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Kiel Ein Tag ohne Kieler Woche
Kiel Ein Tag ohne Kieler Woche
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14:21 29.06.2013
Von Lara Eckstein
In Ablehnungshaltung: Reporterin Lara Eckstein hat versucht, einen Tag lang auf die Kieler Woche zu verzichten. Quelle: fpr: Frank Peter
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Kiel

Der Tag ohne Kieler Woche beginnt verheißungsvoll friedlich: Beim Joggen durch den Schrevenpark morgens um 8 Uhr begegnen mir nur zwei Touristen, sofort erkennbar an ihren kurzen Hosen, den Tagesrucksäcken und dem suchenden Blick. Sie laufen schon in Richtung Innenstadt – aber die sind sicher wegen der guten Seeluft hier. Bereits auf dem Weg zur Arbeit ist es mit der Ruhe dann vorbei, denn die Redaktion liegt direkt zwischen der Bühne am Asmus-Bremer-Platz und dem Internationalen Markt. Und auch die Redaktions-Konferenz dreht sich hauptsächlich um ein Thema: Kieler Woche. Mein E-Mail-Postfach traue ich mich kaum zu öffnen, ans Telefon gehe ich lieber auch nicht. Dann spricht mich eine Kollegin an: „Ich muss dich dringend was fragen – aber es hat mit der Kieler Woche zu tun.“ Mein Versuch ist eindeutig eine Herausforderung.

 In der Mittagspause gehen die Kollegen auf den Internationalen Markt. Ich setze mich abseits des Trubels in das kleine Café Lunatique am Ziegelteich. Alle Tische sind besetzt. „Normalerweise ist es hier mittags ruhiger“, erklärt Geschäftsführerin Sandra Engel, während sie mir einen Cappuccino macht. „Aber jetzt, während der Kieler Woche, kommt viel Laufkundschaft vorbei.“

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 Nachmittags fahre ich in die Holtenauer Straße, wo man tatsächlich ganz in Ruhe durch die Läden bummeln kann. „Hier oben bekommen wir von der Kieler Woche nicht viel mit“, berichtet Jörg Böttcher vom Teegeschäft Jasmin. „Aus meinem anderen Geschäft im Sophienhof kenne ich das Gegenteil ebenfalls: Da ist der Laden die ganze Zeit voll, aber viel mehr Umsatz mache ich nicht.“ Gegenüber im Restaurant Nil sei heute weniger los als sonst, sagt die Kellnerin Marie Schubert: „Hier kann man sich mal von dem ganzen Trubel erholen.“ Genau deshalb sind auch Juliane Albrecht und Beeke Trommer in die Holtenauer gekommen. Zwischen Hörn und Kiellinie waren die beiden 30-jährigen Kielerinnen in den letzten Tagen schon unterwegs. „Jetzt wollten wir endlich mal in Ruhe schnacken“, erklärt Juliane Albrecht. „Zum Glück gibt es ja solche Rückzugsorte.“ Doch die Ruhe ist trügerisch: Als ich zurück zu meinem Fahrrad gehe, hängt dort der Flyer einer Bar: Gutschein für zwei Cocktails zum Preis für einen während der... Kieler Woche natürlich.

 Im Lessingbad wird die ganze Woche über Alternativprogramm angeboten. „Wir wollten ohnehin ein paar Veranstaltungen auf die Beine stellen und hatten uns das Datum schon überlegt“, sagt Adriane Szymanski, eine der Organisatorinnen. „Als wir dann festgestellt haben, dass es zufällig mit der Kieler Woche kollidiert, fanden wir das eher gut.“ Sie und ihre Freunde können mit dem offiziellen Programm nichts anfangen: „Es ist total überlaufen, viele sind betrunken und die Musik ist auch nicht nach unserem Geschmack.“ Im Lessingbad treten alternative Kieler Bands auf – während ich da bin, fehlt das Publikum aber noch. „Da merken wir dann eben doch, dass Kieler Woche ist.“

 Für die Abendgestaltung ohne Kieler Woche kommt eigentlich nur ein Kinobesuch in Frage, weit ab vom Schuss im stilvollen Metro-Kino im Schloßhof. Vor Ort aber stelle ich fest: Das Metro hat ausgerechnet an diesem Tag geschlossen. Spezielle Öffnungszeiten während der... ich spare mir den Rest. Was bleibt, ist ein Fernsehabend auf der Couch und die Erkenntnis: Ein Tag ohne Kieler Woche ist zwar möglich – aber wer will das schon wirklich? Ich werde mich morgen mit Freude wieder ins Getümmel stürzen.