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Kiel Räume für Kinder-Träume
Kiel Räume für Kinder-Träume
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07:00 21.09.2015
Von Karen Schwenke
Der dreijährige Rayan (rechts) und seine neuen Freunde kommen täglich in die neue Spieleeinrichtung in ihrer Gemeinschaftsunterkunft im Schusterkrug. Quelle: Karina Dreyer
Kiel

Die Kleinen laufen aufgeregt von einem Gegenstand zum nächsten, als könnten sie ihr Glück gar nicht fassen. Mit diesen überwältigenden Gefühlen ist in der Unterkunft mit fast 300 Flüchtlingen Anfang des Monats ein bis dahin wohl bundesweit einmaliges Projekt gestartet: eine offenes Angebot für Kinder- und für Jugendliche.

 Draußen, vor den Gebäuden auf dem ehemaligen MFG5-Gelände, ist viel los. Männer, jung und alt, unterhalten sich. Kinder spielen. Doch Frauen oder Mädchen sind kaum zu sehen. Sie bleiben meist in ihren engen Familienzimmern, die zugleich Wohn-, Ess- und Schlafzimmer sind, und kommen wenig raus. Das ändert sich nun. In der neuen Einrichtung für die Kleinen sitzt eine Mutter mit ihrem Baby. Ein Kleinkind spielt daneben. Genau so soll es sein. Nicht nur Kinder, auch ihre Eltern sind in den drei Spielräumen willkommen.

 Sechs Kilometer weiter in Schilksee sitzt der elfjährige Mahdi auf einem Pony an der Longe. Zwei Sozialpädagogen sind mit jungen Flüchtlingen außerhalb der Gemeinschaftsunterkunft unterwegs. Die Reitstunde wurde vom Sportverein Schilksee ermöglicht. Für die Aktion musste sich Nicol Perdomo, Sozialpädagogin im Schusterkrug, zuvor bloßstellen: „Ich habe gewiehert wie ein Pferd, um Eltern und Jugendlichen klar zu machen, das wir zum Reiten wollen.“

 Verständigung ohne gemeinsame Sprache erfordere eben Mut. Den bringt jetzt auch der 15-jährige Alayoubi auf. Zum allerersten Mal sitzt er auf einem Pferd. Er ist ohne Angehörige außer seinem 19-Jährigen Bruder aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Gern würde er hier zur Schule gehen, hat aber bisher keinen Platz. Dass er trotzdem noch lächelt, dafür sorgt an diesem Nachmittag das Pony. „ Die Arbeit mit den Flüchtlingen ist etwas ganz Besonderes“, schwärmt Nicol Perdomo. „Die Jugendlichen sind dankbar, höflich, freundlich, hilfsbereit und wollen dringend etwas lernen.“ Daher sei nicht die Sprachbarriere ihre größte Herausforderung, sondern es auszuhalten, „dass wir nicht immer so helfen zu können, wie wir das möchten“.

 Zurück im Kinderhaus der Gemeinschaftsunterkunft. Tarik Chouati (33), aus Marokko stammender Sozialpädagoge, sei ein Glücksfall für die Einrichtung, heißt es von allen Seiten. Er spricht arabisch, die Sprache der allermeisten Flüchtlinge, ist ein Kenner ihres islamischen Glaubens und kann sich in kulturelle Unterschiede einfühlen. Ein Beispiel: Moslems haben ein Problem damit, wenn ein männlicher Betreuer ihr Baby wickelt. Für Chouati kein Thema: „Ich habe sowieso kein Interesse an der Aufgabe; außerdem fehlt uns noch der Wickeltisch.“ Unterschiede zwischen den Flüchtlingskindern und deutschen Kindergartenkindern könne er und seine Kollegin übrigens kaum ausmachen: „Sie spielen, toben und sind fröhlich wie andere auch.“

 Doch Chouati erinnert: „In ihrem Leben haben viele dieser Kinder noch nie Spielzeug besessen oder gesehen.“ Der kleine Rayan ist vielleicht einer von ihnen. Im Moment ist der Dreijährige sehr beschäftigt. Von dem Kinderhaus auf der einen Straßenseite wechselt er gerade zu den Jugendlichen auf der anderen Seite. Fix läuft er die Treppe hinauf, wirft seine dunkle Lockenmähne nach hinten und verliert in der Eile einen seiner viel zu großen Kunststoffbotten. In der Hand hält er ein Matchboxauto. Schon vor einer Stunde hielt er das blaue Metallfahrzeug fest in der Hand. Oder war es da noch ein rotes? Egal. Es ist ein kleines Stückchen Glück – und für ihn so groß.

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