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Kiel Die Meinungen bleiben geteilt
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18:00 29.11.2013
Von Christoph Jürgensen
Umbenennung oder nicht? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage konnte auch die öffentliche Debatte in der gemeinsamen Sitzung der Ortsbeiräte Ravensberg/Brunswik/Düsternbrook und Wik nicht liefern. Aus der Abstimmung kam nur ein Patt als Entscheidungsgrundlage an die weiteren Gremien. Quelle: Christoph Jürgensen
Kiel

Wer war Paul von Hindenburg? Ein Kriegsheld und letzte große Identifikationsfigur des untergegangenen Kaiserreichs? Oder der väterliche Wächter über die demokratische Ordnung der Weimarer Republik? Oder vielleicht gerade der Wegbereiter für deren Untergang? Die Diskussion im Ratssaal zeigte am Donnerstag, dass Hindenburg als historische Persönlichkeit vor allem eines ist: höchst umstritten. Gut 50 Bürger, Vertreter der Ratsfraktionen und der Verwaltung waren gekommen, um sich mit der möglichen Umbenennung des Hindenburgufers zu befassen.

 Der Leiter des Stadtarchivs, Johannes Rosenplänter, beleuchtete zunächst die Umstände, unter denen der einstige Strandweg dem Reichspräsidenten gewidmet wurde. „Hindenburg hatte keinerlei besonderes Verhältnis zu Kiel“, erklärte Rosenplänter. Die Namensgebung sei auch nicht als Ehrung des Reichspräsidenten in seiner Funktion zu sehen. Vielmehr hätten die Nationalsozialisten 1933 Hindenburgs Rolle bei der sogenannten Machtergreifung würdigen wollen. Durch seine Unterschrift unter Verordnungen und Gesetze der Nationalsozialisten habe Hindenburg mit zu verantworten, dass auch in Kiel elementare demokratische Grundrechte ausgehebelt wurden. Bereits 1947 stimmte ein Sonderausschuss mehrheitlich dafür, den Namen Hindenburgufer wieder zu entfernen, setzte diese Absicht dann jedoch nicht um.

 Zur Diskussion standen im Verlauf der Sitzung insbesondere zwei Anträge: SPD und Grüne streben an, das Hindenburgufer namentlich der Kiellinie anzuschließen. Die alten Straßenschilder sollten bleiben, der alte Namenszug jedoch durchgestrichen werden, erklärte Dieter Hartwig (SPD), Vorsitzender des Ortsbeirats Ravensberg. Mit der Umbenennung wolle man neusten wissenschaftlichen Studien über Hindenburg Rechnung tragen. Die CDU hingegen setzt sich für eine Beibehaltung des Straßennamens ein. „Die Tilgung eines seit 80 Jahren zur Geschichte Kiels gehörenden Namens erscheint vielen Bürgern als Affront und unverständlich“, begründete Alexander Blazek (CDU). Einhellig sprechen sich beide Anträge dafür aus, am (Noch-)Hindenburgufer Informationstafeln zum geschichtlichen Hintergrund der Namensgebung aufzustellen.

 Mit Nachdruck trugen sowohl Befürworter als auch Gegner einer Umbenennung ihre Argumente vor. „Es gibt überhaupt keine aktuelle Veranlassung, dieses Thema überhaupt aufzugreifen“, meinte beispielsweise Kiels ehemaliger Oberbürgermeister Karl-Heinz Zimmer und erntete großen Applaus. Man könne Menschen nur in ihrem historischen Kontext beurteilen, und 1933 habe niemand geahnt, was die Nationalsozialisten wirklich vorhatten. Dem widersprach entschieden Ulrike Kahlert (Grüne) und bekam ebenfalls deutlichen Beifall: „Jede Generation hat ein Recht darauf, sich mit ihrer Geschichte und der Ehrung von Personen neu auseinanderzusetzen.“

 Philip Storjohann prophezeite: „Für die Kieler bleibt es das Hindenburgufer, ohne dass sie damit die Person Hindenburgs in die Höhe heben wollen.“ Matthias Treibel (Grüne) erklärte wiederum, dass für ihn die Geschichte der Namensgebung entscheidend sei: „Und da geht es vor allem um Hindenburgs Rolle bei der sogenannten nationalen Erhebung.“

 Mehrfach sorgten Wortbeiträge für Rumoren, etwa als Hindenburg als unwürdig bezeichnet wurde und von einer „Straße der Schande“ die Rede war. Oder als der Begriff Nestbeschmutzer für die Anhänger einer Umbenennung fiel.

 In der Abstimmung dann spielten die Anträge der Linken (Umbenennung in Karl-Ratz-Ufer) und der Piraten (Rückbenennung in Strandweg) eine untergeordnete Rolle. Da der Ortsbeirat Wik nicht in beschlussfähiger Stärke angetreten war, hing das Votum, das den Ausschüssen und dem Rat eigentlich als Entscheidungsgrundlage dienen sollte, allein am Ortsbeirat Ravensberg. Der präsentierte ein Patt, wie schon in der Probeabstimmung am 13. November. Das Schlusswort hatte Dieter Hartwig: „Ich wünsche einen schönen Abend. Und die Welt geht nicht unter, wenn das Hindenburgufer umbenannt wird – übrigens auch nicht, wenn es bei dem Namen bleibt.“