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Kiel 6000 Briefe gehen per Feldpost raus
Kiel 6000 Briefe gehen per Feldpost raus
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07:29 26.06.2013
Von Deutsche Presse-Agentur dpa
Diethelm Scholle ist Fregattenkapitän der Reserve bei der Bundeswehr und Feldpostbeauftragter der Deutschen Post AG. Quelle: dpa
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Kiel

Papier ist geduldig, Gerüche nicht, dass weiß Diethelm Scholle nur zu genau. Transportieren muss er nämlich beides und vor allem bei den Düften kommt es auf Geschwindigkeit an. Scholle ist Feldpostbeauftragter der Deutschen Post — er sorgt dafür, dass Soldaten im Einsatz Briefe bekommen können. „Und ich garantiere: Das Parfüm der Liebsten auf dem Brief zu Weihnachten riecht auch noch in Afghanistan. Unsere Laufzeiten sind kurz genug“, sagt Scholle. Afghanistan scheint gerade recht weit weg zu sein. Draußen vor dem Zelt, in dem Scholle sitzt, herrscht Volksfest. Bundeswehr und Post wollen auf der Kieler Woche, dem weltgrößten Segelereignis, ein bisschen Werbung für das Briefe schreiben machen. Wer Post in ein Einsatzgebiet schicken will, kann das hier kostenlos tun.

Scholle prognostiziert, dass es in diesem Jahr über 6000 Sendungen sein werden, die aus Kiel in die Welt gehen — etwa 500 mehr als im vergangenen Jahr. Trotz E-Mail, Facebook oder Skype. „Der Brief erlebt eine Renaissance“ sagt der Feldpostbeauftragte. Bei ihm selbst stand der Brief sowieso schon immer hoch im Kurs. Das wird klar, wenn er anfängt zu erzählen. Zwischen seinen weißen Barthaaren erscheint dann ein Lächeln, seine Brille zuckt auf der Nase.

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Mal klingen Scholles Geschichten wie aus einem Hollywood-Western, mal nach dem Mann auf dem Postamt mit Stempel und untadelig geführter Geldkassette. „Die Feldpost kommt ohne Strom aus“, stellt Scholle dann klar. Schwierig wird es, wenn sich ein Soldat wundert, dass er keine Post mehr bekommt. Und Scholle über den Briefträger erfährt, dass die Partnerin bereits die Gardinen abgehängt hat und ausgezogen ist.

Scholle hat die Feldpost mit aufgebaut. 1992 ging die Bundeswehr wieder ins Ausland, zu einem humanitären Einsatz nach Kambodscha. Als jemand gesucht wurde, der sich mit Militär und Post gleichermaßen auskannte, fiel die Wahl auf Scholle. Der gebürtige Ostwestfale hatte bei der Marine in Olpenitz bei Kappeln gedient. Zivil hatte er bei der Post Karriere gemacht. Heute ist Scholle 58 Jahre alt, Fregattenkapitän der Reserve und offizieller Feldpostbeauftragter mit Sitz in Freiburg im Breisgau.

Bei der Kieler Woche gibt es das Sonderfeldpostamt seit sechs Jahren. Deutschlandweit werden 15 pro Jahr auf- und wieder abgebaut. Kinder malen Bilder für ihre Väter, Sammler geben haufenweise Schreiben ab, um an die Sonderstempel zu kommen. Sie landen in einem knallgelben Briefkasten. Tarnfleck kommt für Scholle nicht infrage, die Signalfarbe des Kastens muss bleiben. Sonst ginge das Gefühl beim Einwerfen flöten. „Gelb ist Heimat“, sagt Scholle.

„Für meine Mitarbeiter empfinde ich Fürsorgepflicht“, erklärt der 58-Jährige. Rund 500 sind es, auch sie im zivilen Leben Postmitarbeiter. „Oft gehen die Soldaten nach einem Gefecht duschen und dann zuerst zur Post. Und sie erzählen ihre Erlebnisse“, sagt Scholle. Im vergangenen Jahr hätten zwei seiner Mitarbeiter Traumata erlitten. Scholle will nun selbst für einen gewissen Ausgleich sorgen. „Ich werde in diesem Jahr eine DVD entwickeln mit Qigong.“ Acht Übungen zur Entspannung. Scholle lässt die Arme kreisen: „Diese nennt man zum Beispiel Windmühle.“ Er will selbst auf der DVD die Übungen vormachen. Stichwort Fürsorgepflicht.