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Kiel Jagd nach dem Pfand
Kiel Jagd nach dem Pfand
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09:35 28.06.2013
Von Anne Holbach
Anne Holbach (links) und Imke Schröder wühlten auch in Mülltonnen auf der Suche nach Pfandflaschen und -dosen. Quelle: Frank Peter
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Kiel

„Mama, was machen die Frauen da?“, fragt ein kleines Mädchen, während wir am Anfang der Kiellinie eine orange Tonne nach Pfand durchforsten. „Flaschen sammeln“, antwortet ihre Mutter und geht weiter. Pfandsuchen scheint nicht verpönt zu sein. Nur wenige rümpfen die Nase, wenn wir in den Abfalleimern nach Leergut stöbern – keiner sagt etwas. Im Gegenteil. „Als Kind habe ich im Dänemark-Urlaub auch immer Flaschen gesammelt“, erzählt uns eine Passantin. „Jetzt denke ich mir auch manchmal: Das liegt da einfach so herum.“ So einfach ist es aber nicht, Pfand finden ist harte Arbeit.

 Unsere erste halbe Stunde ist ernüchternd. Mehrfach ziehen wir freudestrahlend eine Dose aus den Behältern, um dann enttäuscht festzustellen, dass sie aus Dänemark kommt und uns leider nichts einbringt. Dabei ist die Mülleimerdichte auf der Holstenstraße hoch. Die kleinen Eimer sind eine echte Herausforderung. Sie sind so weit oben befestigt, dass man mit dem Gesicht fast direkt an der schmuddeligen Öffnung klebt – und sich verrenken muss, um die verheißungsvoll glitzernde Beute zu ergattern. Am schlimmsten sind die Mülleimer mit Abdeckung, hier muss man richtig tasten. Igitt, alles voll mit Mayo und Ketchup. Umsonst gewühlt. Nichts gefunden außer Pommes-rot-weiß-Resten.

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 Dann endlich das erste Erfolgserlebnis: Eine Dose Eistee. „Die hat Pfand“, triumphiert Imke. Ich habe nebenan ein Smoothie-Fläschchen aus dem Abfall geangelt und werfe es gleich wieder zurück. Grüner Punkt, nichts zu holen. Eigentlich bräuchten wir einen Einführungs-Kursus ins deutsche Pfandsystem. Auf den ersten Blick kann ein Schatz nicht vom schnöden Müll unterschieden werden. Unsere Konkurrenz ist da geschulter: Ein grauhaariger Mann überholt uns mit seinem Fahrrad, er späht nur fix in die Müllbehälter, greift zielsicher zu und steckt seine Beute in die verblichene Aldi-Tüte am Gepäckträger. Er hat schon fünf volle Taschen, wir erst zwei Dosen im Einkaufsroller.

 „Ich habe das Gefühl, die wissen ganz genau, wann die Tonnen geleert werden und wo es etwas zu holen gibt“, erzählt uns ein Mann. Die Profis verschmähen auch die Bierflaschen aus Glas. Dafür gibt es nur 8 Cent, sie wiegen mehr und können zu Bruch gehen. Dosen und Plastikflaschen sind 25 Cent wert, das ist ergiebiger. Uns egal, wir stecken alles ein.

 Die Kiellinie ist ein gutes Revier, vorm Bayernzelt trinken sich viele mit mitgebrachten Getränken warm. Einige Besucher bieten von sich aus ihre leeren Flaschen an. Torge, Felix, Luca und Johannes sind zum Feiern unterwegs und überlassen uns drei PET-Flaschen, im Kopf rattert die Kasse: 75 Cent. Unser Hackenporsche wird immer voller. „Wir geben unsere leeren Flaschen immer her, wenn ein Pfandsammler vorbeikommt“, sagt einer der 18-Jährigen.

 Plötzlich läuft es! Umso später es wird, desto mehr Pfand landet im Müll und damit in unserem Einkaufsroller. Einige Leute stellen ihre Flaschen direkt neben die Tonnen. Toll sind auch die Pfandkisten vom „Muddi Markt“. Dort hängen leere Getränkekisten, in die Flaschen einfach reingestellt werden können. Das erspart uns den Tauchgang.

 Über 100 Tonnen haben wir kontrolliert, bevor wir unsere pralle Ausbeute im Pfandautomaten einlösen und spenden. Das Ergebnis nach zwei Stunden Knochenjob: 3,71 Euro. Einen guten Vorsatz nehmen wir mit: Ab jetzt erleichtern wir unseren Sammelkollegen die mühsame Arbeit und stellen unsere Flaschen nur noch neben die Eimer.