Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Sogar Nasa nutzt Technik aus Kiel
Kiel Sogar Nasa nutzt Technik aus Kiel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 04.05.2014
Von Karin Jordt
Staunend sieht sich das Filmteam mit Regisseur Jean-Louis Saporito, Kameramann Stéphane Saporito, Journalist Stéphane Nicolopoulos und Toningenieur Stéphane Papin (von links) auf dem Grundstück von Per Dudek (2. von rechts) um und bittet zum Interview auf Englisch. Foto Jordt Quelle: dt
Kiel

Der geplante Dokumentarfilm über die Gefahren und Vorhersagbarkeit von Sonnenstürmen entsteht im Auftrag des öffentlich-rechtlichen Bildungssenders France 5, der zu France Télévisions gehört. Der einstündige Film soll in rund drei Monaten gezeigt werden und könnte auch vom deutschen Fernsehen übernommen werden. Zum Interview einigt man sich auf die Sprache Englisch. „Unsere Welt ist immer mehr von empfindlicher Elektronik geprägt“, sagt Stéphane Nicolopoulos, Journalist und Direktor der Pariser Thelos-TV-Produktionsgesellschaft: „Wir werden immer abhängiger von der Technik, aber kaum jemand denkt daran, wie gefährlich und zerstörerisch Sonneneruptionen für die Systeme sein können.“

 Als die Crew rund um den bekannten Regisseur und Dokumentarfilmer Jean-Louis Saporito über das Thema mit Wissenschaftlern in Frankreich und Belgien sprach, fiel immer wieder ein Name: Per Dudek, Herr der Kieler Satellitenschüsseln und Kopf einer Gruppe von Technikfreaks, Funkamateuren, Wissenschaftlern und Spacecowboys, die in der weltweit einmaligen privaten Einrichtung am Wolblöken zwischen Steuerelementen, Rechnern, Empfangs- und Messeinrichtungen tüfteln und mit Daten jonglieren.

 Besonders interessant war für das Filmteam die Tatsache, dass Dudek auch offizieller Datenlieferant für die Nasa ist. Die amerikanische Weltraumbehörde hat zur genauen Beobachtung der Sonne die Satelliten Stereo A und B (Ahead und Behind) ins All geschickt. Von unterschiedlichen Punkten aus registrieren die Zwillingsraumsonden, was sich auf dem Feuerball tut, und senden die Daten zur Erde, so dass dreidimensionale Bilder entstehen. Da bei der Nasa, die eine Fülle von Objekten und Missionen betreut, langsam die Empfangsspiegel knapp werden, wurden weltweit Observatorien gesucht, die die Stereo-Daten empfangen können. Auch das Team aus Rönne meldete sich und sendet inzwischen seit fünf Jahren täglich die Daten, die über einen Sieben-Meter-Spiegel empfangen werden, an die Nasa weiter.

 Auch die Uni Kiel und Schulen nutzen die Anlagen, mit denen sich zudem Satellitenbilder und Radiosignale von Marssonden sowie vom Jupiter empfangen, Wetterdaten aufzeichnen, Verkehrsströme von Schiffen und Flugzeugen in Norddeutschland beobachten und radioastronomische Messungen machen lassen. Auch Amateurfunk, besonders über Erde-Mond-Erde-Verbindungen, wird nach wie vor gepflegt.

 Das französische Filmteam möchte das alles ganz genau wissen, quetscht sich mitsamt Kamera in die Container mit den Rechnern und hört staunend die abenteuerlichen Geschichten, wie Dudek die Gerätschaften im Laufe von Jahrzehnten geschenkt bekam und mit Hilfe von Freunden aus allen Himmelsrichtungen zusammengetragen hat – darunter fünf Satellitenschüsseln mit einem Durchmesser von vier bis neun Metern. „Aber es ist kein Spielkram, sondern wird tatsächlich gebraucht“, betont der ehemalige Lehrer am Gymnasium Wellingdorf.

 Bei der Nasa ist man dankbar für die exakten und kostenlosen Informationen aus Kiel. Heftige Eruptionen und Stürme auf der Sonne können auf der Erde nicht nur faszinierende Polarlichter erzeugen, sondern auch Satelliten lahm legen, durch den Einfluss auf das Magnetfeld den Flugverkehr stören, Navigationssysteme beeinträchtigen und sogar ganze Stromnetze ausfallen lassen. Während die Daten von der Sonne in Lichtgeschwindigkeit zur Erde kommen, brauchen die geladenen Partikel rund einen Tag länger – Zeit genug also, um Vorsorge zu treffen.

 „Ist es nicht einfach überwältigend und ein tolles Gefühl, Teil dieses weltweiten Warnsystems zu sein?“, möchte Journalist Stéphane Nicolopoulos von Dudek wissen. Vielleicht könnten die Informationen aus Kiel eines Tages die Welt vor einer Katastrophe bewahren? Der Kieler antwortet mit norddeutscher Gelassenheit: „Wir freuen uns einfach, dass alles hier so gut funktioniert.“