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Kiel Grünes Licht für neues Netzwerk
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15:47 25.01.2020
Von Kristiane Backheuer
Ganz schön abgefahrene Entwürfe: Die Muthesius-Studenten Vincent Steinhart-Besser, Yigang Shen, Tobias Gehrke und Simeon Ortmüller (von links) präsentieren die zwei prämierten Fähr-Modelle. Quelle: Ulf Dahl
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Kiel

Über Nacht berühmt: Vor ein paar Monaten sah noch alles nach einer ganz normalen Semesterarbeit aus. Eine Personenfähre für die Kieler Förde sollte entwickelt werden, die autonom ohne Kapitän unterwegs ist. Also machten sich fünf Muthesius-Studenten ans Werk.

Zwei Designpreise gewonnen - Auch aus Dubai liegen Anfragen vor

Doch als sie im März erstmals ihre selbst gebauten Modelle vorstellten, schlugen diese ein wie eine Bombe. Die Fachwelt schwärmte von der „Leichtigkeit der Ästhetik“, von der „kongenialen Umsetzung“. Zwei Designpreise gab es bereits für ihre Entwürfe. Gerade wurden die Modelle in Mailand vorgestellt. Sogar aus Dubai liegen Anfragen vor.

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In einem Nebengebäude der Muthesius-Kunsthochschule geht es zunächst treppauf und treppab durch verwinkelte Gänge. Im zweiten Stock erstreckt sich dann der helle Arbeitsbereich der Studenten. Hier sitzen Simeon Ortmüller (27), Tobias Gehrke (32), Vincent Steinhart-Besser (27) und Yigang Shen (27) aus China, der seit zwei Jahren in Kiel studiert.

Mit zum Team gehört auch Jingyue Chen. Doch die 25-jährige Chinesin, die vor allem für die Inneneinrichtung der Fähren zuständig war, hat heute einen anderen Termin. Im gläsernen Konferenzraum stehen die beiden Modelle und warten auf ihren Auftritt. „Genial“, denkt man sofort beim Anblick der futuristischen Fähren.

Visonärer Fährverkehr

Eine Kombination aus autonom fahrenden Bussen und Förde-Fähren könnte in Zukunft den Nahverkehr in Kiel revolutionieren. Daran wollen Wissenschaftler Kieler Hochschulen und des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung gemeinsam mit einem Firmenkonsortium arbeiten. Das Land werde das Projekt mit absehbar einer halben Million Euro fördern, sagte Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) jetzt. Er habe den Projektträgern grünes Licht für den Aufbau des nötigen Netzwerks gegeben. «Unser gemeinsames Ziel ist es, zukünftig mehr Menschen dazu zu bringen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen und damit die Umwelt und vor allem Menschen in der Stadt zu entlasten», sagte Buchholz.

Das Mobilitätsprojekt heißt «CAPTin Kiel» (Clean Autonomous Public Transport/Sauberer autonomer öffentlicher Verkehr). Außer den Hochschulen und Unternehmen wie TKMS, Raytheon Anschütz und German Naval Yards ist auch die Landeshauptstadt Kiel mit ihren Gesellschaften Partner des Verbundes. Derzeit bereiten Forscher ein digitales Testfeld an und auf der Kieler Förde vor. Die beteiligten Unternehmen planen laut Wirtschaftsministerium zudem den Bau eines Schiffes als Versuchsträger auf der Grundlage von Designstudien der Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Für den Antrieb der Busse und Personenfähren soll «grüner Wasserstoff» verwendet werden, gewonnen aus Windstrom in Schleswig-Holstein.

Das erste Modell mit Namen „Passage“ ist wie eine klassische Autofähre mit Anleger konzipiert. Das zweite Modell unter dem Titel „Floating Platform“ ist dagegen eine gläserne, sehr offene Fähre, die über dem Wasser zu schweben scheint. Dank einer VR-Brille (Virtual Reality), die die Masterstudenten grinsend reichen, tut sie das auch. „Das Projekt hat sehr viel Spaß gemacht“, erzählt Tobias Gehrke. Sei aber auch sehr, sehr viel Arbeit gewesen. 

Von Fähren hatten die Fünf nämlich bisher kaum eine Ahnung. Im Studium hatten sie sich um Dinge wie ökologische Döner-Verpackungen, um Wassergewinnung aus der Luft oder um Brennstoffzellen gekümmert. Nun also Fähren.

Kiel: Experten der CAU und der FH zu Rate gezogen

„Als erstes sind wir mit der ,Schwentine’ nach Wellingdorf gefahren“, erzählt Simeon Ortmüller. „Danach haben wir alles hinterfragt.“ Welche maritimen Vorschriften gibt es? Wie funktionieren die Anleger? Wie verhält sich die Wasserverdrängung? Welche Technik ist an Bord nötig? Wie ist das Ein- und Ausstiegsverhalten der Passagiere? Es wurde recherchiert, mit Materialwissenschaftlern und anderen Experten von der Uni und der Fachhochschule gesprochen, mit Werften und Unternehmen.

Ab 2021 soll auf der Kieler Förde erstmals eine autonome Personenfähre testweise zum Einsatz kommen. Unter dem Titel CAPT in Kiel (Clean Autonomous Public Transport) ist die Entwicklung einer zukunftsweisenden Verkehrsinfrastruktur in Kiel geplant. Autonome Fähren und ein emissionsfreier Personennahverkehr stehen bei dem Pilotprojekt im Zentrum. Wissenschaft (CAU und FH), Politik, Verwaltung und Industrie arbeiten dabei Hand in Hand. Die Muthesius-Kunsthochschule ist mit im Boot und hat die beiden Fähren entworfen.

Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer unterstützt das Projekt: „Die Idee einer autonomen Fähre auf der Förde ist genial und stößt auf Landes- und Bundesebene auf wachsendes Interesse.“ Bald soll es konkret werden. Kürzlich besuchte eine Kieler Projektdelegation das Bundeswirtschaftsministerium und lotete die Möglichkeit aus, ein digitales Testfeld auf der Kieler Förde einzurichten. Bis Ende 2019 sollen erste konkrete, technische Kooperationsprojekte entwickelt werden, die dann auf dem Testfeld durchgeführt werden sollen. Kiel will mit dem Projekt langfristig auch den Personennahverkehr auf der Kieler Förde stärken. Autonome Schiffe könnten zudem zu einer Attraktion für Touristen werden.

„Am Schluss hatten wir 60 verschiedene Entwürfe“, sagt Tobias Gehrke. „Danach haben wir das Beste aus allem in diesen beiden Fährmodellen vereint.“ Anschließend wurden die beiden Modelle per 3-D-Drucker, Fräse und Lasercutter gebaut. Eine mühevolle, kleinteilige Arbeit. Aber ein erster Schritt in Richtung Realität.

So euphorisch die beiden Modelle in der Fachwelt aufgenommen wurden, Kritik gab es auch. „Vor allem die Älteren sind oft Neuerungen nicht aufgeschlossen“, hat Tobias Gehrke festgestellt. Von Designer-Hirngespinsten sei die Rede, die nie und nimmer funktionieren würden. „Aber unsere Fähren sind umsetzbar“, sagt Vincent Steinhart-Besser. „Es ist nicht einfach, aber machbar, wenn weitere Forschungen und Entwicklungen vorangetrieben werden.“

Deutsche Gesetze und Vorschriften machen Schwierigkeiten

Schwierigkeiten machen allerdings die deutschen Gesetze und Vorschriften. „Aus Brandschutzgründen wurde beispielsweise in den 60er-Jahren Stahl als Baumaterial für Fähren vorgeschrieben“, so Tobias Gehrke, der gelernter Bootsbauer ist. „In Holland werden schon lange leichte Faserverbundstoffe verwendet, genauso wie bei privaten Jachten. Ich denke, auch ein Gesetz muss mit der Zeit gehen und sich der Zukunft anpassen.“ 

Dann erzählen sie von ihrem Professor, Prof. Detlef Rhein, der immer zu den Studenten sagt: „Wir sind die professionellen Unwissenden.“ Und genau dadurch könne Altes neu durchdacht werden. „Wir zeigen Lösungen, wie es optimal und wünschenswert wäre“, so Yigang Shen. Die Fünf geben aber zu, dass ihre beiden Förde-Fähren schon „radikal“ seien. 

Ihren Projekt-Part haben sie nun erfüllt. Jetzt müssen sich die Fachhochschule, die Christian-Albrechts-Universität, die Stadt Kiel und die weiteren Partner um die Umsetzung kümmern. „In fünf Jahren könnten unsere Fähren auf der Förde fahren“, ist sich Simeon Ortmüller sicher.

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