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Kiel Immer wieder üble Gerüchte gegen Flüchtlinge
Kiel Immer wieder üble Gerüchte gegen Flüchtlinge
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09:36 24.02.2016
Von Kristiane Backheuer
In einer interaktiven Karte werden bei hoaxmap.org Falschmeldungen über Flüchtlinge aufgelistet. Quelle: Screenshot/ hoaxmap.org
Kiel

Ein Gerücht, dessen Spur zu rechtsextremen Kreisen führt, die bewusst Falschmeldungen verbreiten, um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. Ihr einziges Ziel: Ängste in der Bevölkerung schüren und die bestehenden Sicherheitssysteme erschüttern.

Seit vergangenen Dezember erreichen unsere Redaktion aufgeregte Anrufe und ängstliche E-Mails. Immer mehr Kieler haben von dem vermeintlichen Vorfall übers Internet und durch Mund-zu-Mund-Propaganda erfahren. Meist mit schrecklichen Details. Doch die Recherchen ergaben keinen einzigen Hinweis auf die Tat. „Bei uns liegt derzeit keine Strafanzeige vor“, sagt Oliver Pohl, Sprecher der Polizeidirektion Kiel. Auch beim Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) und im Städtischen Krankenhaus gibt es zu diesem konkreten Fall keine Erkenntnisse. Von dem Gerücht hat auch Ilka Hübner, Leiterin der betroffenen Erstaufnahmeeinrichtung (DRK), gehört. Sie kann es aber nicht bestätigen. Auch Nachfragen bei der Stadt Kiel, dem Innenministerium und dem Kieler Frauennotruf gingen ins Leere.

„Solche Gerüchte sind virtuelle Brandsätze“, sagt Prof. Klaus Tochtermann, Direktor des Kieler ZBW-Leibniz-Informationszentrums Wirtschaft. Während früher fremdenfeindliche Gewalttäter eher zu Molotowcocktails griffen, „werden jetzt auch die sozialen Medien als Waffen benutzt“. Drei Beobachtungen hat der Wissenschaftler gemacht, der über Phänomene der sozialen Medien forscht. Erstens: Negative Nachrichten werden viel lieber aufgegriffen als positive. „Es gibt den Ausdruck des Shitstorms in Internet, nicht aber den Begriff Goodstorm.“ Zweitens: Nachrichten verbreiten sich dank des Internets stärker und schneller. „Das ist ziemlich gefährlich, denn die Klickzahlen vermitteln den Eindruck, dass die Mehrheit das so sieht“, so Tochtermann. Drittens: In den sozialen Medien gibt es keine Gegendarstellungen. So erklärt sich auch, dass Gerüchte immer wieder auftauchen.

"Gerüchte sind ein altes Phänomen"

Mit gezielten Falschmeldungen und Gerüchten hat auch Philipp Cordts vom Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus in Schleswig-Holstein (Beranet SH) täglich zu tun. „Unter anderem hat die rechte Partei ,Der III. Weg’ einen Leitfaden herausgegeben, der auf so etwas abzielt.“ Bewusst solle so die Stimmung gegenüber Geflüchteten negativ beeinflusst werden. „Bilder werden aus dem Kontext gerissen, Videos mit aggressiver Musik verbreitet, und es wird versucht, eine Art Endzeitstimmung für Deutschland heraufzubeschwören“, so Cordts. „Gerüchte sind ein altes Phänomen“, weiß Volkskundlerin Prof. Silke Göttsch-Elten von der Kieler Uni. „Gerüchte gab es schon in der griechischen und römischen Antike. Falschmeldung seien immer schon gerne verwendet worden, um eine politische Meinung zu erzeugen.

Auch das Kieler Landeskriminalamt (LKA) kennt viele solcher Meldungen, die immer wieder kursieren. LKA-Sprecher Uwe Keller empfiehlt: „Nutzen Sie Ihre Medienkompetenz. Leiten Sie Falschmeldungen nicht ungefiltert weiter. Überprüfen Sie Behauptungen bei seriösen Quellen. Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie gerade von einer realen Straftat erfahren haben, unterrichten Sie bitte die Polizei.“

Dennoch sorgen die Gerüchte in der Bevölkerung derzeit für Angst und Unsicherheit. Zwar gibt Kirsten Reibisch vom Kieler Frauennotruf Entwarnung: „Wir haben aktuell keine deutsche Frau, die berichtete, von Flüchtlingen vergewaltigt worden zu sein.“ Sie gibt aber zu bedenken: „Die meisten unserer Klientinnen berichten von einer verstärkten Angst aufgrund der Gerüchte.“ Man solle sich aber nicht durch solche Behauptungen im Leben einschränken lassen.

Gerüchte-Landkarte entlarvt Falschmeldungen

Schließt eine Supermarktfiliale tatsächlich nach massenhaften Diebstählen? Zahlt die Stadt den Asylbewerbern wirklich einen Bordellbesuch? Gegen die Gerüchteküche im Netz kämpft seit Anfang Februar die Webseite hoaxmap.org. In einer interaktiven Karte werden dort Falschmeldungen über Flüchtlinge aufgelistet.

Der Besucher erfährt beim Klick auf einen Ort, welches Gerücht mit ihm in Verbindung steht. Ein Link führt zur Berichterstattung in der regionalen Presse über den Fall oder zu Polizeimitteilungen, die die Meldungen entkräften. Auch die angebliche Vergewaltigung einer Reinigungskraft am Nordmarksportfeld in Kiel ist auf der Gerüchte-Landkarte vermerkt – mit dem Hinweis auf einen Artikel unserer Zeitung, der das Gerede widerlegt.


Spitzenreiter in der bundesweiten Gerüchteküche sind die Länder Nordrhein-Westfalen mit 54 aufgeführten Falschmeldungen und Bayern (53). Außer dem Kieler Beispiel finden sich acht weitere Fälle aus Schleswig-Holstein bei Hoaxmap: Zum Beispiel die Mär vom Real-Markt in Rendsburg, der angeblich schließen muss, weil dort die Zahl an Diebstählen durch Flüchtlinge stark zugenommen habe oder Verkäuferinnen von Asylsuchenden mit schlimmen Krankheiten angesteckt worden seien. Ebenso eingetragen ist ein Fall aus Ostholstein, wo sich ein Angriff einer Gruppe von Flüchtlingen auf einen 19-Jährigen in Lensahn als erfunden entpuppte. Auch eine Lügengeschichte, die im Kreis Schleswig-Flensburg kursierte, ist auf der Karte vermerkt: Dort hieß es, die Gemeinde Kropp zahle den Asylbewerbern Prostituierte.

Insgesamt 263 solcher Fälle hat die Initiatorin Karolin Schwarz aus Leipzig bereits gesammelt. Die meisten Gerüchte stammen aus den Feldern Raub/Diebstahl (56), Vergewaltigung (46) und Geld- oder Sachleistungen (36).

Von Anne Holbach

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