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Kiel Kieler Forscher warnen vor Erdbeben in Istanbul
Kiel Kieler Forscher warnen vor Erdbeben in Istanbul
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11:23 09.07.2019
Es besteht eine Erdbebengefahr für Istanbul: Forscher aus Kiel haben eine Spannung unterm Meer gemessen. Quelle: Burhan Ozbilici/dpa
Kiel/Istanbul

Istanbul mit seinen über 16 Millionen Einwohnern liegt an der Nordanatolischen Störung, einer Grenze zwischen der eurasischen und der anatolischen Erdplatte. Die Angst vor einem verheerenden Erdbeben ist in der Millionen-Metropole ist deshalb allgegenwärtig. Firmen entwerfen Notfallpläne, Privatleute haben sogenannte Go-Bags mit allem Nötigen fertig gepackt neben Haustüren stehen, und Schulen bringen Kindern bei, wie sie sich zu benehmen haben, wenn die Erde wackelt.

Erdbebengefahr für Istanbul: Forscher messen Spannung unterm Meer

Zweieinhalb Jahre lang haben Forscher aus Kiel dort nun mit dem am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung entwickelten Messsystem GeoSEA Daten in 800 Metern Wassertiefe gesammelt.

Ergebnis: Unter dem Marmarameer nahe der Millionenmetropole Istanbul hat sich eine erhebliche tektonische Spannung mit großem Erdbebenpotenzial entwickelt. Das würde reichen, um ein Beben der Stärke 7,1 bis 7,4 auszulösen, schreiben Forscher um den Kieler Geophysiker Dietrich Lange vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung im Fachblatt „Nature Communications“.

Wann das nächste große Beben komme, sei unklar. „Wir sind nicht in der Lage, den Zeitpunkt zu prognostizieren“, sagte GeoSEA-Projektleiterin Heidrun Kopp. Die Forscher wollten mit der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse „keine Panik auslösen“. Sie rechnet zwar nicht mit einer verheerenden Tsunami-Welle, aber mit schweren Schäden in Istanbul.

Erdbeben in Istanbul könnte Ausmaß des Bebens in Izmit annehmen

„Wenn sich die angestaute Spannung während eines Erdbebens löst, würde sich die Verwerfungszone auf einen Schlag um mehr als vier Meter bewegen“, sagte GeoSEA-Projektleiterin Heidrun Kopp.

Und das hätte laut Geomar ähnlich weitreichende Folgen wie ein Erdbeben 1999 im türkischen Izmit, das ebenfalls an der Nordanatolischen Störung liegt. Damals gab es einem Versatz der Störung um zwei bis vier Meter. Mehr als 17.000 Menschen starben.

Hintergrund

Erdbeben-Messmethode unter Meer: So funktioniert sie

Der tektonische Spannungsaufbau entlang von Störungszonen an Land wird seit Jahren regelmäßig mit GPS oder Landvermessungsmethoden überwacht. Bei Störungszonen am Meeresboden ist dies aufgrund der geringen Eindringtiefe der Satellitensignale unter Wasser nicht möglich.

Ob sich Plattengrenzen im Meer bewegen oder verhaken, konnte bisher nur indirekt, zum Beispiel mit Beobachtungen von Land, extrapoliert werden. Die Methoden konnten allerdings nicht zwischen einer Kriechbewegung oder der kompletten Verhakung der Erdplatten unterscheiden.

Das am Geomar entwickelte GeoSEA-Systems zur akustischen Abstandsmessung am Meeresboden ermöglichte jetzt erstmals eine direkte Messung der Plattenbewegung im Marmarameer. Über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren standen insgesamt zehn Messgeräte in 800 Metern Wassertiefe beiderseits der Störung. Sie führten in dieser Zeit mehr als 650.000 Abstandmessungen durch.

„Damit diese Messungen über mehrere hundert Meter auf wenige Millimeter genau sind, benötigt man auch sehr genaue Kenntnisse über die Schallgeschwindigkeit unter Wasser. Deswegen müssen auch Druck- und Temperaturschwankungen des Wassers sehr präzise über den gesamten Zeitraum gemessen werden“, sagt Prof. Dr. Heidrun Kopp.

Erster direkter Nachweis über Spannungsaufbau vor Istanbul

„Unsere Messungen zeigen, dass die Verwerfungszone im Marmarameer verhakt ist und sich deswegen tektonische Spannungen aufbauen. Das ist der erste direkte Nachweis über den Spannungsaufbau am Meeresboden südlich von Istanbul“, betont Dr. Lange.

Istanbul ignoriert latente Erdbeben-Gefahr

In Istanbul selbst wird die latente Gefahr immer wieder ignoriert. Jedes Jahr stürzen schlecht gebaute Wohnhäuser ein - unter anderem mürbe gemacht durch die vielen kleineren Erdbeben, die Istanbul regelmäßig erschüttern. Stadtplaner wie die bekannte Architektin Mücella Yapici warnen seit Jahren, dass große offene Flächen, die im Zentrum als Zufluchtsorte eingetragen wurden, längst zugebaut sind.

An einer deutschen Schule in Istanbul lernen Schüler, mit Trillerpfeifen auf sich aufmerksam zu machen, falls sie verschüttet werden. Wer Glück hat, wohnt in einem neuen und verantwortungsbewusst gebauten Mietshaus - oder einem alten, das nachträglich mit dicken Stahlbetonsäulen verstärkt wurde. In manchen Häusern ziehen diese Säulen sich wie ein Rückgrat mitten durch die Wohnzimmer.

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Von KN/dpa

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