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Kiel Renate Treutel: Bibelvers ist zu provokant
Kiel Renate Treutel: Bibelvers ist zu provokant
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07:54 14.06.2016
Von Karen Schwenke
Der "Mahnende Mühlenstein" wird in Kiel aufgestellt - allerdings nicht auf städtischem Grund. Quelle: hfr
Kiel

Der "mahnende Mühlenstein" darf nicht auf einer städtischen Fläche stehen - das hatte Renate Treutel mit einer Rücknahme der Genehmigung kurzfristig entschieden. Die Kritik einiger Leser, sie wolle sich dem Thema entziehen, weist die Stadträtin im Interview von sich und erklärt die Beweggründe für ihre Entscheidung. 

Frau Treutel, Sie hatten ja zunächst zugestimmt, das Mahnmal in der Kieler Innenstadt aufzustellen. Warum?

Das Anliegen an sich ist berechtigt. Auch die Mahnmal-Initiative ist ehrenwert; unsere Ziele sind identisch, aber die Methodik ist eine andere.

Geht es Ihnen nicht darum, das Thema Kindesmissbrauch gesellschaftlich zu diskutieren?

Der Schutz von Kindern ist das Wesentliche und Wichtige, und das wollen wir thematisieren. Aber der Stein spaltet die Gemüter. Es wird nur noch über den Stein diskutiert. Und nicht über die Frage, wie findet der Schutz denn statt und was passiert mit den Kindern.

Folgende Inschrift hat Sie veranlasst, Ihre Genehmigung zur Aufstellung zurückzuziehen: „Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, dem wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.“ Was ist an dem Bibelvers problematisch?

Ich habe ein Problem mit dieser Form der Provokation. Aktionen gegen Kindesmissbrauch und Gewalt sollten eindeutig und unmissverständlich sein.

Hält den Bibelvers für zu provokant und mehrdeutig: Renate Treutel. Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Gibt es in Kiel ein gelungenes Beispiel?

Seit zehn Jahren haben wir in Gaarden das Labyrinth. Das Symbol ist klar: Wege aus der Gewalt. Da ist man sofort beim Thema. Es gibt noch weitere Aktionen, die nicht auf den ersten Blick den Zusammenhang herstellen, beispielsweise der Kinderrechteumzug. Die Botschaft für Kinder lautet: Mir darf keiner Gewalt antun. Das ist wichtig, denn die Täter suggerieren Kindern ja: Du bist schuld.

Welche Strategie steckt dahinter?

Kinder stark zu machen. Kinder lernen auch in unseren Kieler Programmen zum Beispiel zu unterscheiden zwischen guten und schlechten Geheimnissen. Sie lernen, wenn ihnen jemand etwas antut, dann ist es kein Geheimnis, und dann darf und soll ich petzen.

Der Mühlstein richtet sich eher an Erwachsene. Welche Botschaft haben Sie für diese Zielgruppe?

Studien sagen, dass missbrauchte Kinder fünf bis sechs Anläufe brauchen, bis sie jemand ernst nimmt und ihnen hilft. Wir schulen die Profis in den Bildungseinrichtungen, aber sensibilisieren auch Eltern. Eine weitere wichtige Säule unserer Arbeit ist übrigens die Begleitung betroffener Kinder, damit sie zu stabilen Persönlichkeiten heranwachsen. Das ist zugleich Prävention. Denn es ist bekannt, dass Täter häufig selbst Opfer waren und den Missbrauch und die Gewalterfahrung nie aufgearbeitet haben. Auch Mütter, die ihre Kinder im eigenen Umfeld nicht schützen können, wurden oftmals selbst missbraucht. Wir legen also viel Wert auf Prävention, auf Informationen und auf Begleitung der Opfer. Hingegen bezieht sich das aus dem Zusammenhang gerissene Bibelzitat ausschließlich auf den Umgang mit den Tätern und kann missverstanden werden.

Es ist allgemeiner Konsens, dass Jesus für Nächstenliebe, Feindesliebe und Versöhnung steht und nicht für martialische Vergeltung. Trauen Sie den Kielern nicht zu, das Jesuszitat als Metapher einzuordnen oder sich im Zweifel damit auseinanderzusetzen?

Ich konnte es nicht ohne theologische Erläuterung einordnen. Und ich weiß auch von vielen anderen, dass sich das nicht auf Anhieb erschließt.

Was hätten Sie auf ein Mahnmal gegen Kindesmissbrauch gravieren lassen?

Vielleicht: Jedes achte Kind wird missbraucht. Oder etwas provokanter: Bist Du das achte Kind?

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