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Kiel Verborgene Insektenwelten
Kiel Verborgene Insektenwelten
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07:00 15.04.2015
So hat bisher kaum jemand die Erbsenblattlaus gesehen, allgemein bekannt als Blattlaus: Die wurde mit spezieller Optik und Bearbeitungstechnik extrem vergrößert. Quelle: Urs Wyss
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Kiel

„Mord im Apfelbaum” lautet der wohl bekannteste Titel eines Filmes des international renommierten Insektenfilmers Prof. Urs Wyss aus Kiel. Der ehemalige Direktor des Phytopathologischen Instituts (Lehre der Pflanzenkrankheiten) der Christian-Albrechts-Universität zeigt am Mittwoch auf Einladung des Vereins zur Erhaltung und Förderung des Alten Botanischen Gartens eine Zusammenfassung seiner inzwischen weltberühmten Filme über das Leben von Insekten. Unter dem Titel „Highlights aus verborgenen Insektenwelten” wurden Aufnahmen mit enormem technischen Aufwand, unglaublicher Geduld und viel Enthusiasmus gefertigt, Wyss kommentiert sie live in äußerst unterhalsamer Weise.

Der Film (Laufzeit 62 Minuten) setzt sich aus verschiedenen Sequenzen zusammen, die mit Hilfe eines Stereomikroskops dem Betrachter einen faszinierenden Einblick in eine Welt der Insekten eröffnen, die mit bloßem Auge so nicht wahrnehmbar ist.

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Der erste Blick führt unter dem Thema „Vom Monster zur Diva“ in die Jugend von Schweb- und Florfliegen. Nach menschlichem Empfinden erscheint es brutal, wie ihre Larven im Verlauf der Entwicklung Hunderte von Blattläusen schaurig anzusehen vertilgen. Doch dann, wenn endgültig gesättigt, erfolgt die wundersame Verwandlung in harmlose grazile Blüten besuchende Ladies. Dazu gehört auch der zum Insekt des Jahres 2010 gekürte Ameisenlöwe, der in einem Sandtrichter lauernd überwiegend Ameisen fängt und verzehrt und dann, nach der Metamorphose, als stattliche Ameisenjungfer ein völlig anderes Leben führt. Es folgt ein kurzer Einblick in die Art und Weise, wie eine im Süden Afrikas heimische Gladiatorschrecke ihre Beute fängt. Sie wird anschließend mit der allgemein bekannten Gottesanbeterin verglichen.

Besonders eindrucksvoll sind die von Schlupfwespen im Verlauf der Evolution entwickelten Parasitierungsstrategien. Es wird gezeigt, wie Blattlaus-Schlupfwespen ihre Wirte hinterlistig oder offen aggressiv angreifen und mit einem Ei belegen. Zu sehen ist, wie ein Hyperparasitiod auf der Suche nach einer in der Blattlaus lebenden Schlupfwespenlarve die Blattlaus zunächst beruhigen und dann besteigen muss ohne abgeworfen zu werden. Wyss filmte, wie eine winzige Eier parasitierende Art (Trichogramma brassicae) begattete Kohlweißling-Weibchen dank der vom Männchen hinterlassenen Duftnote wahrnimmt und dann besteigt, um auf diese Weise per hitch-hiking direkt zum Ort der Eiablage zu gelangen. In Getreidekörnern lebende Kornkäferlarven werden von einer Schlupfwespe erkannt, welche wahrhaft erstaunliche Methoden entwickelt hat, um diese Schmarotzer erfolgreich zu parasitieren.

Es folgen Aufnahmen von zwei gefräßigen pflanzenschädlichen Mottenlarven, die am Ende ihrer jugendlichen Entwicklung architektonische Meisterwerke bauen, um sich darin geschützt verpuppen zu können.

Allgemein bekannt ist das Loch in der Haselnuss, doch nur wenige wissen, wie es entsteht. Sein Urheber, der Haselnussbohrer, wird dabei ertappt, wie er mit seinem langen Rüssel ein tiefes Loch in die noch junge Nuss frisst und daran anschließend mit einem langen Legeschlauch ein Ei in die Nuss versenkt. Die geschlüpfte Larve führt ein Leben wie im Schlaraffenland - doch wenn erwachsen, folgt ein äußerst mühsamer Ausstieg. Dann muss die plumpe beinlose Larve stundenlang ein Loch durch die harte Schale beißen und sich quälend herauszwängen.

Der Film endet mit einer amüsanten Geschichte über das Sexualverhalten von zwei Brüdern, die um die Gunst einer Schlupfwespen-Schwester buhlen, wobei der Verlierer zum Gewinner wird.

15.04.2015, 19.30 Uhr: Literaturhaus, Schwanenweg/Alter Botanischer Garten, Kiel. Eintritt frei. Infos Tel. 0431/564390.

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