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Kiel So feierte Kiel ins neue Jahr
Kiel So feierte Kiel ins neue Jahr
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00:18 03.01.2015
Von Jörg Meyer
Eher junges Publikum in der Sparkassenarena, die eine Stunde vor Mitternacht noch recht übersichtlich gefüllt ist. Quelle: Michael Kaniecki
Kiel

80 bis 50 Jahre ist es her, dass auch zu Silvester swingende Bigbands aufspielten. Ihr Sound ist dennoch nicht vergessen, wie uns das Roy Frank Orchestra in seinem Silvesterkonzert im Schloss vorführt. Eine wunderlich „lash“, wie die Jugend von heute dieses Gefühl eines Nochnicht im Schonlängst benennt, „Sentimental Journey“ zurück in die Zukunft der Klassiker von Glenn Miller und Count Basie. Aber auch in die Krimis der 60er-Jahre, wo etwa „Stahlnetz“ die Straßen leer fegte wegen seiner eingängig marschierenden Titelmelodie. Und nicht zu schweigen von den zu klingenden Markenzeichen gewordenen Melodien von „Mission Impossible“, „Derrick“ (Les Humphries’ genialer Walzer mit Akkordeons und Glockenspiel), „Miss Marple“, wo das Klavier so wunderlich cembalisiert zirpt, und der swingenden „Raumpatrouille Orion“ mit Peter Thomas’ damals zukunftsweisendem, spacigen Soundtrack.

Roy Frank, Band-Leader und bekannt auch als Saxofonist in Max Raabes Orchester, lässt sein Faible für den ewigen Swing in seinen gewitzten, manchmal wie im „Gummi-Mambo“ (aka „Cherry Pink And Apple Blossom White“) mit Leif Thomsen an der bis zur äußersten Gummibandspannung gedehnten Glissando-Trompete, Arrangements funkeln und rock’n’rollen. „Schuld war (nicht) nur der Bossa Nova“, dass in diesem Sixties-Space-Kosmos, wo der Mensch nach den Sternen – naja, erstmal nach dem Mond – griff, die isländische Sängerin Hrund Ósk Árnadóttir eine vielgestaltigst gute (Stimm-) Figur zwischen Ella Fitzgerald und Marilyn Monroe macht. Ihr „Fever“ lässt erotisch schwitzen und die Finger des Publikums im grummelnden Groove mitschnippsen. In Bert Kaempferts und Nat King Coles „L-O-V-E“ wird sie zur Fee, die auch geheimste Neujahrswünsche erfüllt, und als „Jack The Knife“ aus Brecht/Weills „Dreigroschenoper“ zur kecken Revolutionärin. Ins zugegebene „Dankeschön“ stimmt das Publikum daher selig beswingt ein.
 
Vom Swing-Cover im Schloss geht’s zum Schlager- und Hit-Cover mit der Kieler Band Coverline bei der NDR 2-Silvesterparty in der Halle400. Um 21 Uhr legen Sängerin Fredi, Sänger André und ihre Band los. Und es dauert nicht mal drei Songs, bis die Tanzfläche unter den funkelnden Kronleuchtern und überzuckerten Tannenbäumen zwischen in coolem Orange glimmenden Quaderleuchten glüht. Zwar erst nur Paare nicht mehr ganz jungen Semesters im gediegenen Diso-Fox, bald aber wilder und auch die Generation „noch nicht, aber schon“ einbeziehend. Je früher der Abend, desto tanzwütiger die Gäste.

Recht vertraut geht das Jahr zu Ende und eigentlich unspektakulär ins nächste über – „the same procedure as every year, James“, wusste schon Miss Sophie im „Dinner for One“. Und dennoch ist und bleibt das keine ganz gewöhnliche Party-Nacht, so vertraut sie scheinen mag. „Ist eben Silvester!“, diktiert uns Reisenden durch die Sphären der Nacht mancher in den Notizblock – denn es gibt da diese gewisse Magie „zurück in die Zukunft“, aus dem Nochnicht ins Schon zu entdecken.

 
Genauso im Blauen Engel, wo man zum „Tanz auf dem Kai“ kaum noch Einlass findet, da schon um 22 Uhr überfüllt. Retro rulez, wenn DJ Lu und später DJane Sasa Schätze aus ihren Vinyl-Archiven auflegen. Schon, aber längst noch nicht vergangene Hits wie Jennifer Lopez’ „Let’s Get Loud“ sind dabei mehr als ein Anfeuerungsruf. Man darf raten, ob das aus dem Laptop, reserviert für die jüngeren Evergreens, oder doch noch aus der heißen Rille kommt. Wir tippen mal auf letztere.
 
Die Nacht scheint also schon vor ihrer Kulmination an der Jahreswende schwingend im Gange, was wir in der Sparkassenarena bei der „Jahres-Abriss-Party“ schon mal nacherleben wollen. Doch von den paar tausend Gästen, die man erwartet hatte, noch keine Spur. Eher ein paar hundert, die die Tanzfläche keinesfalls füllen. Ist es schon zu früh in dieser Nochnicht-Neon-Nacht? DJ Schuby, aka Frank „Abrissbirne“ Raven, müht sich fleißig, schon leicht bis schwer beschwippste Single-Damen und -Herren zu Paaren zu treiben, zündet Konfetti-Kanonen, um dem Spaß auf die Sprünge, wenn schon nicht auf die stumpfe Spitze zu helfen. Aber manche versuchen sich erstmal an den modischen Bierpong-Tischen, was auch eher gezwungen wirkt. Eine ambitioniert aufgezogene Groß-Party, die schon die letzte Stunde des alten Jahres noch nicht so recht zu rocken weiß.
 
Also flüchten wir ins Kleine und Feine, zum Künstlerpublikum im gerade noch nicht eröffneten, aber schon mal underground-silvestrig eingeweihten Superlala-Club in der Arfrade. Jetzige und ehemalige Studierende an der Muthesius Kunsthochschule haben hier, wie Galerist Ulrich Horstmann berichtet, „drei Tage gearbeitet“, um den Club zur „Rocketlove meets Interstellar Overdrive“ in eine „spacige“ Atmosphäre zu tauchen. Unter der Decke hängen riesige Roboter und Raumkapseln aus Pappmaché, am DJ-Pult, auf dessen Front ein fettes NASA-Logo prangt, dahinter projizierte Preziosen aus zurück-ins-zukünftige Science-Fiction-Filmen, legt der Berliner DJ Pin rockigen Techno auf, bevor ihn später die DJs Benno Zucker und Hopemaster mit Funk, Soul und „anderem Space-Quatsch“ ablösen. Doch davor sind noch die Bammbo Brothaz auf der Mond-Raketen-Startrampe. Gitarrist Thor Sengdahl, Chris Hoechst an den Drums und Carl Benjamins auf dem ruppigen (Drum’n’) Bass bieten den entspannten Soundtrack für Spontan-Rapper und -Poetry-Slammer aus dem Publikum. Fast möchte man da selber einsteigen, um das Gedicht der Nacht noch nicht geschrieben, aber schon erdacht zu zelebrieren. Ganz wie der Rapper, der freestylet, wie „angeschossen von meinem Geist“ er sei. Ein Schuss der treffend aus dem Nochnicht ins Schon geht.
 
Aber wir müssen weiter noch zum Schon der Ü30-Party in der TraumGmbH. Spacig gestylet mit jeder Menge Aluminiumfolien-Lametta im gegen zwei Uhr gut bevölkerten Eingang und innen unter den Luftschlangen, die wie ein Menetekel aus dem Himmel hängen, sind Teppiche aus Plaste-Konfetti, die jetzt zertanzt werden, nicht zu übersehen. Ganz gewöhnliche Party, aber „echt voll crowded“. Und so manches glückliches Gesicht sieht man dem Neujahrsmorgen entgegen schweben und tanzen.
 
Wie auch das von Harry, „Hartz IV seit acht Jahren“ und wohl auch im neuen. Im Nochnicht wieder auf die Füße zu kommen, sammelt sich in seinem Einkaufswagen schon mal ein ansehnlicher Berg von Pfandflaschen, die gerade ehedem Raketenabschüssen dienten. Er sackt die schon Reste ein und sagt: „Dies ist meine beste Nacht, besser noch als auf der Kieler Woche.“ Rund 50 Euro vermutet er in seinem Wagen. Und gerade ihm wünschen wir daher ein gutes, besseres, neueres, weniger sorgenvolles Jahr.