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Kiel Stubenfliege im Vollrausch
Kiel Stubenfliege im Vollrausch
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22:00 25.06.2014
Von Günter Schellhase
Mit einem gefühlten Promille Alkohol im Blut auf der blauen Linie balancieren und das Bier nicht verschütten: Dieser Test verlangt KN-Reporter Günter Schellhase die allerhöchste Konzentration ab. Quelle: fpr
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Kiel

Es ist alles so schön bunt hier. Der Fischbrötchenstand ist ein echter Augenschmaus – fließend gehen die Farben ineinander über, das Orangerot vom Lachs verschwimmt mit dem Blaugrau vom Matjes. Sowieso, die jungen Verkäuferinnen, die sind alle so hübsch. Kann den Blick kaum wegreißen. Da ist es schon passiert: Mit dem Fuß bleibe ich am Kantstein hängen und liege fast auf der Nase. Langsam orientiere ich mich wieder und merke, dass ich haarscharf an einem Poller vorbeigeschrammt bin.

 Und dann stehe ich plötzlich vor Charlie Chaplin, ein freundlicher Mann. Er gibt mir die Hand, schüttelt sie durch, pfeift dabei ein wenig. Und ich freue mich, will weitergehen und trete gegen den Teller mit den Tageseinnahmen, die über das Kopfsteinpflaster kullern. Hab ich echt nicht gesehen. Entschuldigung, Charlie! Aber der Fotograf Frank Peter ist ja als Anstandsherr mit dabei und legt fix die Euros zurück auf den Teller. Schnell machen wir uns aus dem Staub, peinlich.

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 So ganz realistisch ist dieser Test nicht, denn ich sehe aus wie eine Stubenfliege, die gerade aus einem Bierglas gekrabbelt ist. Klar, dass die Leute in der Holstenstraße einen Bogen um diesen torkelnden Menschen machen. Einige erkennen sogar, um was für eine Brille es sich handelt: „Guck mal, der trägt Biergläser“, höre ich ab und zu. Mit den Brillen geht die Polizei in die Schulen, um Jugendlichen zu demonstrieren, wie es sich anfühlt, betrunken zu sein.

 Und die Wirkung ist beeindruckend. Die Werbeaufsteller vor den Läden tauchen fast aus dem Nichts auf und scheppern, wenn sie einfach umfallen. Die Betonpoller sind dagegen echt übel. Sie sind deutlich schlechter zu sehen – und es schmerzt mächtig, wenn man dagegen rennt. Also weiche ich lieber in die Mitte der Straße aus und freue mich über die zwei blauen Linien. Wenn ich exakt in der Mitte gehe, bestätigt mir der Fotograf, laufe ich genau auf dem Strich.

 Man muss sich schon sehr konzentrieren, um die Spur zu halten. Den Schlingschlang-Kurs, den ich dabei hinlege, gibt mir aber die kurvige blaue Linie vor. Ein ums andere Mal schaukele ich gefährlich nahe an Auslagen und anderen Hindernissen am Rande der Holstenstraße vorbei. Und je länger ich die Brille auf der Nase habe, desto schwindeliger wird mir. Langsam kann ich mich vor dem Seemannsgang nicht mehr wehren und muss scharf aufpassen, andere nicht zu stören. Sonst kommt womöglich noch die Polizei...

 Richtig spannend wird es im Gewühl vor der Musikbühne. Die Menschen sind als einzelne Individuen kaum noch zu unterscheiden und stehen einem ständig vor der Nase herum. Keine Chance mehr, da unfallfrei durchzukommen. Zum Glück ist ja der Fotograf dabei, der mit „links, jetzt rechts, wieder geradeaus“ klare Kommandos gibt. Am Thailand-Stand, der mit „Betrunkenen Nudeln“ wirbt, habe ich genug recherchiert. Ganz plötzlich habe ich Durst auf ein kühles Bier.