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Kiel „Wir lagen damals mit Stiefeln im Bett“
Kiel „Wir lagen damals mit Stiefeln im Bett“
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12:12 07.11.2019
Von Marc R. Hofmann
Fast 3000 Menschen verloren in Kiel bei den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg ihr Leben. Drei Viertel aller Gebäude wurden beschädigt oder zerstört. Das Foto stammt aus Jürgens Jensens Buch „Kiel im Zeitalter der Weltkriege“. Quelle: Stadtarchiv Kiel
Kiel

Zimmertüren ragen aufgeschlagen in die Luft, Tapete ist den Elementen ausgesetzt, die eigentliche Hauswand ragt schroff wie mit einem stumpfen Messer abgeschnitten in die Luft. Bilder wie diese sind es, die ihre volle Kraft erst in Zusammenhang mit den Zeitzeugen entfalten. So kommt der Film „Kiel im Bombenkrieg“ von Kay Gerdes ganz ohne aufsehenerregende Effekte aus, setzt voll auf die eindrückliche Beschreibung der interviewten Protagonisten. Ein Konzept, das ankommt bei den Besuchern in der Bürgergalerie der Förde Sparkasse. Einige von ihnen sind selbst Zeitzeugen.

Kriegserlebnisse prägten das ganze Leben

„Wir lagen damals mit Stiefeln im Bett“, schildert Ursula Frisse ihre eigenen Erlebnisse. Als eine von gut 50 Besuchern ist sie an diesem Abend gekommen, stellt sich den Erlebnissen aus dem Zweiten Weltkrieg. Als Kiel kurz vor Ende des Krieges in Schutt und Asche lag, war sie gerade einmal fünf Jahre alt. Die Erinnerungen begleiten sie trotzdem bis heute. „Wenn eine schwere Decke auf meinen Füßen liegt, erinnert mich das an damals.“ Bei einem Bombenangriff wird die Familie der heute 79-Jährigen verschüttet, ihre Mutter erleidet eine schwere Kopfverletzung. Sie leidet fortan immer wieder an Krampfanfällen. „Dadurch musste ich lernen, früh Verantwortung zu übernehmen“, sagt sie.

Erinnerungen von Zeitzeugen an den Bombenkrieg in Kiel

Koffer standen gepackt im Flur

Gerda Jäger erinnert sich an die Koffer, die immer gepackt im Flur standen, um das wichtigste Hab und Gut aus der Wohnung in der damaligen Dammstraße (heute Lorentzendamm) im sogenannten Philo-Bunker mit in Sicherheit bringen zu können. Mit dabei war immer auch ein rotes Nähkästchen. „Meine Mutter hat dann Knöpfe angenäht, um die nervenaufreibende Wartezeit im Schutzraum zu verkürzen“, so die 86-Jährige.

Mehr als eine halbe Million Bomben fielen auf Kiel

Kiel ist im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe zu großen Teilen zerstört worden. Bei rund 90 Angriffen sollen etwa 500.000 Brand- und rund 44.000 Sprengbomben über der Stadt niedergegangen sein. Dabei wurden fast 3000 Menschen getötet und drei Viertel aller Gebäude beschädigt oder zerstört. Neben der kriegswichtigen Marineindustrie wurden von den Alliierten auch Wohnviertel bombardiert, um den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu brechen. Die Filmvorführung war Teil der Ausstellung mit Fotos von 100 Hundertjährigen aus Anlass des 100-jährigen Bestehens der Arbeiterwohlfahrt. Die Ausstellung ist noch bis einschließlich Dienstag, 12. November, in der Bürgergalerie der Förde Sparkasse, Lorentzendamm 28-30, zu besichtigen.

Eine weitere Besucherin sagt: „Es ist wichtig, den Schrecken des Krieges auch den nachfolgenden Generationen so gut es geht klar zu machen.“ Diesen Versuch unternimmt Filmemacher Kay Gerdes. Für ihn ist die Dokumentation ein Herzensprojekt „Ich bin erst 1955 geboren und erinnere mich noch an die Pfeile über einigen Kellerfenstern, die Helfer auf die Notausgänge der Luftschutzkeller hinweisen sollten“, sagt er. An einigen Häusern in Kiel seien sie bis heute zu sehen. „Mein Vater hat mit mir allerdings kaum über den Krieg gesprochen.“ Für ihn Anlass genug, der Sache auf den Grund zu gehen.

Verzweiflung machte sich kurz vor Kriegsende breit

In einigen Familien war das offenbar anders: ein Mann schildert die Verzweiflung seiner Großmutter kurz vor Ende des Krieges: „Sie ist zum Schluss gar nicht mehr in die Bunker gegangen“, sagt er. Eine Aussage, die auch Filmemacher Gerdes nachvollziehen kann. „Ich habe mit einem syrischen Praktikanten aus Homs zusammengearbeitet, der mir genau das Gleiche erzählt hat.“ Eine Erfahrung also, die Kriegsopfer überall auf der Welt teilen, die heute wieder aktueller denn je ist.

Erschreckendes hat auch Günter Beck gesehen. Der 85-Jährige musste durch die Zerstörungen des Kriegs zehnmal die Grundschule wechseln, wurde im Rahmen der Kinderlandverschickung unter anderem nach Jevenstedt und Nürnberg geschickt. „Ich musste mitansehen, wie ein Junge von einer Bombe zerfetzt wurde“, sagt er. Kürzlich folgte er einem Aufruf im Fernsehen, für die Jugend in Jevenstedt Geld für Fußballtore zu spenden. „Die Jungs, um die es dort geht, sind zehn Jahr alt. So wie ich damals“, sagt er. In ein paar Wochen ist er dorthin eingeladen, erzählt, wie er den Ort damals kennengelernt hat. „Damit die Erinnerung nicht stirbt“, wie Beck sagt.

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