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Kiel Im Sog des Selbstdarstellers
Kiel Im Sog des Selbstdarstellers
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20:26 18.09.2014
Von Thorsten Richter
Kollegah scheut nicht das Klischee, sondern lebt es lustvoll und kommerziell höchst erfolgreich aus. Quelle: Michael Kaniecki
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Kiel

Denn als Intro gab's einen grell-pubertären Action-Videoclip, der das selbst gewählte, gnadenlos ausgestellte Image des Rappers und Jura-Studenten lustvoll auf die Spitze trieb.

„Du bist Boss (…), wenn du allein als Deutscher kämpfst gegen fünf Türken aus dem Block/Weil du Stolz und Ehre hast und keinen fürchtest außer Gott.“ So heißt es dann auch im Song Du bist Boss aus dem Album King, das im Mai erschien, durch über 100000 Verkäufe innerhalb von 24 Stunden Gold-Status erreichte und damit sofort an die Spitze der deutschen, österreichischen und schweizerischen Charts stürmte.

 Aber an derart einfältiger Blut-, Schweiß-und Tränen-Lyrik wie oben zitiert kann es doch nicht wirklich liegen, dass der als Felix Blume im hessischen Friedberg zu Welt gekommene „Kolle“ von seinen Fans derart gefeiert und von seinen Kritikern überwiegend zumindest respektiert wird. Auch die Themenpalette seines selbst für dieses Genre extrem testosteron-gesteuerten Gangsta-Rap ist begrenzt. Koks und Kohle, Bizeps und PS, Steroide und Stereotype, dazu frauenfeindlicher Plakatismus allüberall.

 Doch da ist auch die bei aller inhaltlichen Fragwürdigkeit in beachtlichen, zum Teil ziemlich komischen Punchlines kulminierende sprachliche Raffinesse („Ey, 97 Prozent aller Rapper sind hässlich wie ein Pavian/ ich komm’ mit 60 Kilo Platin-Armband, das besetzt ist wie Afghanistan“ aus dem Klassiker Flex, Sluts, Rock’n’Roll). Kombiniert mit fantasievollen Reimkonstruktionen und einer imposanten, atemberaubend schnellen Doubletime-Raptechnik entwickeln die Songs zweifellos einen ziemlichen Sog. Wer dann noch Spaß hat an Übertreibungen, Gangsta-Klischees und der eigentlich nicht zu übersehenden Selbstironie eines brachialen Selbstdarstellers, der wird an Kollegahs Platten und Konzerten seine helle Freude haben. So wie die Fans in der Halle 400.

 Unterstützt von seinem Feature-Gast Majoe ließ Kollegah erwartungsgemäß gleich von Beginn an mächtig die Muskeln spielen. R.I.P., Universalgenie, Lamborghini Kickdown und das aberwitzig flinke AKs im Wandschrank von der neuen Scheibe verfehlten nie ihr Ziel. Das bunt gemischte Publikum ließ sich bereitwillig animieren und dirigieren, wobei die Grenze blinder Heldenverehrung nicht überschritten wurde. Auch Songs älteren Datums wurden abgefeiert. Und als der Abend mit dem herzerfrischenden Das hat mit Hip-Hop nichts zu tun, dem lustigen Von Salat schrumpft der Bizeps und dem Gassenhauer Wat is denn los mit dir? zu Ende ging, blieben kaum Wünsche offen. Nur ein leider miserabler Sound schmälerte den positiven Gesamteindruck. Denn die dumpfen, zu massigen und lauten Beats pulverisierten die meisten Textzeilen auf die gleiche Weise, wie sich Kollegah seiner Angreifer im Film-Vorspann entledigte: ohne Mitleid.