Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Suizidgedanken, Gewalt und Missbrauch: Kinder und Jugendliche suchen Hilfe
Kiel

Gutes tun im Advent: Nummer gegen Kummer - Gewalt nimmt durch Corona zu

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:50 23.11.2020
Von Heike Stüben
40 Ehrenamtliche arbeiten bei der Nummer gegen Kummer, den der Ortsverband Kiel des Kinderschutzbunds anbietet. Quelle: Ulf Dahl
Anzeige
Kiel

„Meine Eltern sind plötzlich so aggressiv.“ Sechs Worte, die viel aussagen über das Leben von Kindern in Corona-Zeiten. Sechs Worte, die jetzt immer wieder am Kinder- und Jugendtelefon fallen. Wie geht man damit um, wenn ein Kind Not hat und es nur diesen einen anonymen Telefonkontakt gibt? Ein Besuch bei der „Nummer gegen Kummer“ vom Ortsverband Kiel des Kinderschutzbundes.

Ein heller Raum mit Schreibtisch, Telefon, PC. Auf den ersten Blick ein Büro, wie es viele in Kiel gibt. Wäre da nicht das kleine Sofa mit der großen bunten Stoffschlange und das strikte Verbot, bei geschlossener Tür zu stören. Denn hier geht es um Vertraulichkeit, Stillschweigen. Wer hier Dienst tut, muss seine Ohren und sein Herz öffnen. Es ist der Arbeitsplatz von 40 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die abwechselnd den Telefonhörer abnehmen, wenn ein Kind oder Jugendlicher die Nummer gegen Kummer wählt.

Anzeige

Natürlich dürfen wir nicht bei den Gesprächen dabei sein. Auch die Beraterinnen bleiben anonym. Kein Name, kein erkennbares Foto. So sehen es die Regularien vor – auch zum Schutz des Teams, das so vielfältig wie das Leben ist. Die Jüngste gerade einmal 16 Jahre alt, die Älteste 80.

24-Jährige: Zweimal im Monat für jeweils zwei Stunden, länger ist nicht sinnvoll

Wie kommt man zu solch einer extrem verantwortungsvollen ehrenamtlichen Tätigkeit? „Ich wollte in meinem Pädagogikstudium etwas Praktisches machen“, antwortet eine Studentin, „Zuhören finde ich schön, und ich habe mich gefragt: Wann höre ich eigentlich jemandem richtig zu? Dabei hätte ich mir in meiner Kindheit und Jugend selbst oft gewünscht, jemanden zu haben, der mir zuhört. Jetzt kann ich das anderen anbieten.“ Mindestens zweimal im Monat macht die 24-Jährige Dienst, jeweils für zwei Stunden. Länger ist es nicht sinnvoll – dafür sind die Probleme der Anrufer oft zu schwerwiegend.

Lesen Sie auch:

In diesem Jahr kommen noch die Corona-Einschränkungen hinzu, die Eltern verunsichern und viele Kinder und Jugendliche bedrücken. „Die große Frage ist: Wann wird es wieder besser? Sonst haben Mama und Papa auf alles immer eine Antwort und Hoffnung geben können – diesmal kennt aber niemand die Antwort, und das verunsichert die Kinder sehr“, sagt die Studentin.

Andere Kinder litten unter Langeweile, weil das Schwimmen oder der Sport wegfallen, vermissen die Kontakte zu Gleichaltrigen. Das heizt zu Hause Konflikte mit Geschwistern und Eltern an – man kann sich nicht mehr wie vorher aus dem Weg gehen.

Gutes tun im Advent

Gutes tun im Advent: So können Sie spenden

Der Verein KN hilft ruft in diesem Jahr zu einer Spendensammlung für den Kinderschutzbund im Verbreitungsgebiet der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung auf. Dafür ist das Spendenkonto –Stichwort Gutes tun im Advent – bei der Förde Sparkasse eingerichtet: DE052105 0170 1400 2620 00.

Möchten Sie nicht, dass Sie als Spender in der Zeitung erwähnt werden, schreiben Sie bitte hinter den Verwendungszweck den Hinweis„kein Name“. Möchten Sie eine Spendenbescheinigung, vermerken Sie bitte „Spendenbescheinigung“ und Ihre Adresse.

Alle Spenden, die bis Ende des Jahres für „Gutes tun im Advent“ auf dem Konto eingehen, werden an den Förderverein des Kinderschutzbundes überwiesen. Damit werden zusätzliche Hilfen für von der Corona-Krise betroffene Kinder, Jugendliche und Familien finanziert.

Suizidgedanken, Gewalt, Missbrauch: "Das kommt jetzt häufiger vor"

Und dann sind da auch Fälle von Suizidgedanken, von Gewalt und Missbrauch. „Das kommt jetzt häufiger vor“, sagt eine andere Beraterin, die ebenfalls studiert. Die 25-Jährige erinnert sich an einen Jungen und ein Mädchen, die beide Missbrauch durch die eigenen Eltern erlebt haben.

„In dem einen Fall ist es erstmals in der Corona-Krise zum Missbrauch gekommen. Das andere Kind berichtet, dass die sexuellen Übergriffe in der Pandemie zugenommen haben. Das waren zwei sehr schwierige Gespräche, weil die Kinder niemanden zum Reden hatten und ich als Beraterin die erste Person war, der sie sich anvertraut haben.“

Kontaktmöglichkeiten

Nummer gegen Kummer

Die Nummer gegen Kummer berät anonym und kostenlos: Am Sonnabend sitzen junge Berater am Kieler Telefon, ansonsten wechseln sich alle Altersgruppen ab. Außerdem gibt es noch ein Elterntelefon. Die Nummer gegen Kummer gibt es bundesweit an 89 Standorten.

Kinder- und Jugendtelefon: 116111 (täglich außer Sonntag 14 bis 20 Uhr)

Elterntelefon: 0800/1110550 (Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr, Dienstag und Donnerstag bis 19 Uhr)

E-Mail-Beratung: www.nummergegenkummer.de

Nach den Gesprächen: Erst einmal durchatmen

Wie erträgt man es, wenn man auflegt und weiß: Da draußen ist irgendwo ein Kind, das Missbrauch ausgesetzt ist und man kann es nicht davor bewahren? Die 25-Jährige erzählt, dass sie nach solchen Gesprächen erst einmal aufsteht, das Fenster öffnet und tief durchatmet. „Ich versuche, das nicht mit nach Hause zu nehmen, aber natürlich ist das belastend. Wir lernen zum Glück in unserer Ausbildung, damit umzugehen, und bekommen auch Supervision.“

Man müsse sich klarmachen, was eine Telefonberatung kann oder wo die Grenzen sind, sagt die 24-Jährige. „Ich kann zuhören und dem Kind den Raum geben, alles jemandem zu erzählen und zu erleben: Da ist jemand, der glaubt mir, der nimmt mich ernst.

Wir überlegen auch zusammen, ob es in seinem Umfeld eine Person gibt, der sich das Kind anvertrauen kann und wo es vielleicht Unterstützung bekommt.“ Und natürlich kann das Kind immer wieder die Nummer gegen Kummer anrufen oder Mails schreiben und sich so über einen längeren Zeitraum mit der Beraterin austauschen.

Der Newsletter der Kieler Lokalredaktion

Einen Überblick über das, was die Menschen in der Stadt bewegt, bekommen Sie jeden Mittwoch in Ihr Postfach

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Kinder brauchen Sicherheit

„Durch den Anruf erlebt das Kind, dass es aktiv etwas gegen sein Problem unternimmt. Das ist schon ein erster großer Schritt. Unsere Beraterinnen und Berater hören den Kindern zu und suchen gemeinsam mit ihnen eine Lösung“, erklärt Martina Teschner (57), die die „Nummer gegen Kummer“ beim Kieler Kinderschutzbund koordiniert und die Berater ausbildet und betreut.

„Gerade in Krisenzeiten wie jetzt brauchen Kinder Sicherheit, Geborgenheit, ungeteilte Zuwendung und Zuversicht. Wir können ihnen ungeteilte Zuwendung geben und oft auch etwas Zuversicht.“

Frank Behling 23.11.2020
Kiel Zugverkehr gesperrt - Kinder spielten am Gleis in Kiel
Niklas Wieczorek 23.11.2020
Niklas Wieczorek 23.11.2020