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Kiel „Ich sag doch niemandem, wie alt ich bin!“
Kiel „Ich sag doch niemandem, wie alt ich bin!“
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07:16 14.08.2016
Von Kathrin Müller-Lancé
Aus ihrem Fenster im neunten Stock des Andreas-Gayk-Hauses kann die 100-jährige Ella Gutzeit ihr altes Zuhause im grünen Herzen unter dem Fernsehturm sehen. Quelle: Sven Janssen
Kiel

Das violette Outfit passt zu den Orchideen auf dem Tisch. Die Haare sind frisch zurechtgemacht, die Brille sitzt gut im strahlenden Gesicht: „Ich sag doch niemandem, wie alt ich bin!“ Doch es stimmt tatsächlich, an diesem Sonntag feiert die Kielerin ihren 100. Geburtstag. Vor genau einem Jahrhundert, am 14. August 1916, wurde Ella Gutzeit bei Königsberg in Ostpreußen geboren. 1945 flüchtete sie, schwanger mit ihrem vierten Kind, nach Rügen. Bei ihrer Fahrt von Pillau über die Ostsee hatte die junge Frau Glück: Nur wenige Tage später wurde die „Wilhelm Gustloff“, ebenfalls Flüchtlingsschiff, ebenfalls in der Ostsee unterwegs, von einem sowjetischen U-Boot angegriffen und versenkt. „Meinen Mann, den Vater meiner Kinder, habe ich nach der Flucht nie mehr gesehen“, sagt Ella Gutzeit. Ihre vier Kinder zog sie in Kiel alleine groß. Als sie älter wurden, leitete die gelernte Bernsteindrechslerin eine Gaststätte und arbeitete als Verkäuferin in einem Krawattengeschäft. „Sie kann eben einfach alles“, sagt Schwiegertochter Elfi Gutzeit.

 Ehe Ella Gutzeit vor fünf Jahren ins Seniorenzentrum zog, hatte sie 50 Jahre lang in der Siedlung Grünes Herz am Fernsehturm gewohnt. Den sieht sie auch jetzt noch von ihrem Fenster aus im Andreas-Gayk-Haus. „Ich wollte schon immer oben wohnen, weil hier die Aussicht besser ist“, sagt sie. Trotzdem ist die 100-Jährige nicht oft in ihrem Zimmer anzutreffen. „Wenn wir sie anrufen oder besuchen wollen, machen wir am besten vorher einen Termin aus“, sagt die Schwiegertochter, nur halb ironisch. Ella Gutzeit lacht. Ein kräftiges Lachen – keines, das man einer 100-Jährigen zutrauen würde: „Ich bin eben am liebsten unterwegs.“ Sie reiste früher durch halb Europa, am liebsten mit dem Flugzeug nach Italien, Ungarn und Mallorca. Gerade zu der spanischen Insel hat Gutzeit eine besondere Verbindung. Hier verbrachte sie mehr als 30 Jahre lang je mehrere Monate des Jahres. Nur im Liegestuhl zu liegen, reichte ihr da natürlich nicht – sie leitete stattdessen einen 20-köpfigen Skatclub. „Das sind mit meine schönsten Erinnerungen“, sagt Ella Gutzeit.

 Auch heute noch spielt sie fast jeden Tag mit den anderen Bewohnern oder löst Rätsel in Zeitungen –„aber nicht die Kreuzworträtsel, die sind ja viel zu leicht“. Mit 95 Jahren, vor ihrem Umzug ins Andreas-Gayk-Haus, war sie das letzte Mal auf Mallorca. Jetzt ist sie ausgewichen auf ihren Wohnwagen an der Ostsee. Auf den Campingplatz fährt sie immer noch regelmäßig. Und auch sonst ist Gutzeit fit geblieben. Auf die Frage, ob sie noch selbst in die Stadt gehe zum Einkaufen, antwortet sie verwundert: „Ich gehe nicht, ich nehme natürlich den Bus!“ Wie man es schafft, so gut zu altern? „Das macht meine Familie“, sagt Ella Gutzeit. „Alle Kinder und Schwiegerkinder kommen immer gern zusammen.“ So auch an ihrem 100. Geburtstag. Den wird sie am Sonntag im Dachgarten des Andreas-Gayk-Hauses mit der ganzen Familie feiern. Dazu gehören mittlerweile, Gutzeit muss an den Fingern abzählen, sechs Enkel und sechs Urenkel. Zur Verabschiedung wünschen wir nochmals alles Gute und viel Gesundheit für die Zukunft. „Das wollen wir doch hoffen!“, kommt die Antwort.

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