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Kiel „Das Grundvertrauen wurde erschüttert“
Kiel „Das Grundvertrauen wurde erschüttert“
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19:30 07.08.2019
Von Karen Schwenke
Bilder von bewaffneten Sicherheitskräften lösen in Deutschland oft Angst aus. Anderswo erhöhen sie hingegen das Sicherheitsgefühl. Quelle: Frank Peter
Kiel

Herr Prof. Hoinkes, Ihr Projekt läuft unter dem Schlagwort Angstkultur. Was ist das?

Ulrich Hoinkes: Angstkultur ist etwas, was in der Luft liegt. Das spüren wir alle. Aber Angstkultur ist auch etwas, das uns wissenschaftlich immer mehr interessiert, weil Angst ein Faktor ist, der unsere Gesellschaft antreibt oder eben auch lähmt.

Welche konkreten Ängste untersuchen Sie?

Wir schlittern sozusagen tagespolitisch von der einen Angst zur nächsten: Terror- und Migrationsängste waren sehr bestimmend als wir 2015 das Projekt gestartet haben, jetzt ist die Klimaangst in aller Munde. Aber wir untersuchen auch Langzeitängste, die mehr im Hintergrund stehen. Zum Beispiel bei der Einführung der künstlichen Intelligenz, die immer stärker in unser Leben eingreift: Wenn Roboter Kranke versorgen, oder wenn Autos immer automatischer fahren, führt das zur Verunsicherung.

Kooperation mit der Columbia University

Seit 2015 erforschen Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität unter der Leitung von Prof. Ulrich Hoinkes vom Romanischen Seminar das Phänomen der Angstkultur. Der Begriff bedeutet, dass Angst nicht nur eine persönliche Wahrnehmung ist, sondern dass Ängste auch stark soziokulturell geprägt sind. Wie Angst in verschiedenen Kulturen und in verschiedenen Situationen wahrgenommen wird, wie mit ihr umgegangen wird und wie Emotionalitäten in der Gesellschaft Wirkung zeigen, das sind Kernfragen der Kieler Forscher. Sie kooperieren dabei mit Wissenschaftlern des Teachers College der Columbia University in New York. Das Präsidium der CAU hat die diesjährige Night of the Profs am 15. November in Anlehnung an das interdisziplinäre Projekt unter das Motto „Angst Macht Kultur“ gestellt.

Ihr Projekt ist international ausgerichtet. Gibt es Unterschiede in der Wahrnehmung und im Umgang mit der gesellschaftlichen Angst?

In der Tat werden angstauslösende Entwicklungen, die global wirksam werden, von einzelnen Kulturen, Gesellschaften und Nationen sehr unterschiedlich aufgenommen. Gerade sind in den USA wieder Menschen bei sogenannten Shootings ermordet worden. Angesichts der zahlreichen Terrorangriffe tragen bewaffnete Sicherheitskräfte an Schulen in den USA offensichtlich zu einer Beruhigung bei, in Deutschland würde das Angstgefühle wecken. Ein anderes Beispiel sind die großen Städte in Asien, wo mit der Umweltverschmutzung anders umgegangen wird und die Menschen im Alltag Mundschutz tragen. Das ist ein Bild, das dort zur Normalität gehört, bei uns aber Ängste auslösen würde.

Die Deutschen scheinen also besonders ängstlich zu sein. Darauf weist auch ein international als „German Angst“ bezeichnetes Phänomen hin. Es geht zurück auf die 1970er- und 80er-Jahre, als die Deutschen Angst hatten vor einem Atomkrieg, vor dem RAF-Terror und vor dem Waldsterben. Sind die Ängste hierzulande ausgeprägter als anderswo?

Die „German Angst“ wird derzeit tatsächlich unter der Frage diskutiert, ob die Deutschen besonders viel Angst haben. Unsere Antwort ist noch keine definitive. Aber wir denken, dass die „German Angst“ eher ein typisches Beispiel dafür ist, dass man in Deutschland auf besondere Weise mit Ängsten umgeht. Andere Kulturen haben wiederum ihren eigenen Umgang. Es gibt kein stärker oder schwächer, sondern der Unterschied ist das wesentliche Merkmal.

Prof. Ulrich Hoinkes, Romanisches Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Foto: eis

Ihr Angstkultur-Projekt läuft seit vier Jahren. Was hat sich seither in unserer Gesellschaft bei dem Thema getan?

Es gab sehr viele Ereignisse in der Welt und öffentliche Diskurse dazu, die uns immer mehr Recht darin geben, dass wir uns mit einem gesellschaftsrelevanten Thema beschäftigen. Dazu beigetragen haben unter anderem politische Instabilitäten. Eine Schlüsselfigur ist US-Präsident Donald Trump, der sich nicht nur aufgrund von öffentlich geschürten Ängsten hat wählen lassen können, sondern auch nach seiner Wahl Angstszenarien in der ganzen Welt weiter verbreitet und zu etwas beiträgt, was wir auch als Schlüssel der Angstkultur ansehen, nämlich der Verlust von Strukturen, Werten und festgefügten Überzeugungen, wie unser Demokratieverständnis, die Menschenrechte und der tiefe Glaube an eine gewisse Seriosität von Ämtern. Hier ist die Gewissheit und das Grundvertrauen vieler Menschen erschüttert worden, und diese Verunsicherung trägt zur Angstkultur bei.

Sie sagen es: In Zeiten von Rechtspopulismus, von Trump, von Brexit, aber auch von Fridays for Future hat man den Eindruck, dass sich die Ängste verstärken. Ist die Bedeutung des Forschungsgebietes gewachsen?

Ich denke ja. Aber ich glaube auch, dass unter den interdisziplinär arbeitenden Forschern das Bewusstsein gewachsen ist, dass wir hier eine Verantwortung tragen, genauer hinzusehen und etwas zu entwickeln, das uns nachhaltig weiterhelfen kann, diese Probleme alle zu lösen. Unsere Logik ist aber nicht: Oh, da sind Ängste, die müssen wir überwinden, sondern festzustellen, dass Ängste ein konstitutiver Teil der Gesellschaft sein müssen. Greta Thunberg sagt zum Beispiel: „It’s time to panic.“ Angstkultur bedeutet auch, diese Angst richtig einzuordnen. Wir brauchen eine Perspektive, um das Vertrauen wieder aufzubauen.

Dabei hat Angst ja nicht nur Negatives, sondern kann, wie im Fall der Fridays-for-Future-Bewegung, auch konstruktiv wirken, sie kann ein Motor für Veränderungen sein. Spielt die Jugend hier eine besondere Rolle?

Ja, die Jugend ist absolut wichtig. Ängste entstehen vor allem als Bewahrungsängste von Menschen ab 50. Wenn das unsere Akteure sind, dann ist unsere Gesellschaft zu stark angstgeprägt. Wenn wir durch öffentliche Diskurse dieser älteren Generation und durch unsere Erziehung der Jugend vor allem Angst machen, dann ist das keine gute Entwicklung. Ich beobachte mit stockendem Atem, dass ein junges Mädchen wie Greta Thunberg sich hinstellt und Ängste verkörpert. Das kann auf Dauer nicht so bleiben. Das ist zwar eine wichtige Momentaufnahme, um die ältere Generation wachzurütteln, aber gerade den Konflikt der Generationen sehen wir in der Fridays-for-Future-Bewegung sehr stark. Unser Projekt hat von Anfang an zum Ziel, die Erziehung junger Menschen etwa in Schulprogrammen darauf auszurichten, dass wir ihnen nicht sagen, was richtig und falsch ist, sondern dass wir sie lernen lassen, konstruktiv mit Angstszenarien umzugehen.

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