Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel "Das Sterben kann sehr friedlich sein"
Kiel "Das Sterben kann sehr friedlich sein"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:18 21.12.2019
Von Robert Michalla
Spendenaktion "Gutes tun im Avent" für Hospize: "Das Sterben kann sehr friedlich sein", sagt Palliativmediziner und Hospizverbands-Vorsitzender Prof. Dr. Roland Repp. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Anzeige
Kiel

Ob für den Bau von Hospizen oder die Schulung von Mitarbeitern: Die ehrenamtlichen Sterbebegleiter sind auf Spenden angewiesen. In diesem Jahr sammelt der Verein "KN hilft" im Rahmen der Aktion "Gutes tun im Advent" Geld für Hospize und Hospizvereine in unserer Nachbarschaft.

Prof. Dr. Roland Repp ist Vorsitzender des Hospiz- und Palliativverbandes Schleswig-Holstein mit Sitz in Kiel. Er ist Facharzt für Innere Medizin, Internistische Onkologie und Hämatologie ist Chefarzt der 2. Medizinischen Klinik des Städtischen Krankenhauses Kiel. Zuvor leitete er die Hämatologie und Internistische Onkologie am Klinikum Bamberg. Von 2004 bis 2008 war er als Leitender Oberarzt am UKSH in Kiel tätig.

Anzeige

Im Interview erklärt Repp, warum so viele Menschen das Thema Sterben verdrängen, wo die Ursprünge der Hospizbewegung liegen und wie er später selbst sterben möchte.

Prof. Repp, Menschen das Sterben zu Hause zu ermöglichen, ist das vorrangige Ziel der Hospizidee. Wie erklären Sie sich diesen Wunsch?
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Krankenhaus zunehmend zu dem Ort, in dem die Menschen in der Regel verstarben. Gleichzeitig wuchs der Glaube an die Fortschritte der technisierten Medizin. Das Ergebnis war eine neue Form des Sterbens unter zuweilen menschenunwürdigen Umständen. So ist es nicht verwunderlich, dass in den 60er Jahren eine Bürgerbewegung entstand, die diese Defizite aufdeckte und neue Konzepte zur Behandlung und Betreuung schwerkranker und sterbender Patienten forderte.

Wie unterscheidet sich das Sterben im Hospiz zum Sterben etwa im Krankenhaus?
Zentrales Thema der Hospizbewegung ist der Erhalt der Autonomie und Würde in der letzten Lebensphase. Dazu gehört der Wunsch, das Sterben wieder im vertrauten Kreis der Zugehörigen zu ermöglichen und die Familien durch ehrenamtliche Begleitung und palliativmedizinische Hilfe zu Hause gut zu unterstützen. Der Wunsch der Menschen, zu Hause zu versterben, wurde auch in mehreren Erhebungen, so zum Beispiel der Bertelsmannn Stiftung und des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes, bestätigt. Demnach wünscht sich der Großteil der Bevölkerung ein Sterben zu Hause, tatsächlich verbringen jedoch immer noch cirka 50 Prozent der Menschen die letzten Tage ihres Lebens im Krankenhaus.

Wird das Thema Sterben von den meisten Menschen noch zu sehr verdrängt?
Ja, das Thema Tod und Sterben ist in der Tat für viel Menschen ein Tabu, wenngleich in den letzten Jahren ein spürbares Umdenken einsetzte, nicht zuletzt durch das Engagement und die Öffentlichkeitsarbeit der Hospizbewegung. Viele Menschen lehnen es jedoch nach wie vor ab, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

Welche Folgen hat das für Sie als Mediziner?
In meiner Tätigkeit als Onkologe und Palliativmediziner am Städtischen Krankenhaus in Kiel wird mir auch in der jetzigen Zeit des Öfteren der Wunsch von Angehörigen angetragen, einem Patienten nicht mitzuteilen, dass er an einer Erkrankung leidet, die zum Tode führen wird. Auch werden unsere Bemühungen, flächendeckend stationäre Hospizplätze im Land anzubieten zu können, von manchen dann als kritisch betrachtet, wenn sich der geplante Standort in der eigenen Siedlung befindet, aus Sorge um eine mögliche Konfrontation mit diesem Thema.

Wie bewerten Sie die Versorgung von Menschen in Schleswig-Holstein, die zu Hause oder im Hospiz sterben möchten?
Zunächst darf ich betonen, dass sich in den letzten 20 bis 30 Jahren enorm viel im Land getan hat, um diesem Ziel näher zu kommen. Wir haben mittlerweile fast 50 ambulante Hospizdienste mit cirka 2000 ehrenamtlichen Mitarbeitern, eine flächendeckende Versorgung mit spezialisierten ambulanten Palliativdiensten und eine in den nächsten Jahren deutlich steigende Zahl stationärer Hospizplätze. Dies ist das Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung vieler engagierter Menschen im Land, unterstützt durch Politik und Kostenträger, die diesem Thema erfreulicherweise sehr offen gegenüberstehen. Im Vergleich zum Bundesgebiet ist der Anteil der Menschen, die in Schleswig-Holstein im Krankenhaus versterben, deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.

Die Zahlen der Hospizdienste und vielen Ehrenamtlichen beeindrucken. Aber wie nah ist Schleswig-Holstein dem Ziel, den Menschen ein Sterben in Würde und das möglichst zu Hause, gut betreut von Helfern, zu ermöglichen?
Wir sind aktuell erst auf einem, wenngleich guten Weg zu diesem Ziel, aber dort noch keineswegs angekommen. Der Zugang zu den Möglichkeiten der Unterstützung ist zum einen regional sehr unterschiedlich, zum anderen auch für viele Gruppen noch sehr unbefriedigend. So sind die Strukturen für Menschen mit Krebserkrankungen deutlich besser entwickelt, als für Menschen mit chronischen Organkrankheiten, Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, mit Migrationshintergrund, für Obdachlose, Strafgefangene.

Das Land hat sich zum Ziel gesetzt, den Ausbau stationärer und teilstationärer Hospizplätze in Schleswig-Holstein in den kommenden Jahren zu fördern. Reicht das Engagement aus?
Nach einer Statistik aus dem Jahr 2016 lag Schleswig-Holstein mit 66 stationären Hospizbetten an Platz 11 von 16 im Bundesgebiet. Erfreulicherweise wurde damals ein Förderprogramm des Landes auf den Weg gebracht, wodurch die Zahl der stationären Betten in den nächsten Jahren deutlich ansteigen wird. Hinsichtlich teilstationärer Hospizplätze und Tageshospizen sind wir noch komplett in den Anfängen, wenngleich es bereits zwei konkrete Planungen in Schleswig-Holstein gibt. Das Land unterstützt auch seit 2017 eine Landeskoordinierungsstelle Hospiz- und Palliativarbeit, ohne deren Arbeit der Ausbau gut vernetzter Strukturen im Land nicht denkbar wäre. Das Engagement des Landes ist ein wichtiger Baustein, aber keineswegs bereits ausreichend, um das Ziel einer guten Hospiz- und Palliativversorgung in Schleswig-Holstein als verwirklicht anzusehen.

Welche konkreten Wünsche haben Sie als Vorsitzender des Hospiz- und Palliativverbandes?
Ein großer Wunsch ist, dass wir das großartige bürgerliche Engagement in Schleswig-Holstein auch weiterhin aufrechterhalten und dass es uns gelingt, genügend Menschen der Generationen X/Y/Z für eine ehrenamtliche Tätigkeit zu begeistern. Mein Wunsch ist, dass Ehrenamt und hauptamtlich Tätige im stationären und ambulanten Bereich Hand in Hand zusammenarbeiten, um ein gut vernetztes Angebot aufzubauen und zu gewährleisten. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, ein rein ökonomisches Denken zumindest aus diesem Bereich möglichst fernzuhalten und uns auf die verbindende Grundhaltung der Hospizidee zu besinnen.

Wie wichtig ist vor diesem Hintergrund das Engagement von Ehrenamtlichen in der Hospizarbeit?
Sehr wichtig. Wie bereits erwähnt hat sich die Hospizidee im Wesentlichen aus einer Bürgerbewegung heraus entwickelt. Diese auf der Schulter vieler Ehrenamtlicher getragene Bürgerbewegung wirkt als Korrektiv einer oft als inhuman empfundenen Medizin - und hat wesentlich zur Entwicklung der palliativmedizinischen Versorgung im stationären und ambulanten Bereich beigetragen. Die ehrenamtliche Begleitung Sterbender und deren Zugehöriger sowie Trauernder ist aus der Hospizarbeit überhaupt nicht wegzudenken und unterscheidet sich wesentlich von der Arbeit der professionell Tätigen. Ehrenamt und Profession bilden zwei Säulen, die ohne einander nicht vorstellbar sind.

Wie verändert die ehrenamtliche Arbeit zum Beispiel in einem Hospizverein die Menschen?
Aus vielen Gesprächen mit ehrenamtlich Tätigen kann ich berichten, dass jede Begleitung einen Menschen auch verändert und diese Veränderung von den Ehrenamtlichen als sehr positiv empfunden wird. Menschen, die eine Begleitung erfahren, geben dem Begleiter sehr viel zurück.

Viele Menschen stellen sich wahrscheinlich vor, dass die Auseinandersetzung mit Sterben, Tod und Trauer einen Menschen in die Depression treiben kann.
Genau das Gegenteil ist aber der Fall. Oft höre ich von einem positiven Einfluss auf die Einstellung zum Leben generell und zu Fragen der Sinnhaftigkeit unseres Daseins.

Warum sind Spenden für die Hospizarbeit so wichtig?
Ehrenamtliche geben das wichtigste, was sie geben können: nämlich Zeit. Natürlich kann die ganze Arbeit nicht ohne finanzielle Mittel durchgeführt werden. Ehrenamtliche müssen qualifiziert werden, benötigen selbst auch eine Unterstützung durch Hauptamtliche. Unterstützungsangebote zum Beispiel für Kinder lebensbedrohlich erkrankter Eltern, Einsatz von Palliativhunden und vieles mehr ist ohne Spendenmittel nicht denkbar. Auch ein stationäres Hospiz muss einen Eigenanteil aus Spenden für den laufenden Betrieb gewährleisten, Palliativstationen könnten ohne Spenden nicht das breite Angebot der Unterstützung bieten. Dies wäre ohne die seit vielen Jahren unermüdlichen Spender und Fördervereine alles nicht möglich. Ich darf mich an dieser Stelle für diese Unterstützungen sehr bedanken und hoffe, dass wir auch viele zukünftige potentielle Spender, zum Beispiel durch die Berichterstattung in den Kieler Nachrichten, erreichen können.

Was ist die persönliche Motivation für Ihre Arbeit - als Chefarzt ebenso wie als Vorsitzender des Hospiz- und Palliativverbandes?
Ich bin nun seit 30 Jahren onkologisch tätig. Dabei habe ich mich im Laufe der Zeit auch selbst verändert. Stand am Beginn meiner Tätigkeit die Frage im Vordergrund, wie behandle ich diese und jene Krebserkrankung, so beschäftigt mich nun, wie ich einen Menschen mit einer Erkrankung am besten begleiten und ihm dabei helfen kann, mit dieser schwierigen Situation besser fertig zu werden. Da lag es für mich nahe, mich mit dem Thema Palliativmedizin intensiv zu beschäftigen und mich diesbezüglich gut zu qualifizieren. Es war mir auch sehr bald klar, dass eine gute Begleitung niemals von einer Person im umfassenden Sinne geleistet werden kann.

Was meinen Sie damit genau?
Dazu ist ein Team verschiedener Berufsgruppen und ehrenamtlicher Begleiter genauso nötig wie eine gute Vernetzung der Versorgungsstrukturen aus dem Hospiz- und Palliativbereich. Somit war mein Weg für eine Mitarbeit im Verband naheliegend. Der Hauptgrund für dieses Engagement ist jedoch, dass diese ehrenamtliche Tätigkeit im Hospiz- und Palliativverband Schleswig-Holstein absolut sinnhaft und wichtig ist.

Wie reagieren Sie, wenn Patienten Sie um aktive Sterbehilfe bitten?
Das ist ein schwieriges Thema. Sie können sich vorstellen, dass ich mit solchen Wünschen immer wieder konfrontiert werde. Zunächst ist es wichtig zu erkennen, woher dieser Wunsch kommt. Oft ist es der Wunsch, eine unerträgliche Situation zu beenden.

Was denken Sie dann?
Ich frage mich dann, wie ich dazu beitragen kann, dass diese Situation erträglicher wird. Wenn man sich ernsthaft damit beschäftigt, stellt man fest, dass es oft eine Mischung aus körperlichen Beschwerden, psychischer Belastung, psychosozialen Problemen und existentieller Sinnkrise ist. Versucht man dem Rechnung zu tragen, können wir zum Glück in den allermeisten Fällen erreichen, dass der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe ganz in den Hintergrund tritt. Um dieses Thema auch als Gesellschaft beantworten zu können, halte ich den Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung für vordergründig anzustreben, da damit bereits ein großer Teil der Antwort gegeben wird.

Wie lässt sich Menschen die Angst vor dem Sterben nehmen oder anders gefragt: Kann man schön sterben?
Sterben ist eigentlich nie schön. Aber es ist Teil des Lebens und somit ein Stück Normalität. Die Angst vor dem Sterben ist vielschichtig. Oft ist es die Angst, „qualvoll“ und alleine gelassen zu Sterben. Hier ist es hilfreich, mit dem Patienten darüber zu sprechen und die Möglichkeiten der guten Symptomkontrolle und menschlichen Begleitung aufzuzeigen. In anderen Fällen ist es die die Sorge um die Hinterbliebenen. Auch hier können ein Hilfsangebot für die Angehörigen und eine psychosoziale Unterstützung hilfreich sein. In keinem Fall ist die Verdrängung ein guter Ratgeber zur Lösung der Ängste.

Wenn ich mich also mit dem Tod befasse, wird er weniger schrecklich?
Sehr wohl hat die Gestaltung der letzten Lebenstage einen ganz tiefen Einfluss darauf, wie diese Situation von dem Sterbenden und den Zugehörigen empfunden wird. Durch die Bemühungen der Ehrenamtlichen und professionellen Helfer gelingt es immer häufiger, diese Zeit zu einer sehr wertvollen Erfahrung werden zu lassen, die oft als positiv zurückgespiegelt wird.

Wie gut fühlen Sie sich persönlich auf den Tod vorbereitet?
Trotz der sehr intensiven Beschäftigung mit dem Thema erwische ich mich immer wieder damit zu denken: „Das betrifft mich nicht“. Das ist natürlich Unsinn. Auch ich möchte lange und gut leben. Viele Menschen meinen, dass die Beschäftigung mit dem Tod die Freude am Leben nimmt. Diese Ansicht kann ich nicht oder nicht mehr teilen. Die Akzeptanz der Endlichkeit und somit die Enttabuisierung des Todes kann sehr wohl helfen, das Leben intensiver und erfüllter leben zu können. Wie oft stelle ich fest, dass meine kleinen Alltagssorgen sehr nichtig erscheinen, wenn ich mich mit der aktuellen Situation vieler meiner Patienten beschäftige.

Wie möchten Sie selbst sterben?
Noch vor einigen Jahren hätte ich darauf geantwortet: „abends einschlafen in voller Gesundheit und nicht wieder aufwachen“. Abgesehen davon, dass dies auch etwas egoistisch ist - was ist mit meinen Angehörigen? - habe ich mittlerweile viele Menschen kennengelernt, die gerne auf ihr Leben zurückblicken und den nahen Tod nicht mehr als bedrohlich und schrecklich empfinden. Das Sterben kann dann im Kreis der Lieben im häuslichen Umfeld sehr friedlich sein. So eine Erfahrung würde ich mir auch für mich wünschen.

So können Sie helfen

Der Verein „KN hilft“ sammelt Spenden für die Hospizarbeit in den Kreisen Rendsburg-EckernfördePlön, Segeberg sowie in den Städten Kiel und Neumünster. Ein Spendenkonto bei der Förde Sparkasse ist eingerichtet. Unter dem Stichwort „Gutes tun im Advent“ können Sie spenden auf das Konto DE05 2105 0170 1400 2620 00.

Möchten Sie nicht, dass Kieler Nachrichten oder Segeberger Zeitung Sie als Spender erwähnen, so schreiben Sie bitte hinter den Verwendungszweck den Hinweis „kein Name“. Spenden können Sie bis zum Ende des Jahres.

Lesen Sie auch

Hintergrund: Darum brauchen Hospize Hilfe
Reportage: Die Arbeit des Hospizvereins Preetz

Opfer schweigt im Gericht - Angst vor der Rache der Kidnapper?
Thomas Geyer 20.12.2019
4. Polizeirevier Kiel - Verdächtiges Pulver wird untersucht
Frank Behling 20.12.2019
Steffen Müller 20.12.2019