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Kiel Das vergessene Grab des Ehepaars Baade
Kiel Das vergessene Grab des Ehepaars Baade
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17:00 10.05.2019
Von Christian Trutschel
Prof. Rolf J. Langhammer (oben) vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) steht vor einem Haufen abgeräumter Grabsteine, wo kürzlich ein in Kiel geborener Hobby-Historiker aus Stade den Stein des Ehepaars Baade fand und diese Information weitergab. Prof. Fritz Baade war erster Nachkriegsdirektor des IfW. Quelle: Sven Janssen
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Kiel

Kaum jemand hätte sich gewundert, wenn die letzte Ruhestätte des Ehepaars Baade ein Ehrengrab gewesen wäre. Schließlich hatte Fritz Baade 1970 den Kulturpreis der Stadt Kiel erhalten.

Und er war nicht nur im Reichstag der Weimarer Republik Abgeordneter der SPD-Fraktion gewesen, die als einzige gegen das von Hitler eingebrachte Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte. Er war auch nach dem Krieg an vorderster Front für die SPD aktiv: als Bundestagsabgeordneter, 16 Jahre lang. 

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Niemand hatte ein Ehrengrab beantragt

Es gibt Ehrengräber auf dem Kieler Nordfriedhof. Etwa für den Freikorps-Offizier Wilfried von Loewenfeld (1879-1946) oder Vizeadmiral Hugo Meurer (1869-1960). Beider Biografien auf der Webseite der Landeshauptstadt Kiel werden aktuell überarbeitet.

Doch für Fritz (1893-1974) und Edith (1897-1981) Baade hat offenbar nie jemand ein Ehrengrab beantragt, über das eine Ratsversammlung hätte entscheiden können - weder die Stadt selbst noch die SPD noch das Institut für Weltwirtschaft.

So wurde das am Ende verwahrloste Grab eingeebnet, der zwei Tonnen schwere Grabstein entfernt und ins Steinlager des Nordfriedhofes transportiert. Hätte ihn dort nicht vor wenigen Wochen Hobby-Historiker Wolfgang Merten aus Stade gefunden, wäre der Findling mit den Gravuren „Professor Fritz Baade“ und „Edith Baade“ sehr bald in der Steinmühle zerschreddert worden. 

Merten, 1948 in Elmschenhagen geboren, interessierte sich für die Geschichte Fritz Baades. Von diesem hat er eine hohe Meinung: „Baade leistete unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg viel für eine Verbesserung des schwer beschädigten Rufs der Deutschen.“

Wie kann das Gedächtnis einer Stadt so kurz sein?

Mertens Information vom Beinahe-Verschwinden des Grabsteins gelangte Ende März zu Prof. Rolf J. Langhammer. Dieser, seit 47 Jahren am Institut für Weltwirtschaft (IfW) und von 1997 bis 2012 die Nummer zwei des IfW, kannte Baade noch persönlich - wie auch alle anderen Nachkriegsleiter des IfW.

„Mein Impuls, als ich das hörte? Das kann doch nicht wahr sein!“, sagt Langhammer, der, seit 2012 im Ruhestand, für das IfW Medienarbeit leistet und ein Büro hat im Haus Welt-Club, dem IfW-Haus für Lehrende und Lernende an der Kiellinie.

„Eine der verdienten Persönlichkeiten der Nachkriegszeit, einer, der sich für Völkerverständigung und Welt-Offenheit einsetzte, sowohl in der Forschung als auch, indem er das Haus Welt-Club (HWC) mit seiner Frau auf den Weg gebracht und vieles getan hat, was wir uns heute auf die Fahnen schreiben – wie kann es sein, dass das Gedächtnis der Stadt, in der er wirkte und starb, so kurz ist?“

Sic transit gloria mundi – so geht er dahin, der Ruhm der Welt. Ein Stein ist vielleicht für die Ewigkeit gedacht. Doch auf Friedhöfen ist Ewigkeit endlich. Nach 25 Jahren bei Sarggräbern und nach 20 Jahren bei Urnengräbern endet die Totenruhe. Verlängern Angehörige ihren Pachtvertrag für die Grabstelle nicht, wird diese irgendwann aufgelöst.

Edith Baade, die strenge Hausdame vom Haus Welt-Club

So scheint es hier gewesen zu sein. Der Sohn von Fritz und Edith Baade, Hans-Wolfgang Baade, starb 2016 in Austin/Texas, und familienextern war die Grabpflege nicht geregelt. 

Das beinah schnöde Ende tangierte Rolf J. Langhammer persönlich. Im Januar 1973 war er unter den Gratulanten zu Baades 80. Geburtstag. Intensiver erlebte er Edith Baade: „Sie war jahrzehntelang Hausdame vom HWC, in dem ich von 1967 bis 1975 wohnte.“

Das HWC war von amerikanischen Quäkern wie Emil Hantsche und Paul Nortz finanziert und 1952 von Bundespräsident Theodor Heuss und Fritz Baade eingeweiht worden.

Edith Baade, sagt Langhammer, habe sehr viel Verständnis gehabt für die vielen ausländischen Studenten, „für sie war sie Mutti Baade. Mit den deutschen Studenten war sie strenger, fast diskriminierend, und mit uns 68ern kam sie gar nicht klar.“

Fritz Baade, ein Segen für das Institut für Weltwirtschaft

Fritz Baade sei „ein Segen für das IfW“ gewesen. „Er konnte dank seiner völlig unbelasteten Vergangenheit das IfW wieder vom Odium des Nazi-nahen Instituts befreien.“

Das Institut für Weltwirtschaft hatte unter Leitung von Andreas Predöhl (1934-1945; er war NSDAP-Mitglied seit 1937 und Rektor der Kieler Uni 1942-45) seine weltweit einmalige Expertise in den Dienst der Großraum-Politik der Nazis gestellt. Am IfW waren mehr als 2000 Geheimgutachten für Wehrmacht, Ministerien, Großbanken und Industrieunternehmen gefertigt worden. Das IfW hatte gut daran verdient.

„Dennoch störte mich wirklich“, sagt Langhammer, „dass Historiker das IfW in Bausch und Bogen verdammt haben, ohne mit dem Institut Kontakt aufzunehmen. Wir fördern deshalb eine Dissertation von Dr. Gunnar Take über das IfW in der Nazi-Zeit, die im Herbst bei de Gruyter erscheinen wird. Uns liegt sehr daran aufzuklären, was genau das IfW nach 1939 für die Nazis erarbeitete, nachdem ab 1933 die jüdischen Wissenschaftler, die die besten waren, aus dem IfW vertrieben worden waren.“

Für den Baade-Grabstein hat Langhammer mit IfW-Präsident Prof. Gabriel Felbermayr eine schnelle Lösung gefunden: Der Zweitonner wird noch in diesem Sommer vor dem Haus Welt-Club, Kiellinie 76, aufgestellt werden. 

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Zur Person: Fritz Baade - ein Sozialdemokrat, wie er im Buche stand

Fritz Baade, 1893 in Neuruppin geboren, war von 1914 bis 1918 Soldat, 1918/19 Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates und Stadtverordneter in Essen, von 1919 bis 1926 Landwirt bei Göttingen.

1922 wurde er in Göttingen zum Dr. rer. pol. promoviert. Der Agrarökonom leitete von 1925 bis 1929 die Forschungsstelle für Wirtschaftspolitik in Berlin und ab 1929 die Reichsforschungsstelle für landwirtschaftliches Marktwesen. 

Baade, Mitverfasser des sozialdemokratischen Agrarprogramms, war von 1930 bis 1933 Reichstagsabgeordneter der SPD. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP (30. Januar 1933) und der letzten freien Reichstagssitzung (23. März 1933), in der allein die SPD mit 94 anwesenden Mitgliedern geschlossen gegen das von Hitler eingebrachte Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte, wurde Baade aus allen Funktionen entfernt.

1948 schrieb er: „Ich entsinne mich, daß Abgeordnete der Zentrumsfraktion nach der Abstimmung weinend zu mir kamen und sagten, sie seien überzeugt gewesen, dass sie ermordet worden wären, wenn sie nicht für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hätten.“ 

Baade emigrierte 1935 in die Türkei, war bis 1939 Berater (für landwirtschaftliche Marktorganisation) der türkischen Regierung in Ankara und von 1939 bis 1946 privater Wirtschaftsberater in der Türkei. Die Stadt Kirsehir verdankte seiner Entdeckung einer heilkräftigen Quelle ihren Wohlstand und ernannte ihn 1959 zu ihrem Ehrenbürger, die Türkei 1966 zu ihrem Ehren-Generalkonsul in der Bundesrepublik.

Von 1946 bis 1948 lebte Baade als Publizist in den USA und engagierte sich dort gegen den Morgenthau-Plan (industrielle Demontage Deutschlands) und für den Marshall-Plan.

1948 – als die rein SPD-besetzten Kabinette Hermann Lüdemann und Bruno Diekmann Schleswig-Holstein regierten – nahm Baade den Ruf der Universität Kiel auf einen Lehrstuhl für Wirtschaftliche Staatswissenschaften, verbunden mit der Position des Direktors des Instituts für Weltwirtschaft, an, der er bis 1961 blieb.

Im August 1948 nahm Baade am Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee teil, als einer von elf Delegierten der Länder der Westzonen und Bevollmächtigter des Landes Schleswig-Holstein. Der „Herrenchiemsee-Bericht“ diente dem Parlamentarischen Rat als Arbeitsgrundlage für das vor 70 Jahren erlassene Grundgesetz.

Von 1949 bis 1965 war Baade SPD-Bundestagsabgeordneter, zuletzt mit Direktmandat des Wahlkreises Kiel. 1970 erhielt er den Kulturpreis der Stadt.

Prof. Fritz Baade starb am 15. Mai 1974 in Kiel.

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