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Kiel In welchem Zustand ist das Kieler Fernwärmenetz, Herr Teupen?
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Interview: In welchem Zustand ist das Wärmenetz in Kiel, Herr Teupen?

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08:23 11.01.2022
Auf der Suche nach Erklärungen: Jörg Teupen, Technik-Vorstand der Stadtwerke Kiel.
Auf der Suche nach Erklärungen: Jörg Teupen, Technik-Vorstand der Stadtwerke Kiel. Quelle: Uwe Paesler/Thomas Eisenkrätzer
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So einen Rohrbruch habe er noch nie erlebt, sagt Jörg Teupen. Doch jeden Verdacht, dass das Kieler Fernwärmenetz marode ist, weist der Technikchef der Stadtwerke Kiel zurück. Allerdings weiß er auch noch nicht, wie es an einer Hauptleitung zu derart verhängnisvollem Rostfraß kommen konnte.

Ein Rohrbruch in der Holtenauer mit Folgen für tausende Haushalte bis zum Ostufer: Fliegt den Stadtwerken gerade ein veraltetes Fernwärmenetz um die Ohren?

Davon kann überhaupt keine Rede sein. Das Netz ist nicht veraltet, es wird sorgsam gewartet und hat einen Zustand, wie er typisch ist für Fernwärmenetze mit dieser Altersstruktur. Es gibt Rohre, die viele Jahre alt sind und Leitungen, die gerade gelegt wurden.

Man hat aber das Gefühl, dass sich da eine Kettenreaktion ereignet hat.

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Ein so schwerer Rohrbruch hat erhebliche Druckschwankungen zur Folge. Und die – das ist für so ein Netz absolut normal - können schadhafte Stellen zutage treten lassen, die unter normalen Umständen gehalten hätten. Aus jetziger Sicht sind wir sehr zufrieden mit der Situation. Ich hätte durchaus mehr Störungen als Folge dieses großen Störungsereignisses in der Holtenauer Straße erwartet.

Erwarten Sie eine Häufung solcher Ereignisse?

Nein. Wir führen ja Statistiken. Da kann ich an keiner Stelle eine Häufung feststellen. In den zehn Jahren, die ich dabei bin, hat es so einen schweren Rohrbruch nicht gegeben. Schwere Störungen kann es in jedem Netz geben, das sehen wir ja auch beim Strom oder beim Gas.

Wie viele Haushalte waren denn auf dem Höhepunkt der Störung betroffen?

Das können wir derzeit nicht abschätzen.

Warum hat es bis in den Abend gedauert, bis es in den Haushalten außerhalb des abgetrennten Bereiches wieder warm wurde?

Das hat vor allem mit dem Druckaufbau zu tun. Wir brauchen ja nicht nur Temperatur, sondern auch Druck, um die Wärme in die Häuser zu bringen. Dieser Aufbau wurde dadurch erschwert, dass viele Verbraucher zeitgleich ihre Heizkörper aufgedreht haben, um es schnell wieder warm zu haben. Besser wäre es gewesen, wenn sich zunächst nur kritische Infrastrukturen wie etwa Kliniken zuschalten. Aber so etwas lässt sich natürlich schwer verwirklichen.

Am Sonntagmorgen kam es in Kiel zu einem massiven Rohrbruch am Dreiecksplatz: Die Fernwärme fiel im Westen und Norden der Stadt aus, der Kleine Kiel färbte sich durch austretendes Wasser grün.

Wie lange wird Kiel die Folgen dieses Rohrbruchs spüren?

Die Druckverhältnisse sind jetzt wieder so ausgeglichen, dass ich nicht von weiteren Störungen ausgehe.

Wann haben die 500 abgetrennten Haushalte es wieder warm?

Der Schaden ist ja jetzt repariert. Das heiße Fernwärmewasser floss am Abend nach und nach in die Haushalte, sodass die Versorgung im Laufe der Nacht auch dort wieder gewährleistet sein sollte.

Wie viel Fernwärme-Wasser haben Sie verloren?

Das können wir kaum abschätzen, auch weil Wasser in Abhängigkeit vom Druck sein Volumen verändert.

Das Küstenkraftwerk auf dem Ostufer hat doch einen Wärmespeicher. Warum wurde es dann auch in Dietrichsdorf kalt?

Dietrichsdorf liegt auf 42 Metern über normal Null und ist der höchste Punkt in unserem Fernwärmesystem. Das heißt, man muss deutlich mehr Druck aufbauen, um eine Versorgung sicherzustellen. Die starken Druckschwankungen haben dort also besonders stark durchgeschlagen.

Die durchgerostete Stelle sah ja schon extrem marode aus. Warum fällt so eine heftige Korrosion bei der Wartung nicht auf? Schicken Sie keine Rohrsonden durch das Netz?

Anders als etwa bei Gasnetzen ist uns für die Fernwärme bislang kein Verfahren bekannt, mit dem sich die Wandstärke der Leitungen von innen kontrollieren lässt. Das beste Frühwarnsystem ist tatsächlich die permanente Grünfärbung des Wassers. Aber wir sorgen ja vor: Das gesamte Fernwärme-Stahlrohrnetz ist durch verschiedene Maßnahmen vor Rostfraß geschützt. Zum einen durch sogenannten kathodischen Korrosionsschutz. Zudem bereiten wir das Rohwasser auf: Es wird entsalzt und so behandelt, dass der Sauerstoff gebunden wird. Wo kein Sauerstoff, da kann auch nichts korrodieren.

Warum hat das in diesem Fall nicht funktioniert?

Der Rostfraß kam von Außen. Warum das passiert ist, wissen wir noch nicht.

Wie belastend sind die Chemikalien im Fernwärmewasser für die Umwelt?

Sie sind unbedenklich und genau für dies Zwecke zugelassen. Wir verwenden Dipolic – zur Sauerstoffbindung und Passivierung durch PH-Wert Anhebung – und Uranin – einen Zusatz mit den ähnlichen Eigenschaften einer Lebensmittelfarbe – als Grünfärbung.

Muss man befürchten, dass die geschweißte Stelle in der Holtenauer ein Schwachpunkt bleibt?

Nein. Wir haben da nichts provisorisch repariert, sondern komplett wiederhergestellt.

Welche Lehren ziehen Sie aus diesem Vorfall?

Wir lernen aus jeder Störung. Wir müssen etwa über Bandansagen in den Leitstellen nachdenken, damit das Personal sich auf die Behebung des Schadens konzentrieren kann. Die Ersatzteilversorgung hat gut funktioniert. Extrem wichtig war für uns, wie schnell unser Partner Fasthuber seine Bagger vor Ort hatte.

Von Ulrich Metschies Frank Behling

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