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Kiel In sechzig Minuten von Null auf Chinesisch
Kiel In sechzig Minuten von Null auf Chinesisch
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18:00 26.06.2013
Von Paul Wagner
Experten der chinesischen Sprache: Dan Zhang und Dr. Angelika Messner vom Chinazentrum der Kieler Universität fesseln beim Blitzsprachkurs mit interessanten Fakten zur fremden Sprache. Quelle: fpr
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Kiel

Nichts ist so schlimm wie Deutsch. Das zeigen meine Erfahrungen mit diversen Fremdsprachen wie Französisch, Englisch, Russisch, Arabisch und Persisch. Und da sich Symbole und Zeichen immer besser einprägen als ein schnödes Alphabet, zeigte mein Stundenplan nun also Chinesisch. Direkt an der Kiellinie hat sich die Universität mit einem Stand aufgebaut und vermittelt während der Kieler Woche täglich solch exotische Sprachen wie Plattdeutsch, Niederländisch, Ukrainisch, Arabisch oder eben Chinesisch.

 Meine Dozenten, Dr. Angelika Messner und ihre Assistentin Dan Zhang, verstehen es, mich zu motivieren. „Sie sind jetzt Babys. Und ich hoffe, dass sie in einer Stunde schon etwas sagen können“, kündigt Angelika Messner an. Was folgt, sind bedeutungsschwere Zitate eines gewissen Konfuzius und die richtige Aussprache einzelner Laute.

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 Meine ersten Versuche scheinen vielversprechend, auch wenn ich diesen Satz wohl niemals wieder brauchen werde und auch die Frage nach Singular und Plural noch nicht ganz geklärt scheint: „Mâma mãi mã, mã màn, mâma mà mã.“ Die Mutter kaufte ein (oder mehrere) Pferd(e), das (oder die) Pferd(e) ist (oder sind) langsam und Mutter schimpfte mit ihm (oder ihnen). Mein erster Satz auf Chinesisch. Ein wenig holprig zwar, aber immerhin. Schnell wird mir klar, warum meine beiden Lehrerinnen anhand dieses Satzes immer wieder betonen, dass Chinesisch im Gegensatz zum Indogermanischen eine Tonsprache ist. In der modernen chinesischen Hochsprache gibt es vier verschiedene Möglichkeiten, das „A“ auszusprechen. Die falsche Aussprache kann einem Satz eine vollkommen neue Bedeutung geben oder in zusammenhanglosem Gebrabbel enden. Deswegen seien Nicht-Muttersprachler an dieser Stelle gebeten, auf die sprachlichen Unterschiede zwischen Müttern und Pferden zu achten.

 Fast jeder der 50 Sprachschüler, die in den improvisierten Hörsaal gekommen sind, ist einmal dran. „Mâma, mãi m...“ und so weiter. Dank interessanter Fakten zur neuen Sprache bekommen Angelika Messner und Dan Zhang während der gesamten 60 Minuten meine volle Aufmerksamkeit. 55000 bis 60000 Zeichen gibt es im Chinesischen; 3000 sollte man kennen, um eine Tageszeitung lesen zu können; Akademiker sollten wenigstens 7000 beherrschen. 60 Prozent der Zeichen sind aus Bildern und Symbolen abgeleitet und lassen sich mit viel Fantasie entschlüsseln. Im Vergleich mit dem Englischen kommt das Chinesische mit nur etwa halb so vielen verschiedenen Silben aus, und im Vergleich mit dem Deutschen mit einer logischen Grammatik. Die oft verspottete „Flühlingslolle“ haben deutschsprechende Chinesen einem sogenannten Retroflex-Laut zu verdanken, einer Betonung, die irgendwo zwischen „r“ und „l“ entsteht und die für mich sozusagen unaussprechlich ist. So allein muss sich ein Chinese mit dem „r“ fühlen.

 Wie im Flug verging die Zeit im Blitzsprachkurs. Aber der Pausengong muss ja noch nicht der letzte in Sachen Chinesisch gewesen sein. Konfuzius sagt: „Man lernt unermüdlich.“