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Kiel Klaut uns das Handy das reale Leben?
Kiel Klaut uns das Handy das reale Leben?
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12:42 06.08.2019
Von Karen Schwenke
Beruflich immer digital im Einsatz: Privat legt Kateryna Zarev die Geräte auch mal weg und gönnt sich analoge Phasen. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

„Man kann es auch als digitales Fasten bezeichnen: Es geht darum, das Handy wegzulegen und aktiv und emotional bei seinen Mitmenschen zu sein, sich ganz auf die Kommunikation zu konzentrieren – so wie es früher war“, erklärt Kateryna Zarev. Sie ist Beraterin für digitale Strategien bei dem IT-Dienstleister Dataport und lädt während der Digitalen Woche zu einem Workshop über digitale Auszeiten ein. Fast jeder Erwachsene trägt ein Smartphone mit sich herum, entsperrt es täglich mehrere dutzendmal und nutzt es zusammengerechnet mehrere Stunden pro Tag. Es ist also durchaus nicht abwegig zu fragen: Klaut uns das Handy das reale Leben? Einige haben das Problem für sich erkannt und folgen der Gegenbewegung Digital Detox. Man legt dabei zum Beispiel einen „Digital Daytox“ ein, nimmt das Handy also einen ganzen Tag gar nicht erst in die Hand, oder bleibt gar für mehrere Wochen im Jahr digital abstinent, beispielsweise im Urlaub. 

Das ständige Online-Sein führt zu Stress

Ganz so drastisch handhabt es die Digitalisierungsexpertin Kateryna Zarev nicht. Die Digitalisierung biete ohne Zweifel zu große Vorteile, um darauf länger zu verzichten, ist die 35-Jährige überzeugt, räumt aber ein: „Manche sind getrieben von dem Gefühl, stets irgendetwas zu verpassen.“ Das ständige Online-Sein führe zu Stress. Und es gehe zu Lasten der Aufmerksamkeit für Partner und Kinder, lenke ab von dem normalen zwischenmenschlichen Umgang und gemeinsamen emotionalen Erleben. Als Pädagogin und Mutter zweier Söhne im Alter von zwei und sechs Jahren frage sie sich daher: „Brauchen wir digitalfreie Zonen in unserem Familienleben?“ Für sich persönlich hat sie die Frage mit ja beantwortet. Digitalfreie Zonen im Hause Zarev sind der Esstisch und das Schlafzimmer: „Wir versuchen, das Handy bei den Mahlzeiten wegzulassen, um den Kindern zuzuhören und diese Familienzeit medienfrei zu genießen.“ Sie persönlich begrenze den Zugang zu den digitalen Medien besonders für ihre Kinder. Aber auch für sich selbst hat sie im Alltag digitalfreie Zeiten eingerichtet: „Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, freue ich mich so auf die Kinder, dass ich das Handy in der Diele ablege und erst Stunden später erst wieder zur Hand nehme.“

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Viele Vorteile im Alltag mit Kindern

Dennoch hat Kateryna Zarev Verständnis für Menschen, die Digital Detoxing ablehnen und die Vorteile der Digitalisierung in jeder Sekunde und zu jeder Gelegenheit nutzen möchten. Sie selbst ist Digitalisierungs-Befürworterin durch und durch. Auch im Alltag mit Kindern seien die Vorteile aus ihrer Sicht unschlagbar: „Wer in den Zoo fahren möchte, kann das Wetter stündlich checken und bei Regen etwas später losfahren. Oder man checkt auf der Webseite das Kinderprogramm zur Kieler Woche.“ Ihrem Sohn drücke sie durchaus auch mal das Handy in die Hand mit den Worten: „Hier, spiel mal ein bisschen, Mama kocht gerade Nudeln.“ Das sei eine Ersatzkommunikation, die Spielräume schaffe. Die Zeitersparnis durch digitale Angebote sei enorm, meint Zarev. „Man kann schnell, unkompliziert und gleichzeitig viele Dinge erledigen, dann bleibt mehr Zeit für die Familie.“ Letztlich stelle sich aber die Frage: „Profitieren die Kinder und der Partner tatsächlich davon, oder verbringt man die gewonnene Zeit nicht wieder in den sozialen Medien, kommentiert Fotos, surft im Internet?“ Der Zugang zu digitalen Informationen und Angeboten sei so verlockend, dass es schwer falle, da zu widerstehen.

Workshop soll Erkenntnisse bringen

In dem Workshop möchte die Expertin zusammen mit den Teilnehmern herausarbeiten, wie der digitale Alltag trotzdem funktionieren kann, ohne dass die digitale Kommunikation den persönlichen Austausch ersetzt. In Erinnerung hat sie eine vierköpfige Familie, die am Nachbartisch in einem Restaurant saß, jeder mit seinem Handy beschäftigt. Ihr erster Reflex sei gewesen: „Wollen die sich nicht unterhalten?“ Aber sie habe sich hinterfragt: „Vielleicht ist das die Kommunikation der Zukunft? Vielleicht ist die Familie in einer Chatgruppe und teilt gerade ihre Erlebnisse mit den Großeltern, oder sie informiert sich über Ausflugsmöglichkeiten für den Folgetag.“ Es gebe einfach zu viele verschiedene Ansätze und Sichtweisen auf das Thema, meint Zarev: „Ich bin gespannt, was der Workshop für Ergebnisse bringt.“ Der Workshop für Familien läuft am Sonnabend, 14. September, von 14 bis 16.30 Uhr an der Kiellinie Nord diwokiel Area. Anmeldungen per E-Mail unter kzarev@gmx.net.

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