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Kiel Kieler Forscher vermessen das Gehen
Kiel Kieler Forscher vermessen das Gehen
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15:48 08.05.2019
Von Laura Treffenfeld
Über Sensoren wollen die Forscher am Neurozentrum des UKSH genau analysieren, wie gewisse Krankheiten – etwa Parkinson – im wahrsten Sinne des Wortes verlaufen. Quelle: Ulf Dahl
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Kiel

Walter Maetzler, Leiter der Neurogeriatrie, will mit seinen Kollegen am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) durch die Studie mit dem Namen "mobilise-d" herausfinden, wie sich Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg in ihrem Alltag bewegen. Mittels Sensoren soll so bei Patienten mit etwa Parkinson oder Multipler Sklerose untersucht werden, wie die Krankheit mit der Art ihres Gehens zusammenhängt.

Mobilität und die Geh-Qualität sind ein wichtiges Maß für Gesundheit und Wohlbefinden. Bisher fehlt aber eine Methode, das zu messen. „Uns geht es vor allem darum, dort Daten zu sammeln, wo die Patienten sich auf natürliche Weise bewegen – zu Hause“, sagt Maetzler. Wer schon einmal beim Arzt seinen Blutdruck hat messen lassen, der weiß eventuell, dass dieser dort auf einmal viel höher ausfallen kann als sonst. „So ist das auch mit Bewegungen. Wenn ich jemanden bitte, einmal durch den Praxisraum zu laufen, wird er das sicher angestrengter machen als in seinem Alltag.“

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Für die Langzeitstudie zum Gehen werden Patienten gesucht

Nach einer Pilotstudie Ende 2019, mit der zunächst aus möglichst vielen Sensor-Daten ein Algorithmus erstellt werden soll, startet die lange Studie. Mit ihr soll der entwickelte Algorithmus dann validiert werden. „Hierfür werden 170 bis 200 Patientinnen und Patienten aus dem Norden gesucht. Wer Interesse an der Studie hat, kann sich gerne in unserer Parkinsonambulanz melden“, so Maetzler.

Bei einem ersten Besuch im UKSH wird den Probanden dann alles genau erklärt. Sie schlüpfen in eine Radlerhose und bekommen mehrere kleine Sensoren an Waden, Oberschenkeln, Füßen und am Rücken angebracht. Ihre Bewegungen werden dort in der Klinik auch noch mit Kameras aufgezeichnet. „Die Teilnehmer müssen dann bei uns einige Alltagsbewegungen ausführen: bügeln, den Tisch abdecken oder Zähne putzen“, erklärt Clint Hansen, stellvertretender Arbeitsgruppenleiter der Neurogeriatrie. Stur geradeaus zu gehen unter den Augen eines Arztes, sei nicht natürlich und somit nicht das, was gemessen werden solle.

Europaweites Forschungsprojekt mit einem Budget von 50 Millionen Euro

Für die Zeit zu Hause bekommen die Studienteilnehmer lediglich ein bis drei Sensoren mit, die sie eine Woche am Stück tragen können – dann müssen die Minicomputer eine Nacht lang aufgeladen werden. In regelmäßigen Abständen werden die Ergebnisse dann beim Arzt ausgelesen. In der insgesamt zwei Jahre dauernden Studie tragen die Teilnehmer ihre Sensoren zusammengenommen etwa zehn Wochen. Das Ziel ist am Ende ein System, mit dem die Qualität von Bewegung digital gemessen werden kann.

Die Studie „mobilise-d“ ist ein europaweites Forschungsprojekt mit einem Budget von insgesamt 50 Millionen Euro. Über 30 Institutionen sind daran beteiligt. In Kiel ist neben der Neurologie am UKSH auch die Medizinische Fakultät der Universität dabei.

Schlechter Gang wird mit Krankheit verbunden

Schlechter und vor allem langsamer Gang sind mit einem früheren Tod, einem höheren Krankheitsrisiko, Denkstörungen, Demenz und einem erhöhten Sturzrisiko verbunden. „Mit den Studienergebnissen wollen wir erreichen, Menschen mit gewissen Krankheiten besser medikamentös einstellen zu können“, sagt Maetzler. „Vor allem sollen die Ergebnisse aber der Selbstkontrolle und Selbstmotivation dienen.“ Wer sieht, wie seine Gehgeschwindigkeit und -qualität mit dem gesundheitlichen Zustand zusammenhängen, der werde unter Umständen dazu angespornt zu üben, das zu verbessern. Zumindest könne er seine Bewegungen aber besser nachvollziehen. Stures Vertrauen in die Ärzte sei nicht immer gut, sagt Maetzler. „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen mehr über sich und ihre Krankheiten in Erfahrung bringen wollen.“ So könne sich auch die Rolle zwischen Arzt und Patient verändern. „Der Arzt sollte besser ein guter Berater sein, statt jemand, der unumstößliche Urteile fällt.“

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