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Kiel Große Themen für große Städte
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09:00 23.06.2019
Von Michael Kluth
Foto: Stadtplanerin Kathrin Teichert
Stadtplanerin Kathrin Teichert aus dem Oberbürgermeisterbüro referierte über die verdichtete Stadt. Quelle: Sven Janssen
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Kiel

„Leben in der urbanen Stadt“ lautete der Titel des Internationalen Städteforums auf der Kieler Woche 2019. Für die ausländischen Gäste wurde ein englischsprachiger Titel gewählt: Forum „City of the Future“, die Stadt der Zukunft. Diskutiert wurde in drei Kapiteln.

Verdichtete Stadt:

Mit dem Bevölkerungswachstum stünden die meisten Städte vor gleichen Herausforderungen, registrierte die Stadtplanerin Kathrin Teichert, Büroleiterin des Kieler Oberbürgermeisters. Aber sie hätten durchaus unterschiedliche Lösungsansätze.

So gebe es in Quingdao in China Multifunktionshochhäuser mit Wohnungen, Kita, Arbeitsplätzen, Arztpraxen, Einkaufsmöglichkeiten unter einem Dach, und darauf einen Dachgarten für die Naherholung.

In Stralsund gebe es Kitas und Pflegeheime im selben Gebäude. So befruchteten die Generationen einander. 

In Tallin in Estland stellten schon heute Roboter Pakete zu und lieferten Pizza aus. So werde Lieferverkehr vermieden.

Skandinavische Städte setzten auf Dezentralisierung. So gebe es kleine Kliniken und Ärztehäuser über mehrere Stadtteile verteilt statt einem oder zwei Zentralkrankenhäusern.

Während Tallin auf kostenlosen Personennahverkehr setze, gelte im polnischen Gdynia: Was nichts kostet, ist nichts wert.

Und in Moshi Rural in Tansania sei das Auto noch ein echtes Statussymbol: „Da steigt keiner freiwillig aufs Fahrrad um, wenn er nicht muss.“

Zwei wesentliche Gemeinsamkeiten der Städte stellte Teichert fest. Alle setzten auf den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs, und allen sei klar: „Es braucht einen Plan.“

Grüne Stadt:

Die meisten Städte sind wachsende Städte und haben mit Flächenkonkurrenz zu kämpfen, konstatierte Kiels Grünflächenamtsleiterin Petra Holtappel. Und „Je größer die Stadt, desto größer die Probleme.“

Von Städten aus klimatisch ungünstigen Regionen habe sie gelernt: Grünflächen dienen nicht nur der Naherholung, sondern helfen bei Klimaereignissen wie Starkregen und Hochwasser.

Zudem beklagte Holtappel, in den allermeisten Städten sei der Grünanteil an der nutzbaren Fläche nicht gesetzlich verankert. Einzig in Quingdao müssten 85 Prozent jeder Baufläche unversiegelt bleiben. Folge: Dort wird verstärkt in die Höhe gebaut.

Die Wertschätzung für Naturflächen müsse buchstäblich geschult werden, meine Holtappel und hob den Grundsatz „Envolvement“ in Coventry hervor: Dort würden Menschen von klein auf einbezogen, etwa in „green classrooms“ (grünen Klassenzimmern) an den Schulen.

Historische Stadt:

Manch moderne Stadtentwicklung steht im Widerstreit mit dem Denkmalschutz. Die Denkmalschützerin Birgit von Rüdiger empfahl „lieber mal einen warmen Pullover“ statt energetischer Sanierung. Und Solarzellen hätten auf Kirchen und alten Rathäusern nichts verloren, wohl aber auf Wohngebäuden, auch wenn sie historisch sind.

Wichtig für den Denkmalschutz seien Eigentumsfragen, sagte von Rüdiger und hob das Beispiel Coventry hervor: Da seien die meisten historischen Gebäude in städtischer Hand.

Sie empfahl auch die Mehrfachnutzung historischer Gebäude. Tagsüber Kirche, abends Konzertsaal zum Beispiel. Oder historische Industriehallen als Heimstatt für vielfältige Kleinbetriebe. 

Sie hob zwei internationale Vorbilder hervor: In Brest gebe es Wandertouren zu historischen Stadtpunkten. Und Göteborg habe einen „beauty council“, einen Schönheitsrat für attraktive Stadtgestaltung. Das stehe im Gegensatz zu Kiel, wo nach dem Grundsatz geplant werde: „Jede Generation hat ihre eigene Gestaltung.“

Tallin und Skandinavien: "Vorbilder, wo wir erst noch hin wollen"

Abschließend nannte Teichert Tallin und die skandinavischen Städte „Vorbilder, wo wir erst noch hin wollen“. Sie empfahl, alle drei Bereiche Verdichtung, Grün und Historie zusammen zu denken, Konkurrenzen auszugleichen und Kompromisse einzugehen. Holtappel widersprach und forderte entschieden einen Vorrang für Naturflächen: „Gewachsene Wälder sind nicht zu ersetzen!“

Diese Partnerstädte und befreundeten Städte waren beim Internationalen Städteforum der Kieler Woche 2019 dabei

Partnerstädte:

Brest (Frankreich)

Coventry (England)

Gdynia (Polen)

Tallin (Estland)

Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern)

Kaliningrad (Russland)

Sovetsk (Russland)

Moshi Rural (Tansania)

Befreundete Städte:

Quingdao (China)

Malmö (Schweden)

Göteborg (Schweden)

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