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Kiel Mit dem Gas-Ballon Richtung Berlin
Kiel Mit dem Gas-Ballon Richtung Berlin
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11:53 26.06.2013
Von Imke Schröder
Mit diesem Gas-Ballon fährt Imke Schröder seit Mitternacht Richtung Berlin. Quelle: tak
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Kiel

Wer Ballon fahren will, muss warten lernen. Der erste Starttermin auf der Balloon Sail wird verschoben, beim zweiten am Montagabend soll es dann ganz schnell gehen. „Um acht müsst ihr unbedingt da sein“, erklärt Pilot Wilhelm Eimers. Aber dann soll ich mich erstmal ein bisschen schlafen legen. Die Nacht wird nämlich lang.

Doch langsam wird es ernst: Die „Verfolger“ Olli Koch und Tom Tom Lackner, die uns nach der Landung wieder einsammeln sollen, machen sich auf den Weg. Mich beruhigt, dass ein Mann mit dem Namen eines Navigationsgeräts mich sicher wieder nach Hause geleiten soll. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Anderthalb Tonnen Sand hängen in über 40 Säcken unten am Korb, 900 Kubikmeter Wasserstoff füllen den Ballon. Wasserstoff? „Helium ist nicht zu bezahlen, Wasserstoff schon“, erklärt der zweite Pilot Matthias Zenge. Da war doch was mit der „Hindenburg“? Gut, dass ich nicht rauche.

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Der Gasballon ist schwerer zu steuern als ein Heißluftballon, da allein das Treibgas für Auftrieb sorgt. Deswegen braucht es eine lange Schönwetterphase, um den Ballon in die Luft zu bekommen. Und das Wetter in Kiel ist gerade zur Kieler Woche etwas wankelmütig.

Beim letzten Blasenentleeren für eine lange, lange Zeit höre ich den hektischen Aufruf: „Alle Mitfahrer zum Startpunkt.“ Es geht los, ich eile, aber auch jetzt: Wir warten noch einmal eine halbe Stunde, bis wir endlich kurz vor Mitternacht in den Ballon klettern können und auf das Startpodest gehoben werden. Vor dem Start um drei Minuten nach Mitternacht schallt die Nationalhymne blechern über das Nordmarksportfeld. „Zu früh, zu früh“ ruft Willy, beim Abschiedskuss für Ehefrau Claudia fällt er fast aus dem Korb, dann heben wir schon ab. Zeit zum Angsthaben bleibt nicht. Unter uns die Kieler Woche, der Rathausturm, der Marinehafen. So schön kann Arbeiten sein.

Schnell steigen wir auf 1300 Meter Höhe, dazu läuft Reinhard Meys „Über den Wolken“. „Das ist das letzte Mal, dass es lauter wird“, verspricht Navigator Matthias. Denn der Unterschied zu einem herkömmlichen Heißluftballon besteht darin, dass kein Brenner die Stille durchschneidet. Oder wie Willy sagt: „Da kann man keinen Witz zu Ende erzählen.“

Mein Rucksack hängt außen am Korb, mein Vertrauen in die Karabinerindustrie wird in dieser Nacht aufs Äußerste geprüft. Aber etwas aus dem Rucksack zu nehmen, traue ich mich nicht. So dringend brauche ich mein Tuch und die Fleecedecke auch nicht, rede ich mir angesichts meiner zitternden Beine ein. Denn es ist kalt, zwölf Grad. Matthias überprüft, ob die Richtung stimmt: „Wir fahren zur Lübecker Bucht, dann Richtung Osten, Berlin.“ Der Thüringer freut sich sichtlich. Kurz vor 1 Uhr erreichen wir Grömitz, Willy spricht in die mitgebrachte Videokamera. Der 63-jährige Duisburger mit dem Schnauzer hält den gesamten Flug fest und beweist eine fast komödiantische Kreativität bei der Aussprache von Namen. Für eine Nacht lang bin ich Hiemke, das Ostseebad wird zu Grönitz.

Während sich auf der Kieler Woche die Menschenmassen tummeln, schaut sich KN-Reporterin Imke Schröder das Treiben einmal von Oben an. Beim ersten Gas-Ballon-Start seit 100 Jahren in Kiel geht die Fahrt Richtung Berlin. Die Kieler Nachrichten sind für Sie live mit dabei.

Unter uns liegt die Lübecker Bucht, man kann die Wellen schlagen hören. Und sonst fast nichts. „Die meisten Geräusche sind menschengemacht, deswegen liebe ich es, nachts zu fahren“, sagt Willy. Die Piloten halten sich mit Energydrinks wach, ich versuche, so wenig wie möglich zu trinken. Denn anders als die Männer, die in Plastiktüten pinkeln, müsste ich den Eimer nehmen. Und so stelle ich fest: Meine Blase ist sehr belastbar.

Der Korb ist 1,45 mal 1,45 Meter: gerade genug Platz, um auf der einen Seite Hocker hinzustellen. Unter eine Wolldecke gekuschelt, lausche ich den Geschichten von Willy und Matthias, die als deutsches Gasballon-Nationalteam schon so einige Strecken mitgemacht haben: bis nach Irland und über die Alpen, durch amerikanische Wüsten und ... ich schlafe ein. Als ich die Augen wieder aufschlage, nickt neben mir Willys Kopf mit der neonfarbenen Mütze auf die Brust. Wir sind über Mecklenburg-Vorpommern, die Sonne geht langsam auf. Und die Vögel zwitschern. Ansonsten ist es absolut still. Vielleicht auch, weil Willy schläft.

Der Wind treibt uns Richtung Brandenburg, Matthias nutzt nach vier Stunden endlich die Zeit für ein Schläfchen. Mittlerweile gleitet der Gasballon tiefer übers Land, erschreckend tief, schnell wird eine Schippe Sand abgeworfen, doch zu spät: Wir ditschen auf den Boden auf, Matthias schreckt hoch und ich bin hellwach. Der Flurschaden hält sich in Grenzen, nach einem Sack Sand weniger steigt der Ballon wieder. Um kurz vor Acht entscheiden die Piloten zu landen, das Schleppseil wird ausgeworfen, jetzt muss alles ganz schnell gehen. Wir landen hinter einem Waldstück vor einem Graben. Leider auf der falschen Seite des Wassers. Da kommen die Landwirte Jörg Moritz und Ralf Danneil gerade recht: Sie haben die Landung gesehen und heben uns mit einem Super-Gabelstapler über den Bach. Und da wartet: Tom Tom. Alles wird gut. Es geht nach Hause.