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Kiel Neu oder Aufguss alter Tradition?
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10:10 30.04.2016
Von Günter Schellhase
Bestimmt wird es auch "Kanadische Poutine" geben. Quelle: Markus Scholz/dpa
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Kiel

Essen auf der Straße: Per Definition handelt es sich um Speisen und Getränke, die für eine Zwischenmahlzeit entweder von einem fahrbaren Verkaufsstand aus auf einer öffentlichen Verkehrsfläche, auf einem Markt oder Jahrmarkt angeboten oder unterwegs beim Aufenthalt auf einer öffentlichen Verkehrsfläche verzehrt werden. Jeder denkt sofort an Imbissbuden. Doch davon will sich die Gilde der Food-Trucker distanzieren. Es gibt keine ordinäre Currywurst mit fettigen Pommes. Nein, Tacos werden zubereitet, Quesadillas gibt es oder Burritos und Burger – zubereitet mit frischen Zutaten. Dosenwaren und Gemüse aus der Tiefkühltruhe sind in der Szene verpönt.

Hier finden Sie Fotos von Street Food

Damit die Qualität stimmt, bieten die mobilen Köche nur wenige Gerichte mit kreativen Namen an, die aber ihren Preis haben. So verkauft beispielsweise ein Anbieter eine „Curry Vurst“ (nach der Speisekarte tatsächlich mit V) aus Tofu-Seitan mit „fruchtig-pikanter Curry-Sauce HOT or NOT“ für stolze 3,80 Euro. Dazu kann man „Sweet Fries“ wählen, also eine große Tüte Süßkartoffelpommes, frittiert in Rapsöl für 4,50 Euro. Für einen „The Big Veganski“, offensichtlich eine Burger-Kreation, legt der Gourmet neun Euro auf den Tisch. Er bekommt dann ein "Seitan-Tofupatty, ein paniertes Tofu-Seitanpatty, homemade Garlicsauce, homemade Burgersauce, Zwiebel-Champignon-Sud, Lollo-Salat, Tomate, Gurke, Bacon, Jalapenos, Cheese" – guten Appetit. Dazu kann ein „lautes“ "Viva con Agua" für zwei Euro bestellt werden – also ein Wasser mit Kohlensäure. Oder möchten Sie lieber eine „Fountian of Youth Kokoswasser“ für 3,50 Euro?

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Mit diesen illustren Angeboten wollen sich die Food-Trucker absetzen von den Imbissbuden und Restaurants. Sich selbst geben sie hippe Namen wie etwa "Vincent Vegan" – da werden schnell Erinnerungen wach an Vincent Vega, den Profikiller aus dem Tarantino-Klassiker „Pulp Fiction“. Die Küchenwagenbesitzer sind organisiert und das Jahr über in ganz Deutschland unterwegs. Sie rühren die Werbetrommel, damit die „Food Junkies“ bei den „Events“ – also Treffen – ihren Gaumen in „Ekstase“ versetzen können. Dabei dürfen die Leckermäuler den „Foodcreationmanagern“ – also den Köchen – über die Schulter schauen, während ihr Mahl zubereitet wird. Die vielen Anglizismen hören sich besonders an und passen in die Zeit. Die Besucher können in etwa ein Angebot erwarten, das es auch zur Kieler Woche gibt. Man darf gespannt sein, ob die Food-Trucker auch Variationen der heimischen Steckrübe à la Mus anbieten, also regionale Produkte anders als auf die herkömmliche Art und Weise servieren.

Dabei ist die Idee der Foodtrucks nicht neu. Ihre Geschichte begann in der texanischen Wüste. Der gute alte Charles Goodnight, wer kennt ihn nicht, hatte eine Idee, wie er Cowboys auf ihren langen und beschwerlichen Wegen mit Essen versorgen konnte. 1866 startete er zusammen mit einem Koch den sogenannten Chuckwagon, den er mit den Cowboys über das Land schickte. Damals war der Koch nicht nur für das leibliche Wohl der Menschen zuständig, sondern musste auch die medizinische Grundversorgung übernehmen – nach dem Motto: Gutes Essen ist wie Medizin. Die Büffel wurden geschossen, Zutaten für seine Mahlzeiten sammelte er entlang des Weges. Mit dem Chuckwagon entstand auch das heute typische Bild der Siedlertrecks im Wilden Westen – und immer dabei: ein Food-Truck.

Märkte sind holländische Erfindung

Schon in der Zeit als New York noch Nieuw Amsterdam genannt wurde, hatten schlaue Geschäftsleute die Idee, an Straßenecken Essen zu verkaufen. Der erste Street-Food-Markt ist also eine holländische Erfindung. Bereits 1894 gab es auf der anderen Seite des „großen Teichs“ mit dem ersten Hot-Dog-Anhänger Fastfood für Studenten. 

Die Preußen haben sich diese Idee der fahrbaren Küche Anfang des 19. Jahrhunderts offensichtlich abgeguckt und für das Militär modifiziert – als Feldküche. 1850 meldete ein Hamburger Apotheker einen mobilen Feldkochherd zum Patent an. Die Erfindung wurde sofort im Krieg gegen Dänemark zur Versorgung der Truppen eingesetzt. Unter dem Begriff „Gulaschkanone“ kam die Küche auf Rädern in beiden Weltkriegen zum Einsatz. Für die Versorgung in Krisenzeiten hält das Technische Hilfswerk heute noch „Feldküchen“ vor. 

Die originalen US-Food-Trucks kamen nach dem Ende des zweiten Weltkrieges nach Deutschland, aber nur in die amerikanischen Kasernen. Sie waren sehr beliebt bei den Soldaten, so dass es nach kurzer Zeit viele Fahrzeuge gab. Mit dem Abzug der Armee hatten die Amerikaner kaum noch Verwendung für diese speziell ausgerüsteten Küchenwagen und boten sie günstig zum Kauf an. Das ist auch der Grund dafür, dass heutzutage viele Anbieter spezieller Speisen noch mit diesen nostalgischen und vor allem praktischen Fahrzeugen unterwegs sind. 

Am Sonnabend und Sonntag, jeweils von 12 bis etwa 21.30 Uhr, bieten etwa 30 Köche ihre Speisen am Ostseekai an. Der Eintritt auf das Gelände kostet einen Euro. Dort kann sich jeder Besucher ein Bild davon machen, ob es sich bei dem Foodtruck-Trend um eine Idee findiger Geschäftemacher handelt, die saftige Preise verlangen - oder um ein kulinarisches Angebot, das seine Berechtigung hat, weil es das so noch nicht gibt.

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