Film wieder ab. Auf seinem Arm ist Gänsehaut.

 Vor sechs Jahren hat Radig seine Stasi-Akte gelesen. Drei dicke A4-Ordner. So erfuhr er, „dass uns die alten Spieler damals in München die halbe Nacht gesucht haben, in Puffs, Kneipen, überall“. Drei Tage später saß das Trio in der Schwabinger Geschäftsstelle, als die Tür aufging: „Ein Typ mit SED-Parteiabzeichen kam rein und dahinter unsere Mütter. Das war wie eine Fata Morgana.“ Sie sollten ihre Jungs zurückholen. „Wir haben alle geheult, sind uns in die Arme gefallen. Ich habe mich bei meiner Mutti entschuldigt, hatte ein schlechtes Gewissen, Angst, dass ihr was passiert“, erzählt Radig. Doch die beruhigte ihn: „Sie hat mir gesagt, dass sie immer zu mir halte, egal, was komme.“ Sie kannte seine Gründe. Dass die Stasi ihn bedrängt hatte. „Massiv. Ich sollte die eigenen Kameraden bespitzeln.“ Dreimal hatten sie ihn in die Mangel genommen, dreimal hatte er Nein gesagt. „Die wären wieder gekommen.“

 Beim Abendessen in der Kneipe „Luft“ sicherte ihnen 1986 der „Reiseleiter“, SED-Anwalt Dr. Ullmann, Straffreiheit zu. Mit am Tisch auch der BND und die Stasi. Über dem Lokal kreiste ein Hubschrauber. „Die wollten verhindern, dass sie uns verschleppen“, sagt Radig.

 Seine Flucht war eine spontane Eingebung. „Ich hatte am Vormittag noch Joghurt und Bananen vom Frühstücksbuffet gebunkert, wollte alles mit nach Hause bringen.“ Jetzt saß seine Mutter mit ihm hier. Am Nachbartisch: Klaus Augenthaler. Ein Zufall. Der FC-Bayern-Kapitän erriet, was nebenan passierte, rief seinen Kumpel Norbert Nachtweih an. Der war 1976 geflüchtet, kam „und redete uns ins Gewissen“. Am Ende entschieden sie: „Wir bleiben.“

 Ex-Nationalspieler Matthias Hahn, Mannschaftskollege und Freund Radigs, erinnert sich so an 1986: „Als wir damals nach Rostock zurückkehrten, hat die Stasi extrem aufgefahren. Alle Spieler wurden verhört, der engste Freundeskreis mehrfach. Man wollte was rausfinden, aber es wusste ja keiner etwas. Auch ich nicht. Ich war ja mit Fred am Tag zuvor noch in der Stadt unterwegs gewesen.“

 Die Stasi hatte das per Haftbefehl gesuchte Trio lange im Visier, versuchte Radig über Mittelsmänner nach Ungarn zu locken. Freunde wurden gezwungen, ihn per Telefon zur Rückkehr zu überreden. „Sie haben alles versucht, allen erzählt, dass es uns schlecht ginge, wir keine Wohnung hätten, unter der Brücke schliefen.“ Die „Verräter“ waren zum Politikum geworden. Dennoch sagt Radig heute, dass er es wieder machen würde. „Wir haben uns nicht gegen die Menschen, sondern gegen das System entschieden.“

 Im neuen Leben mussten die drei Handballer sich erst zurechtfinden. Als gelernte Elektromechaniker hatten sie keine Chance. „Den Beruf haben wir nie ausgeübt, der war ein Alibi.“ Dass sie – anders als im Osten – mit Handball Geld verdienen konnten, erfuhren sie schnell. Nach langem Hin und Her in München entschieden sie sich für Kiel. Dort bekamen sie eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann, wohnten zu dritt in einem 120-Quadratmeter-Haus, THW-Boss Heinz Jacobsen hielt als ehemaliger MAD-Mann seine schützende Hand über sie. Sie hatten auch Begegnungen der unheimlichen Art – etwa als ihnen zur Kieler Woche Rostocker Segler begegneten, „mit gesenktem Blick wortlos an uns vorbeigingen“. Oder das erste Spiel nach der Wende in Rostock, „als uns alle Funktionäre schön freundlich grüßten“.

 Radig wühlt das Thema fast 30 Jahre später immer noch auf. Groll hegt er nicht. „Man muss auch verzeihen. Mir war nur wichtig, dass mich keiner aus der Familie und dem Freundeskreis bespitzelt hat.“ Wille, der als Versicherungskaufmann in Stockelsdorf lebt, will über die Flucht nicht reden. Blatter, auch Versicherungskaufmann, lebt in Detmold bei Lemgo. Das Trio, das nach vier Kieler Jahren getrennte Wege ging, sieht sich kaum noch. Doch eines verbindet auf immer: der 9. November 1986 und das Wissen, dass taggenau drei Jahre danach die Mauer für alle fiel.

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