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Kiel Matrosenaufstand: Kritik am Rathaus
Kiel Matrosenaufstand: Kritik am Rathaus
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08:32 17.07.2013
Von Martina Drexler
Schauspieler Marco Geppert schlüpfte 2009 vor dem Bahnhof in Kiel in die Rolle eines revolutionären Redners und richtete flammende Appelle an die „Genossen und Kampfesbrüder“. Quelle: Geist (Archivbild)
Kiel

Bis heute, so scheint es, gestaltet sich die Auseinandersetzung der Stadt mit ihrer Vergangenheit schwierig. Immer wieder stritten sich Politiker und Historiker darüber, ob die Matrosen nur einfache Meuterer oder Vorkämpfer, gar Helden der Geschichte waren. Eines aber stellt kein Historiker in Frage: Die Unruhen konnten sich während des I. Weltkriegs nur deshalb so schnell ausbreiten, weil in der Kieler Bevölkerung große Not herrschte.

 Im Kieler Rat tobte noch 1978 über die Aufstellung des Revolutionsdenkmals von Hans-Jürgen Breuste im Ratsdienergarten ein heftiger Streit. Die CDU blieb der Einweihung fern, nur der christdemokratische Stadtpräsident Sauerbaum sah sich durch sein Amt verpflichtet, zu erscheinen. Das Thema griffen in den Folgejahren zwar immer wieder Historiker, Vereine, Parteien und auch Einzelpersonen auf, doch erst mit dem ersten SPD-Revolutionskongress, einem anschließenden Seminar im Landeshaus und der Gründung des Initiativkreises 2008 nahm die Diskussion über die Form des Gedenkens Fahrt auf. Dem Initiativkreis gehören unter anderem Mitglieder der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, des Stadtarchivs, des Vereins Mahnmal Kilian, der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft, der Universität und des Vereins geo-step-by-step an. Die Leitung übernahm der damalige SPD-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Rolf Fischer, heute Staatssekretär. Es geht darum, sagt er, „dass bei uns nicht weniger als der Beginn der deutschen Demokratie stattfand. Ohne die Kieler Ereignisse hätte es sicherlich keine erste deutsche Republik und keine parlamentarische Verfassung gegeben. Darauf können die Kieler stolz sein.“

 Der Kreis lud zu Veranstaltungen ein, stellte Erinnerungstafeln für die Opfer der Revolution auf dem Eichhof-Friedhof auf, organisierte Treffen mit Vertretern der „Revolutionspartnerstadt Wilhelmshaven“ und beleuchtete bei einem Kongress die Rolle des umstrittenen SPD-Politikers Gustav Noske. Von den Revolutionsräten zum Gouverneur von Kiel ernannt, ließ Noske im Auftrag der Reichsregierung unter Friedrich Ebert (SPD) im Dezember 1918 den Matrosenaufstand gewaltsam niederschlagen.

 2009 beschloss der Rat, künftig jährlich durch Aktionen an die Bedeutung der Ereignisse zu erinnern. Im selben Jahr folgten Kieler im November den Spuren des historischen Marsches der Matrosen und Arbeiter vorbei am Hauptbahnhof. Kurz danach startete der Kreis die umstrittene Initiative, den Bahnhofsvorplatz in „Platz der Kieler Matrosen“ umzubenennen. Der Ortsbeirat Mitte lehnte den neuen Namen ab, doch die große Mehrheit der Ratsversammlung setzte ihn durch, nachdem der ursprüngliche Name „Kieler Matrosenaufstand 1918“ um das „-aufstand“ gestutzt worden war. Seit Juni 2011 heißt der Platz offiziell „Platz der Kieler Matrosen“. Ein entsprechendes Schild wurde zwar aufgehängt, doch die damalige Zusage, auf dem Platz eine Infotafel zu den Ereignissen aufzustellen, habe die Stadt bis heute, „trotz mehrfacher Anmahnungen“, rügt Fischer, nicht erfüllt. Ebenso enttäuscht ist der Kreis demnach auch, weil die Verwaltung den Ratsbeschluss, jährlich an die Revolution zu erinnern, nicht ausreichend umsetzt. Seit fast zwei Jahren tue sich nichts. Eine Stellungnahme der Stadt zu den Vorwürfen war gestern nicht zu bekommen, da der zuständige Kulturreferent Rainer Pasternak verreist ist. Seine weitere Tätigkeit stellt der Kreis unter das Motto „2018 – 100 Jahre Revolution in Kiel“. Mit Blick auf das Jubiläum müsse sich die Stadt ihrer historischen Verantwortung bewusst sein und eine angemessene Würdigung ermöglichen, fordert Fischer einen Begleitausschuss zur Vorbereitung.