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Kiel Anja Birkmann begleitet todkranke Kinder
Kiel Anja Birkmann begleitet todkranke Kinder
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13:14 27.12.2019
Von Kristiane Backheuer
Einmal die Woche kommt Anja Birkmann und kuschelt mit der kleinen Mia. Das Mädchen wird vermutlich in absehbarer Zeit sterben. Bis dahin gibt die ehrenamtliche Hospizhelferin der Eineinhalbjährigen Wärme und Nähe. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
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Kiel

Von außen betrachtet, müsste sich Anja Birkmann jeden Mittwoch, wenn sie aus dem St. Antoniushaus in Kiel kommt, vor Traurigkeit verkriechen oder einfach nur resignieren. Doch die 48-Jährige aus Flintbek macht genau das Gegenteil.

Mia bleibt vermutlich nicht mehr viel Zeit

Sie strafft die Schultern, öffnet ihr Herz und fährt jeden Mittwoch wieder hin. Ins St. Antoniushaus. Dort betreut sie seit September als ehrenamtliche Hospizhelferin die eineinhalbjährige Mia (Name von der Redaktion geändert). Mia ist ein Findelkind. Sie hat schwerste Behinderungen. Sie wird vermutlich in absehbarer Zeit sterben.

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Anja Birkmann ist erst seit einem Jahr in der Hospizarbeit aktiv. Und sie hat sich den vielleicht schwersten Part ausgesucht: Kinder und Jugendliche betreuen, deren Lebenszeit in Kürze endet oder deren Eltern lebensbedrohlich erkrankt sind.

"Ich denke, dass es Zeit ist, etwas zurückzugeben"

„Für mich ist das ein wundervolle Aufgabe“, erzählt sie. „Ich hab’ selbst schon so viel Mist im Leben erfahren. Hatte eine schwierige zweite Schwangerschaft. Inzwischen sind meine Jungs 22 und 25 und kerngesund. Ich denke, dass es Zeit ist, etwas zurückzugeben.“

Eine Nachbarin bringt ihr eines Tages Flyer von der Hospizarbeit mit Kindern mit. „Da wusste ich sofort: Das ist es.“

Jetzt ist wieder Mittwoch, und wir treffen Anja Birkmann im St. Antoniushaus in Kiel-Elmschenhagen. Hier leben Kinder und Jugendliche mit Behinderungen. Mia ist eine davon.

Ein Sauerstoffgerät hilft Mia beim Atmen

Als wir in die gelbe Gruppe kommen, die Mias Zuhause ist, schläft sie gerade in ihrem weißen Gitterbett. Ihr kleiner Körper ist verkabelt. Der Sauerstoffgehalt im Blut, ihr Puls - alles wird rund um die Uhr überwacht. Wie lange sie noch zu leben hat, weiß niemand. Ein Sauerstoffgerät hilft ihr beim Atmen. Zwei kleine Schläuche in der Nase versorgen sie mit angewärmter Luft. Über eine Sonde wird sie ernährt.

Vorsichtig legt Anja Birkmann ihre Hand auf den Rücken des schlafenden Mädchens. „So ruhig und friedlich ist sie sonst nicht“, sagt sie. „Sie hatte gerade einen Infekt und hohes Fieber. Wir alle haben uns ziemliche Sorgen gemacht.“

Als sie Mia im September das erste Mal besucht, weiß sie nicht, ob sie der Aufgabe gewachsen ist. „Ich bin zwar selbst zweifache Mutter und zudem noch Arzthelferin bei einem Allgemeinarzt, aber mit einem behinderten Kind, das nicht mehr lange zu leben hat, umzugehen, ist dann doch etwas komplett anderes“, sagt sie.

Im St. Antoniushaus in Kiel hat Mia viele Fans

Aber kaum hat sie Mia auf dem Arm, ist die Angst verflogen. Eine Verbindung ist sofort da. „Mia hat viele Fans“, erzählt Anja Birkmann, die wie alle Hospizhelfer immer nur einen Menschen zur Zeit bis zum Tod begleitet. „Sie strahlt eine unglaubliche Wärme aus. Man kann sie einfach nur gerne haben.“ Seitdem kommt Anja Birkmann jeden Mittwochnachmittag zwei Stunden zum Kuscheln vorbei.

Langsam öffnet Mia die Augen. Ob sie sehen kann, weiß nicht einmal der Arzt genau. Aber hören kann sie gut. „Sie liebt Geschichten“, sagt Schwesternhelferin Vanessa, die gerade hereinkommt. Eigentlich hat die 37-Jährige heute ihren freien Tag. Aber nach „ihrer“ Mia schaut sie, wann immer es geht.

„Wir versuchen ihr die Zeit, die sie hier auf der Erde hat, so schön wie möglich zu machen“, sagt sie. Dazu gehört auch, Mia zu fördern. Für Weihnachten hat sie bereits eine neue Geschichte für die „Toniebox“, ein würfelförmiges Tongerät, gekauft. „Mia fährt total auf die Eiskönigin mit Elsa und Anna ab“, erzählt Vanessa.

Zum Selbsterzählen fehlt dem Team meist die Zeit. Deshalb wird Anja Birkmann ja auch so erfreut von allen aufgenommen.

Das Thema Hospiz ist der Unterhaltungskiller

Ein halbes Jahr lang dauert die Ausbildung zum sogenannten „Familienbegleiter in der ambulanten Hospizarbeit". Da viele berufstätig sind, wird am Wochenende und an einigen Abenden geschult. „Ich hätte mir nie vorstellen können, wie vielseitig und umfassend die Ausbildung ist“, schwärmt Anja Birkmann.

Allerdings sei das Thema auf Partys der absolute Unterhaltungskiller. „Wenn Außenstehende Hospiz hören und dann auch noch das Wort Kinder, war’s das oft mit dem Gespräch. Damit will sich niemand auseinandersetzen“, bedauert sie.

Auch das „bisschen Kuscheln“ werde oft nicht ernst genommen. „Dabei kann man mit so wenig so viel erreichen und helfen.“ Als „total erfüllend“ bezeichnet sie ihr Ehrenamt. „Letztens hatte ich eine katastrophale Woche“, erzählt sie. „Dann kam ich hier an und wusste: Ich bin hier so richtig.“

Mia röchelt und kämpft

Mia ist jetzt richtig wach. Schwesternhelferin Vanessa legt das kleine Persönchen in die Arme von Anja Birkmann. Die hat es sich schon in einem Sessel bequem gemacht. Aber so richtig gut geht es Mia noch nicht. Die Geräte piepsen in einer Tour. Auch die graue Gesichtsfarbe lässt nichts Gutes erahnen.

Mia röchelt und kämpft. „Jetzt in aufrechter Lage sammelt sich ordentlich Sekret an“, sagt Vanessa und schnappt sich einen winzig kleinen Schlauch. „Das Absaugen ist die wichtigste Hilfe, die wir ihr geben können.“

Dann ist auch noch die Windel voll. Als Mia schließlich mit sauberer Büx wieder im Arm von Anja Birkmann liegt, beruhigen sich endlich die Geräte. Puls und Sauerstoffgehalt im Blut sind optimal. Ihr Gesicht sieht wieder rosig aus. Die Kuschelzeit kann beginnen.

Gutes tun im Advent: So können Sie helfen

Der Verein „KN hilft“ sammelt Spenden für die Hospizarbeit in den Kreisen Rendsburg-EckernfördePlön, Segeberg sowie in den Städten Kiel und Neumünster. Ein Spendenkonto bei der Förde Sparkasse ist eingerichtet. Unter dem Stichwort „Gutes tun im Advent“ können Sie spenden auf das Konto DE05 2105 0170 1400 2620 00.

Möchten Sie nicht, dass Kieler Nachrichten oder Segeberger Zeitung Sie als Spender erwähnen, so schreiben Sie bitte hinter den Verwendungszweck den Hinweis „kein Name“. Spenden können Sie bis zum Ende des Jahres.

Zusätzlich unterstützen die Kieler Nachrichten die Sammelaktion: Von jeder Ausgabe, die der Verlag am 21. Dezember 2019 im Einzelhandel verkauft, fließen 20 Cent direkt auf das Spendenkonto.

Außerdem geht der Gewinn aus dem Verkauf der KN-Adventskalender-Lose an den Hospizverband. Der Verband wird das Geld an Einrichtungen und Vereine im Verbreitungsgebiet von Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung weiterleiten.

Traute Zweisamkeit beim Kuscheln

Anja Birkmann streichelt mit dem Zeigefinger Mias Kinn, dazu gibt es Komplimente ohne Ende. „Mia hat die schönsten Augen“, sagt sie lachend. Und die längsten Wimpern aller Zeiten. Kein Wunder, dass ihr alle hier im Antoniushaus erlegen sind. Die beiden auf dem Sessel versinken in trauter Zweisamkeit. Mit großen Augen fixiert Mia ihren Besuch und entspannt. Eine unglaubliche Ruhe breitet sich aus.

Nicht das Sterben begleiten sie, sondern das Leben

Der Gedanke, dass Mia nur noch eine begrenzte Lebenszeit hat, spielt keine Rolle mehr. Was zählt, ist jetzt der Moment. Deshalb würde sich Anja Birkmann auch nie vor Traurigkeit verkriechen oder auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt schimpfen. Ein Satz hat sie während ihrer Ausbildung besonders beeindruckt: „Wir begleiten nicht das Sterben. Wir begleiten das Leben.“ Und das kann so ein kleiner Mensch wie Mia jetzt ganz wunderbar gebrauchen.

Alles über die Unterstützung der Hospizarbeit lesen Sie hier.

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