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Kiel Poetry Slam endet unentschieden
Kiel Poetry Slam endet unentschieden
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00:41 27.06.2014
Von Jörg Meyer
Die Teilnehmer stehen vor dem Publikum des fünften Poetry Slams auf der Jungen Bühne Kiel. Quelle: Clemens Steinberg
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Kiel

Wie alle acht Poeten und die schöne Fremde namens Sprache selbst, die sich so „cute and cool“ zieren kann, so silben-splatternd übersprudeln, die sich zungenschmiegt wie ein Tigerkätzchen und brüllt wie ein T-Rex-Saurier. Bei den Spokenword-Künstlern aus Spanien, Frankreich, Dänemark und England braucht man die Worte nicht alle zu verstehen, um sich allein von ihrem Klang zusammen mit 2000 Zuhörern begeistern zu lassen. Das ist Poetry Slam, „DIE kulturelle Kieler-Woche-Veranstaltung überhaupt“, wie der Schirmherr, Ministerpräsident Torsten Albig, im Grußwort zurecht schwärmt. Unterstützt wurde das Sprachereignis auch von den Kieler Nachrichten, die im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Jungen Bühne 2000 Euro beisteuerten.

Das gemeinsame Thema, die Sprache als solche, gibt der Paderborner Sulaiman Masomi vor. In seinem „Rat der Sprache“ bieten Rhetorik, Grammatik und Syntax, verkörpert als dramatische Figuren, ein höchst komisches Possenspiel. In der Vorrunde unterliegt dem nur knapp das Slam-Urgestein Wehwalt Koslovsky mit seiner famosen Umdichtung von Schillers „Glocke“ zum „Lied von der Pocke“ über pubertäre Pickel, „fest gewachsen im Gesichte“. Peter Dyreborg, dänischer Slam-Meister aus Kopenhagen, preist in seinem „Love Poem“ die Schönheiten nicht etwa der Frauen, sondern der Bücher, denen er rettungslos verfallen ist, was sich bei so erotischem Blättern zwischen den Zeilen aber erst ganz zuletzt herausstellt. Im Duell mit ihm hat mit seinem ebenfalls „Love Poem With Dinosaurs“ der amtierende Weltmeister Harry Baker die Schnauze vorn. Das dritte Vorrunden-Duell verlieren Andy Strauss und seine „Milliarden Balladen unzähliger Barden“ über die Liebe nur hauchdünn gegen Patrick Salmens mit Filmzitaten gespicktem Hugh Grant, der auf Seekühe starrt“. Im Halbfinale muss sich Salmens tiefsinnige Vater-Sohn-Geschichte rund um den Traum vom Traktorfahren jedoch gegen Masomis bewusst politisch total unkorrektes Neo-Nazi-Bashing à la „Nazis sind Neger!“ geschlagen geben.

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Ebenso unterliegt Poison d’Avrils (Nantes) in irrwitzigem Staccato gescattete Sprachklangkunst dem Furor von Marcal Fonti Espes’ (Barcelona) spanisch-katalonischer, don-quijotisch windmühlender Deklamation. Dagegen zieht Bakers lautgemalter „Falafellöffel“ ins Finale ein, um sich und uns dort über die Seltsamkeiten der deutschen Sprache aus Sicht eines Deutsch Lernenden zu amüsieren. „Integriert euch doch bei uns!“, empfiehlt sein Mitfinalist Masomi in „Ein Kanake sieht rot“. Beide wissen, wie man sprachlich über Rot geht, im poetisch kalkulierten Regelverstoß, in dem die so frech und freizügig mit sich fremdelnde Sprache zu sich selbst und darüber hinaus findet.