Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Kiel Bauern zwischen Zuschüssen und Auflagen
Kiel Bauern zwischen Zuschüssen und Auflagen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:00 24.05.2019
Von Steffen Müller
Bernd Steffen ist prinzipiell ein Freund der EU, genervt ist aber von den vielen Reglementierungen, die dem Landwirt auferlegt werden. Quelle: Steffen Müller
Kiel

Bernd Steffen weiß, wovon er spricht. Der 53-Jährige ist Landwirt mit Leib und Seele. Seit 1650 gibt es den Hof Steffen in Muxall, aus dem Familienbetrieb ist längst ein großes Unternehmen geworden mit Ladenverkäufen in Kiel, Heikendorf, Lütjenburg und Preetz. In der Landeshauptstadt betreibt Bernd Steffen an der Holtenauer Straße eine Metzgerei mit angegliederter Gastronomie. Auch auf den Wochenmärkten auf dem Exerzier-, dem Blücherplatz und in Holtenau sind Erzeugnisse aus dem Hof, an dem auch Ackerbau betrieben wird, erhältlich. 

Genervt von der Reglementierungswut

Kurz vor der EU-Wahl spricht er über seine Arbeit: Zwei bis drei Rinder und bis zu 30 Schweine pro Woche schlachtet Bernd Steffen in Muxall. Dafür braucht er eine Zulassung von der Europäischen Union – unabhängig davon, ob er Fördergelder bekommt oder nicht. „Prinzipiell“, sagt der Landwirt, „finde ich die EU gut“. Aber: „Ich bin genervt von der Reglementierungswut.“ Als Beispiel nennt er die Auflage, dass er zwei Betäubungsgeräte besitzen muss, die beide die Betäubungszeit aufzeichnen. „Ich kann nur eines zurzeit benutzen, das zweite liegt immer nur herum.“ Da das alte  Ersatzgerät die Betäubungszeit nicht messen konnte, musste sich Steffen für 5000 Euro eine zweite Maschine anschaffen. Auch diese Vorschrift hängt nicht davon ab, ob der Hof von der EU subventioniert wird. 

Das Förderprogramm ELER

Die Fördergelder für den Agrarbetriebe in Schleswig-Holstein fließen aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER). ELER wird in seiner Form nur in Schleswig-Holstein angewendet, denn die Mitgliedsländer und Regionen formulieren ihre Programme zur ländlichen Entwicklung anhand der Bedürfnisse ihrer ländlichen Gebiete selbst. Dabei müssen sie sich an bestimmte Schwerpunkte halten. Christmut Anders erzählt, dass für ihn beim Anbau zum Teil andere Auflagen gelten als für Bauern in den Alpen. Dass nicht alle EU-Länder oder Regionen dieselben Anforderungen erfüllen müssen, stößt beim Schlachthof-Betreiber Bernd Steffen auf Unverständnis. Der Metzger plädiert auf einheitliche Richtlinien in ganz Europa und versteht nicht, warum beispielsweise die Standards für die Auslauffläche für Masttiere nicht in allen Ländern gleich sind.

Genaue Dokumentation verlangt

Dass Bernd Steffen EU-Fördergelder von 40.000 Euro im Jahr erhält, wirkt sich in anderen Auflagen aus: Führt er nicht genau Buch, drohen im Kürzungen. Der Landwirt muss genau dokumentieren, wann er welches Tier – alle sind nummeriert – geschlachtet hat. Diese Vorgabe gilt laut Steffen zwar für jeden Schlachthof, doch wer keine Fördermittel erhält, dem kann auch nichts weggenommen werden. Bernd Steffen hält es mit Ehrlichkeit. Er dokumentiere ohnehin jeden Schlachtvorgang, egal ob davon Subventionen abhängen oder nicht. „An den Arbeitsabläufen würde sich bei mir nichts ändern.“ 

Mehr Förderung in die Bildung

Dass Landwirte Fördergelder erhalten, sieht er zwiespältig. Der 53-Jährige sagt, dass die EU-Subventionen eher in Bildung fließen sollten. „Wenn junge Menschen in der Schule lernen würden, dass nachhaltige Ernährung wichtig und besser ist, wären sie auch bereit, mehr Geld für qualitativ gutes Essen auszugeben.“ Dann könnten die Bauern auch mehr Geld für ihre Erzeugnisse verlangen. Die 40.000 von der EU nimmt er an, da der Mehraufwand durch die Auflagen gering ist. 

Ackerbauer haben kaum eine Wahl

Christmut Anders dagegen ist froh, dass er im Schnitt – abhängig vom Anbau-Produkt – 200 Euro Förderung pro Hektar für seinen Ackerbau bekommt. 50 Hektar ist der Hof Wittschap am Kieler Stadtrand groß, ein Teil der Fläche ist nicht subventioniert, da sie von Pferden genutzt wird, die zur Pferdepension gehören. Auf dem freien Gelände baut Anders überwiegend Gemüse an – alles ausgezeichnet mit dem Bio-Gütesiegel. „Ich fände es schön, wenn Subventionen nicht nötig wären“, sagt Anders. „Aber viele Landwirte, die nur Ackerbau betreiben, haben nicht wirklich die Wahl, ob sie sie annehmen oder nicht. Es ist schwer, an der Förderung vorbeizukommen.“ Während Schlachthöfe wie der von Bernd Steffen relativ wetterunabhängig produzieren kann, ist Gemüsebauer Anders auf das Klima angewiesen. „Wenn die Ernte nicht kommt, haben wir keine zweite Chance.“ 

Gelder auch für Landschaftspflege

Für die Fördergelder nimmt der Landwirt in Kauf, transparent zu sein. In seinen Büchern muss er für jede Fläche genau dokumentieren, was und wie viel angepflanzt wird. Außerdem verpflichtet er sich dazu, alle zehn Jahre seine Hecken bis auf den Stock zu setzen und wieder aufzuziehen. Und das sei auch in Ordnung. „Zu unseren Aufgaben gehört schließlich auch, Landschaftspflege zu betreiben.“

Weitere Nachrichten aus Kiel lesen Sie hier.

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Vor der Europawahl am kommenden Sonntag bestätigt sich in Kiel der bundesweite Trend zur Briefwahl. Das belegen Zahlen, die die Kieler Stadtverwaltung vorgelegt hat.

Michael Kluth 24.05.2019

Nach Angaben der Veranstalter haben am Freitag in Kiel rund 7000 Menschen für eine andere Klimapolitik demonstriert. Klicken Sie sich durch die Galerie, um Fotos von der Demo zu sehen.

24.05.2019
Kiel "Fridays for Future" - 7000 Klima-Demonstranten in Kiel

In mehreren Städten und Gemeinden Schleswig-Holsteins haben sich Schüler am Freitag am "Globalen Klimastreik zur Europawahl" beteiligt. Allein in Kiel versammelten sich nach Angaben der Polizei auf dem Rathausplatz rund 7000 Unterstützer der Aktion "Fridays for Future".

24.05.2019