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Kiel Wenn das Leben aus den Fugen gerät
Kiel Wenn das Leben aus den Fugen gerät
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10:15 29.07.2019
Von Heike Stüben
Sie verbindet die Diagnose Brustkrebs, die ihr Leben verändert hat (v.li., stehend): Kathrin Leipert (51), Andrea Grotzke (52), Karin (63), Kirsten Riemann (50), Sandra Schuchardt (51) sowie (vorne v.li.) Inge Beck (84) und Dagmar Harbs (75) hoffen auf weniger bürokratische Hürden und mehr Verständnis.  Quelle: Frank Peter
Kiel

Warum das so ist und das viele Erschwernisse vermeidbar wären, das wollen die Frauen an diesem Nachmittag erzählen, oben im Gemeinschaftsraum der Krebsgesellschaft am Alten Markt. Eine Diagnose, die das gesamte Leben plötzlich aus den Fugen hebt und auch für die Angehörigen alles ändert. „Plötzlich ist die Diagnose da, die muss man verkraften, unendlich viele soziale Dinge regeln, sich über Therapien schlau machen und dann kommt immer noch etwas oben drauf“, sagt Kirsten Riemann und Inge Beck (84) ergänzt: „Das fängt bei gut gemeinten Ratschlägen an, die oft wie Schläge wirken, und hört bei dem Kampf um bestimmte Medikamente, die den Kassen zu teuer sind, auf.“ Allein beim Stichwort bürokratische Hürden sprudeln die Erfahrungen nur so aus den Frauen heraus. 

Viele leiden unter Fatigue

Unwissenheit und Unsicherheit – auch das sei im Umgang mit Krebspatienten immer noch ein großes Problem. Wer wisse schon, dass viele von ihnen unter dem chronischen Ermüdungssyndrom Fatigue leiden. Sieben Jahre seien seit ihrer Diagnose vergangen, berichtet Andrea Grotzke, und noch immer leide sie unter dieser völligen Erschöpfung. „Jede Kleinigkeit kostet so unendlich viel Kraft, ich fühle mich antriebslos, bin immer müde und habe auch Wortfindungsstörungen – und dagegen hilft kein Schlaf, keine Erholung, nichts. Wer das nicht erlebt, kann sich das nicht vorstellen.“ Doch die Frauen hören immer wieder: „Das muss doch jetzt mal vorbei sein.“ Aber wenn man Pech habe, dann werde dieses Syndrom zum Schatten, der sich nicht mehr abschütteln lässt.

Anstrengender Kampf mit der Krankenkasse

„Wenn man dann immer wieder von Kassen und Ämtern vertröstet oder abgewimmelt werde, dann ist die Gefahr hoch, einfach aufzugeben, auf Hilfsmittel oder anderes, was einem zustände, zu verzichten“, sagt Sandra Schuchardt und erzählt von ihrem Kampf um eine Haushaltshilfe. „Die hat mir die Kasse zugebilligt – für eine Stunde in der Woche! Dann habe ich alle Anbieter abgeklappert, stand überall auf der Warteliste. Doch ohne Erfolg.“ Nach einem halben Jahr habe sie dann selbst gesucht, eine unendliche Kraftanstrengung. „Doch jetzt habe ich endlich die Hilfe gefunden, die ich dringend im Haushalt benötige.“ 

In den sozialen Abstieg katapultiert

„Hilf dir selbst, sonst hilft die keiner“, sagt eine andere Betroffene voller Bitterkeit. Sie zählt zu jenen, die durch die Krankheit in den sozialen Abstieg katapultiert wurden: Nach 30 Jahren Vollzeittätigkeit als kaufmännischen Angestellte kann sie nicht mehr berufstätig sein und bekommt nun 950 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente. „Wie soll ich davon 600 Euro Miete zahlen? Also muss ich ausziehen. Doch eine preiswerte Wohnung finde ich in Kiel nicht.“ Außerhalb sei sie aber von allen sozialen Kontakten abgeschnitten. Und lange Wege bewältigen, das schaffe sie wegen ihrer starken Schmerzen nicht. Eine andere Frau nickt. „Es ist, als wenn alles, was man sicher glaubt, ins Wanken gerät.“

Krebsgesellschaft beantwortet Fragen

Gut sei es, wenn es in Krankenhäusern einen personell gut aufgestellten Sozialdienst und am besten eine Brustschwester gebe, die einen an die Hand nehmen, Fragen beantworten, Tipps geben kann. Ein wichtiger Tipp, da sind sich alle Frauen an diesem Nachmittag einig, ist, sich an die Krebsgesellschaft zu wenden. Nicht nur, weil es hier kostenlose Beratung und Informationen gibt, sondern auch, um sich mit Frauen in der gleichen Situation auszutauschen. „Hier muss man sich nicht rechtfertigen, nicht erklären, hier wendet sich niemand wortlos ab.“ Denn wer Krebs hat, so berichtet Heide Böse, die die Selbsthilfegruppe für Frauen mit Brustkrebs betreut, dem droht noch immer die soziale Isolation. „Ich sage immer: Ich bin doch ich. Ich habe nur Krebs“, sagt Sandra Schuchardt , „behandelt mich einfach so wie vorher.“

Jeden vierten Montag im Monat gibt es von 15 bis 17 Uhr ein Wohlfühl-Cafe für Krebspatienten bei der Krebsgesellschaft am Alten Markt 1. Mehr dazu finden Sie hier

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