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Kiel Sprechende Infotafeln: So könnten Sehbehinderte besser mit dem Bus fahren
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Einfacher Busfahren für Sehbehinderte in Kiel : Kommt die sprechende Infotafel?

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10:30 05.01.2022
Von Rieke Beckwermert
Sehbehinderte und Blinde haben Probleme beim barrierearmen Zugang zum ÖPNV wie hier am Knotenpunkt am Hauptbahnhof. Jürgen Trinkus (l.) und Philip Pieper müssen den Stock festhalten und gleichzeitig mit dem Smartphone versuchen, die erforderlichen Informationen zu bekommen. Bei Gedränge und lauten Umgebungsgeräuschen ist das eine besondere Herausforderung.
Sehbehinderte und Blinde haben Probleme beim barrierearmen Zugang zum ÖPNV wie hier am Knotenpunkt am Hauptbahnhof. Jürgen Trinkus (l.) und Philip Pieper müssen den Stock festhalten und gleichzeitig mit dem Smartphone versuchen, die erforderlichen Informationen zu bekommen. Bei Gedränge und lauten Umgebungsgeräuschen ist das eine besondere Herausforderung. Quelle: Ulf Dahl
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 Auch ein Mülleimer an der Bushaltestelle kann ein Hindernis sein. Jürgen Trinkus, 66 Jahre alt und blind, hat mit seinem Blindenstock nicht richtig gependelt. Kurz läuft er gegen den Mülleimer, tastet sich mit dem Stock schnell daran vorbei, sucht die weißen Bodenindikatoren, weiße geriffelte Leitstreifen. Unsicher bleibt er stehen. In wenigen Minuten soll an dieser Stelle „seine Linie 52“ an Haltestelle D1 halten. Das hat die App auf dem Smartphone verraten. Jürgen Trinkus möchte den Bus am Hauptbahnhof Richtung Krummbogen erwischen und nach Hause im Stadtteil Südfriedhof fahren. Aber wie soll er erkennen, dass es seine Linie ist, die am Bussteig hält? Manchmal hilft ein Busfahrer, wenn der die Situation erkennt. Aber das klappt nicht immer. „Eine sprechende Infotafel würde helfen“, sagt Trinkus.

Eine Infotafel, die auf Knopfdruck einem Blinden oder Sehbehinderten in Kiel mitteilt, welcher Bus gerade hält. Noch ist das nur ein Wunsch, gegossen in einen Antrag, auf dem Papier. Doch in Zukunft, so wollen es Kommunalpolitiker der Rathauskooperation und der Opposition in Kiel, soll die Barrierefreiheit speziell für Sehbehinderte an Bushaltestellen überprüft und verbessert werden. Ende Januar soll im städtischen Sozialausschuss über einen Antrag, den FDP und SSW aus der Opposition federführend Ende September vergangenen Jahres in der Ratsversammlung zur Debatte gebracht haben, entschieden werden.

Antrag: Verwaltung soll Konzept für mehr Barrierefreiheit an Kieler Bushaltestellen vorlegen

Kern des Antrags: Die Verwaltung soll ein Umsetzungskonzept vorlegen, „mit dem die Barrierefreiheit der Bushaltestellen für sehbehinderte Menschen durch eine durch Knopfdruck erfolgte Sprachausgabe der bereits vorhandenen dynamischen Fahrgastinformation (DFI) ergänzt wird oder die Einführung eines Blindeninformationssystems (BLIS) umgesetzt wird“. Bei grünem Licht für den Antrag wird die Verwaltung aufgefordert, voraussichtliche Kosten und personelle Ressourcen für die technische Aufrüstung der Haltestellen zu benennen. Besonders im Fokus stehen dabei Umsteigeknotenpunkte wie am Kieler Hauptbahnhof.

Sehbehinderte und Blinde haben Probleme bei barrierearmen Zugang zum ÖPNV wie hier am ZOB. Philip Pieper zeigt, wie es ist, auf den Bus zu warten. Ob er an der richtigen Stelle für den Einstieg steht kann er nur raten. Eine Bodenmarkierung fehlt hier. Quelle: Ulf Dahl

Zurück zur Haltestelle D1, Hauptbahnhof Kiel: Im Sekundentakt fahren die Busse Haltestellen an, sammeln Passagiere ein und fahren wieder ab. Hier haben sich Jürgen Trinkus und Philip Pieper (36) zuvor verabredet. Beide engagieren sich im Kieler Beirat für Menschen mit Behinderung. Beide sind auf einen Blindenstock und bauliche sowie technische Hilfsmittel angewiesen, um sich im Alltag zurechtzufinden und mobil zu sein. Denn auf ihre Augen können sie sich nicht verlassen. Trinkus ist seit seinem zweiten Lebensjahr wegen einer Augenerkrankung blind. Pieper ist durch eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems stark sehbehindert. Beide fahren fast täglich in Kiel Bus, denn Autofahren oder Fahrradfahren sind unmöglich. „Der Bus ist das einzige unabhängige Verkehrsmittel für uns, um selbstbestimmt, barrierefrei und so eigenständig wie möglich von A nach B zu kommen“, erklärt Philip Pieper, der Mitglied der Linken ist. Und dabei, so finden sie, gibt es in Kiel zwar schon viel Unterstützung für Blinde. Aber es gebe auch Verbesserungsbedarf, speziell an Haltestellen. Darum begrüßen sie den Antrag sehr.

An der Andreas-Gayk-Straße sind geriffelte Markierungen für den Einstiegspunkt in den Bus in den Bodenbelag eingearbeitet. Quelle: Ulf Dahl

„Stellen Sie sich mal an die Bushaltestelle und machen die Augen zu. Wo ist Ihr Bus?“, will Pieper verdeutlichen, wo das Problem liegt. Ein Mensch ohne Sehbehinderung kann dies auf einen Blick herausfinden und den passenden Bus abfangen. Die elektronischen Anzeigetafeln zeigen in Echtzeit an, an welchem Bussteig welche Linie wann abfährt. Trinkus und Pieper brauchen dafür mehrere Arbeitsschritte: Handy hervorholen. Blindenstock unter einem Arm festklemmen. App öffnen. Haltestelle und Linie als Favoriten herausfiltern. Ansonsten zeigt die App 22 Linien auf elf Bussteigen an. Ansage abhören. Nicht ganz einfach bei der Geräuschkulisse an- und abfahrender Busse. Haltestelle finden. Und den richtigen Bus herausfinden, bevor man einsteigt.

Sehbehinderte Kieler wollen für Herausforderungen sensibilisieren

„Es geht nicht um Lagerkämpfe“, erklärt Philip Pieper, der die Zusammenarbeit mit der Kieler Verkehrsgesellschaft (KVG) lobt. „Wir sind sehr zufrieden, dass die KVG aktiv ist. Wir haben eine gute Verbindung und hoffen, dass sie sich weiter so positiv entwickelt“, betonen beide. „Wir wollen nur gern das Bewusstsein für unsere Herausforderungen schärfen.“ Wichtig sind ihnen für die Zukunft tragfähige Lösungen. Sprechende Infotafeln könnten Teil der Lösungen sein.

An diesem Vormittag hat Philip Pieper das Glück, von seiner Partnerin mit dem Auto abgeholt zu werden. Jürgen Trinkus muss nun die Linie 52 erwischen, die ihn zurück zum Südfriedhof bringen soll. Mit Hilfe der von der KVG eingesetzten kostenfreien App „DyFIS Talk“ auf seinem Smartphone hört er sich an, wann die „52“ fährt. Eine weibliche Stimme erklingt: „Abfahrt in drei Minuten.“

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Damit ist Trinkus allerdings noch nicht am Ziel. Selbst wenn er an der richtigen Stelle am Bussteig steht. Das Problem: „Leider verkehren hier auch Linien anderer Betreiber, die nicht angezeigt werden“, erklärt Jürgen Trinkus. „Busse halten vor mir und mitunter mehrere hintereinander. Welcher ist die 52? Ich muss fragen – sofern hilfsbereite Menschen in der Nähe sind.“ Das ist nicht immer der Fall. Oft genug sei es ihm passiert, dass vor ihm eine andere Linie hielt und er später erfuhr, dass „seine 52“ dahinter stand. Und abgefahren ist.

In dieser Situation, erklärt Trinkus, würde die sprechende Infotafel blinden Nutzern ohne Smartphone die gleichen Informationen liefern, wie er sie via DyfisTalk, der KVG-App, erhält. An der Bussteigkante jedoch bestehe weiterhin die Schwierigkeit, den richtigen Bus zu erkennen. Für dieses Problem, so Trinkus, würden bereits smarte Lösungen entwickelt. Unter Mitwirkung des Spitzenverbandes der Blinden und Sehbehinderten habe sich ein Netzwerk für Smarte Mobilität gebildet, der auch die Firma Trapeze angehört, welche für die KVG die Bordelektronik der Fahrzeuge liefert. Jürgen Trinkus beschreibt einen möglichen Weg: „Stehe ich an meiner Haltestelle und es kommen mehrere Busse an, kann ich dem Fahrzeug meiner Wunschlinie meinen Einstiegswunsch signalisieren. Die Vordertür öffnet sich mit einem akustischen Signal und meldet über den Außenlautsprecher Linie und Fahrtziel des Busses.“

Kiel: Alle KVG-Busse haben Außenlautsprecher

In Kiel sind nach Angaben von KVG-Sprecherin Andrea Kobarg alle KVG-Busse mit Außenlautsprechern ausgerüstet. Derzeit gibt es 104 sogenannte Dynamische Fahrgastinformationen (DFI). Darunter sind 30 neu errichtet „und haben zumindest eine Grundausrüstung für eine Funktionstaste, mit der die sehbehinderten Fahrgäste auf Knopfdruck Informationen abrufen könnten“, teilt Kobarg mit. Für die Infrastruktur, zu der auch Haltestellen zählen, sei der Eigenbetrieb Beteiligungen der Stadt zuständig.

Jürgen Trinkus hat den Weg in den Bus der Linie 52 gefunden. Quelle: Ulf Dahl

Die Wartezeit an Bussteig D1 ist abgelaufen. Jürgen Trinkus freut sich: Ein Passant macht ihn auf die Ankunft seiner Linie 52 aufmerksam. Vorsichtig mit seinem Blindenstock pendelnd bewegt er sich auf die Bustür zu. Es klackert, als der Stock an den Bus tippt. Langsam steigt er ein. Mit leisem Zischen schließt sich die Tür – und als Trinkus einen Platz gefunden hat, ist der Bus bereits abgefahren.

Steffen Müller 05.01.2022
Michael Kluth 04.01.2022
Karen Schwenke 05.01.2022