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Kiel Vor 50 Jahren fuhren Kiels letzte Obusse
Kiel Vor 50 Jahren fuhren Kiels letzte Obusse
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07:00 06.05.2014
Von Paul Wagner
Mit ihren langen Stangen für die Stromversorgung am Ende des Daches gehörten Obusse nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen deutschen Städten zum Bild – hier im Juni 1953 vor dem Kieler Hauptbahnhof. Quelle: Henschel-Werkfoto
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Kiel

Mit ihren langen Stangen für die Stromversorgung am Ende des Daches gehörten Obusse in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen deutschen Städten zum Bild: Unabhängig von Ölimporten und Schienen rollten sie durch 70 Städte zwischen Flensburg und Stuttgart. Die meisten verschwanden bald darauf wieder. So auch in Kiel. Neben der Straßenbahn gab es in der Landeshauptstadt für die Dauer von 20 Jahren ein relativ bescheidenes Netz für Obusse. Von 1944 bis 1964 verbanden vier Linien – zuletzt mit einer Länge von insgesamt knapp zehn Kilometern – den Hauptbahnhof mit dem Südosten der Stadt.

 Der Eisenbahner und Autor Ludger Kenning aus Nordhorn hat in seinem Buch „Obusse in Deutschland“ interessante Fakten und äußerst seltene Bilder zu den Kieler Obussen zusammengetragen und veröffentlicht. „Nur durch Zufall“ sei er vor einigen Jahren an ein Privatarchiv mit Fotos der Kieler Obusse geraten.

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 Die ersten Pläne für den Bau der Kieler Linien gab es demnach bereits in den 1930er Jahren: Damals galt es, die wachsenden Arbeitersiedlungen in Elmschenhagen an die Innenstadt anzubinden, erklärt Kenning. Die Obusse dienten später jedoch auch als kostengünstiger Ersatz für im Krieg zerbombte Streckenabschnitte der Straßenbahn. Im Auftrag der damaligen Kieler Verkehrs-AG wurden Holzpfosten neben die Straßen gesetzt und ein Fahrdraht aufgehängt, über den die Busse mit Strom versorgt werden sollten. Noch während des Zweiten Weltkrieges nahmen die ersten Busse italienischer Bauart den täglichen Pendelverkehr in Kiel auf. Insgesamt 13 dieser in Mailand beschlagnahmten Busse fuhren in Kiel. Nach dem Krieg mussten diese an Italien zurückgegeben werden, und in Kiel behalfen sich die Verkehrsbetriebe mit deutschen Fabrikaten.

 Schließlich machten der damals preisgünstige Diesel und der vergleichsweise teure Unterhalt des Leitungsnetzes dem Kieler Obus den Garaus. Zu Beginn des Jahres 1964 fuhr zum letzten Mal ein Oberleitungsbus auf der Strecke Hauptbahnhof – Ostring – Sophienhöhe – Cafe Reimers – Toweddern. „Die meisten Obusse wurden nach der Stilllegung verschrottet. Vier Stück gingen nach Osnabrück als Ersatzteilspender, einige an einen Campingverein in Hamburg-Harburg“, weiß Ludger Kenning.

 Neben Flensburg, wo ebenfalls für wenige Jahre ein Obus fuhr, waren die Kieler Linien die einzigen in Schleswig-Holstein. Während die Obusse vor allem in Osteuropa, in China, Italien und der Schweiz nach wie vor ein wichtiges Standbein in der städtischen Infrastruktur bilden, gibt es in Deutschland nur noch drei dieser Verkehrssysteme. In Solingen, Esslingen und Eberswalde hängen die Busse noch am Stromnetz, in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt gibt es Pläne, Obus-Linien wieder zu eröffnen.

 „Obusse in Deutschland“, ISBN 978-3-933613-34-9 Preis: 43,90 Euro, Verlag Kenning, Nordhorn