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Kiel Anja Schmidt (48) lebt im Hospiz und sagt: "Ich genieße jeden Tag!"
Kiel Anja Schmidt (48) lebt im Hospiz und sagt: "Ich genieße jeden Tag!"
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09:25 29.11.2019
Von Kristiane Backheuer
Wenn das Ende immer näher kommt: Anja Schmidt lebt seit Mai im Kieler Hospiz. Die Ärzte können für die Krebspatientin nichts mehr tun. "Ich bin zufrieden, wie es ist", sagt sie. "Aber noch genieße ich jeden Tag." Quelle: Ulf Dahl
Kiel

Der Kopf weiß, dass das Sterben das Natürlichste der Welt ist. Aber das Gefühl sagt etwas ganz anderes. Sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, ist nicht unbedingt ein Standardthema in unserer Gesellschaft.

Als wir Anja Schmidt (48) im Kieler Hospiz besuchen, nimmt sie schnell die Angst. „Wo ist das Problem?“, fragt sie lächelnd und bittet den Besucher, an ihrem Bett Platz zu nehmen. Vor wenigen Tagen hat Anja Schmidt Geburtstag gefeiert. Mit alkoholfreiem Sekt und Geburtstagsständchen. Vermutlich wird es der letzte Geburtstag ihres Lebens gewesen sein.

Im Hospiz in Kiel lebt Anja Schmidt seit Mai

Seit Mai lebt Anja Schmidt in einem rund 25 Quadratmeter großen, gemütlichen Hospiz-Zimmer in Kiel mit eigenem Bad. Eine lange Zeit. „Manche ziehen dienstags ein“, erzählt sie, „und sind am Mittwoch schon verstorben.“ Vom Tod berichtet dann eine Rose, die vor der Zimmertür liegt.

An das Kommen und Gehen hat sich Anja Schmidt schon gewöhnt. An den Tod aber noch lange nicht. Immer wieder spielt das Gehirn ihr Streiche. Dann träumt sie von einer Wunderheilung. Von dem Gefühl, wieder laufen zu können. Und davon, diese Räumlichkeiten irgendwann wieder zu verlassen. Doch der Verstand sagt, dass das Unsinn ist. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Im Jahr 2011 wird bei ihr Brustkrebs diagnostiziert

Die Wände in ihrem Zimmer mit den vielen Fotos zeugen von einem Leben davor. Einem Leben voller Fröhlichkeit, vielen Reisen und einer unbeschwerten Zeit mit ihrem Lebenspartner Jens und dem Dalmatiner Hunter. Im Jahr 2011 wird bei Anja Schmidt Brustkrebs diagnostiziert. Sie besiegt den Krebs. So denkt sie damals zumindest.

Aber fünf Jahre später ist er wieder da. „Im Tauchurlaub in Ägypten gehorchten meine Beine plötzlich nicht mehr, und ich sah alles verschwommen“, erzählt sie. Kaum aus den Ferien zurück, entdecken die Ärzte bei der gelernten Floristin einen Hirntumor.

Eine tickende Zeitbombe im Gehirn

Der Krebs sitzt so unglücklich, dass bei der OP nicht alles entfernt werden kann. So bleibt eine tickende Zeitbombe in ihr, und der Verfall beginnt. Irgendwann ist sie dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen. Das Haus in Revensdorf müssen sie und ihr Partner verkaufen. Sie ziehen in eine ebenerdige Wohnung in Gettorf. Chemo und Therapien schwächen sie. Irgendwann geht nichts mehr. „Ich wollte nicht in ein Pflegeheim“, erzählt sie. „So kam ich ins Hospiz.“

Ihre Beisetzung hat sie bereits geplant

Hier in der hellen, freundlichen Umgebung mit den 16 Zimmern versucht sie, die noch verbleibende Zeit gut zu verbringen. Sie malt Bilder, bindet Blumenkränze, schaut Fernsehserien und beobachtet die Natur. Draußen auf der Terrasse ihres ebenerdigen Zimmers steht ein großes Vogelhäuschen. Ein Specht, viele Meisen, eine Fasanenfamilie und ein paar Rotkehlchen schauen hier regelmäßig vorbei.

Anja Schmidt verbringt ihre letzte Lebenszeit im Kieler Hospiz.

Sie hat ihre Beisetzung bereits geplant. „Mit meinen Eltern habe ich ein Gemeinschaftsgrab in Gettorf gekauft“, erzählt sie. „Direkt unter einem Birnbaum. Der Gedanke, in der Natur zu sein, gefällt mir.“

Angst vorm Sterben hat sie nicht - nur Respekt

Manchmal träumt sie vom Tod. „Diese Träume waren aber nicht düster und erschreckend, sondern hell und freundlich. Am Ende eines Tunnels haben Menschen, die aus warm-weißem Licht bestanden, auf mich gewartet.“ Sie hofft, dass sie ihre Oma und ihren Hund Hunter dort eines Tages sehen wird.

Ob sie Angst vorm Sterben hat? „Angst nicht“, sagt sie und überlegt. „Eher Respekt.“ Gläubig sei sie nicht. „Aber ich denke, dass irgendjemand auf uns aufpasst und uns beschützt.“ Im Hospiz werden ihr nun alle Wünsche von den Augen abgelesen. „Alle sind ganz rührend“, sagt sie. „Aber ich wünschte, ich wäre nicht so abhängig.“

Alleine schafft sie es nicht in den Rollstuhl. Alleine kann sie weder gehen noch stehen. Wenn sie sich etwas Irdisches wünschen dürfte? „Mehr Haare und 20 Kilo weniger“, sagt sie und lacht. Aber dafür schmecken ihr Karamellbonbons und Pizza viel zu gut.

Viele Freunde haben Angst vor dem Thema "Tod"

Was sie sich von ihren Mitmenschen wünscht? „Dass sie ehrlich zu mir sind“, sagt sie spontan. Seitdem sie schwerkrank ist, haben sich die Freundschaften arg reduziert. „Viele haben sich zurückgezogen, weil sie mit der Situation nicht umgehen können“, sagt sie. Mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert zu werden, ist nicht leicht. Aber was soll da erst ein Sterbenskranker sagen?

Mit einem Gartengreifer aus dem Baumarkt zieht sie ihre Decke zu sich heran und erzählt von ihren wilden Shopping-Touren, bevor sie ins Hospiz kam. „Wer sagt denn, dass man jemandem etwas hinterlassen muss?“, fragt sie schmunzelnd. Jeden Morgen liebt sie es, sich schick anzuziehen und sich hübsch zu machen.

KN-Aktion "Gutes tun im Advent"

Nachher wird noch ihr Lebenspartner Jens vorbeikommen und mit ihr eine Runde im Rollstuhl an der frischen Luft drehen. „Ich genieße jeden Tag“, sagt sie und schiebt hinterher: „Aber natürlich gibt es auch Tage, an denen ich labil bin und nur weine. Und Tage, an denen die Schmerzen so übermächtig sind, dass ich mich sogar auf den Tod freue.“ Aber im Moment sei alles okay so, wie es jetzt ist.

Lachend zeigt sie auf eine Postkarte, die auf dem Nachttisch steht. „Es ist, wie es ist“, steht darauf. Ihr Lebensmotto.

Gutes tun im Advent: So können Sie spenden

Der Verein „KN hilft“ sammelt Spenden für die Hospizarbeit in den Kreisen Rendsburg-Eckernförde, Plön, Segeberg sowie in den Städten Kiel und Neumünster. Ein Spendenkonto bei der Förde Sparkasse ist eingerichtet. Unter dem Stichwort „Gutes tun im Advent“ können Sie spenden auf das Konto DE05 2105 0170 1400 2620 00.

Möchten Sie nicht, dass Kieler Nachrichten oder Segeberger Zeitung Sie als Spender erwähnen, so schreiben Sie bitte hinter den Verwendungszweck den Hinweis „kein Name“. Spenden können Sie bis zum Ende des Jahres.

Zusätzlich unterstützen die Kieler Nachrichten die Sammelaktion: Von jeder Ausgabe, die der Verlag am 21. Dezember 2019 im Einzelhandel verkauft, fließen 20 Cent direkt auf das Spendenkonto.

Außerdem geht der Gewinn aus dem Verkauf der KN-Adventskalender-Lose an den Hospizverband. Der Verband wird das Geld an Einrichtungen und Vereine im Verbreitungsgebiet von Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung weiterleiten.

Weitere Reportagen zu der KN-Aktion "Gutes tun im Advent", die in diesem Jahr die Hospiz- und Palliativ-Bewegung unterstützt, finden Sie hier.

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