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Kiel Ein Euro-Erklärer hält die Laudatio
Kiel Ein Euro-Erklärer hält die Laudatio
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00:15 25.06.2013
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Jörg Asmussen, Direktoriumsmitglied der EZB, hält die Laudatio bei der Verleihung des Weltwirtschaftlichen Preises in Kiel.
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Kiel

Auf jeden Fall ist Jörg Asmussen das, was man eine Erscheinung nennen darf: Sein kahlgeschorener Kopf ist ohne Weiteres zwischen all den Menschen auszumachen, die im Haus der Berliner Industrie- und Handelskammer an diesem Morgen an Dutzenden Tischen sitzen. Asmussen sitzt kerzengerade und lauscht den warmen Worten, die zur Begrüßung auf ihn herunterregnen. Er gibt sich unbeeindruckt, auch wenn alle Augen auf ihm ruhen. Das Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) soll den Mittelständlern die Finanz- und Schuldenkrise erklären. Asmussen kennt diese Situationen. Seit anderthalb Jahren jettet der 46-Jährige wie seine EZB-Kollegen durch Europa und redet, redet und redet. „Wir gehen mehr als früher raus und erklären“, beschreibt es Asmussen. Es ist diese Art von Understatement, die mit dem Norddeutschen verbunden wird. Asmussen ist niemand, der auf dem politischen Parkett schillert. Er glänzt mit Fachkenntnis. Er ist der Euro-Erklärer, der den Euro-Apokalyptikern Pragmatismus entgegenhält.

 Asmussen wird gern als der Prototyp des modernen Beamten beschrieben. Ruhig, intelligent, belesen, mit großer Sachkenntnis, gleichzeitig aufgeschlossen gegenüber Kompromissen und ohne großen Hang zur Selbstinszenierung. Zu Zeiten der großen Koalition bildete der damalige Staatssekretär im Finanzministerium mit dem Kanzlerberater Jens Weidmann das geniale Duo der Griechenland-Rettung. Weidmann ist heute Chef der Bundesbank. Im Hintergrund sorgten die beiden mit dafür, dass der Währungsraum den Euro-Staaten nicht mit einem lauten Knall um die Ohren flog. Weidmann und Asmussen: Diese Verbindung war die personifizierte Sachlichkeit, der Sieg der Vernunft über die Tagespolitik. Asmussens Wechsel von Berlin nach Frankfurt zur EZB wurde deswegen nur als konsequent empfunden. Er selbst hat den Schritt nicht bereut. „Meine Aufgabe ist eine klar europäische, und das mag ich“, sagt er. Vor allem die politische Linke verspricht sich vom SPD-Mitglied Asmussen Unterstützung. Denn in der EZB stehen sich zwei Lager gegenüber.

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 Als Asmussens Antipode wird dabei Jens Weidmann in Stellung gebracht. Obwohl beide betonen, dass sie sich gut verstehen. Weidmann gilt als Verfechter der strengen Lehre, dass die EZB politisch unabhängig sein müsste. Anleihenaufkäufe von strauchelnden Euro-Staaten sieht er als Tabu-Bruch. Asmussen ist da pragmatischer. Der Kauf ist aus seiner Sicht die einzige Möglichkeit, den Schuldenstaaten Luft zum Atmen zu verschaffen. Doch das bedeutet nicht, dass Asmussen nun die Gelddruckmaschinen anschmeißen möchte. „Geldpolitik ist keine Allzweckwaffe.“ Der Mann, der an der Flensburger Goethe-Schule Abitur machte, dann in Gießen, Bonn und Mailand Volkswirtschaft studiert hat, scheut plakative Aussagen. „Es gibt für jede komplexe Frage eine einfache, klare, aber auch falsche Antwort“, sagt er. Soll heißen: Wenn etwas simpel klingt, ist es fast immer falsch.

 Weder will Asmussen Griechenland ausschließen, noch sollen die Griechen einfach weitermachen dürfen. „Wir brauchen Sparen und Wachstum“, sagt er. Er könnte damit Vermittler zwischen den EZB-Blöcken sein. Denn Deutschland nimmt er nicht aus. Ein modernes Steuersystem braucht die Bundesrepublik noch immer, ist er überzeugt. Eine Reform des Bildungssystems, die bessere Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt oder der Kampf gegen soziale Spaltung sind seiner Meinung unumgänglich.

 Für solche Positionen feiern die Berliner Mittelständler den Euro-Erklärer. So viel Beifall erhält in diesem Umfeld nicht jeder Sozialdemokrat. Asmussen kommt gut an. Klare Kante, wurde das zu Gerhard Schröders Zeiten genannt. Doch Asmussen bietet auch Angriffsfläche. Kritiker werfen ihm vor, seine Meinung nach Bedarf zu ändern. Das mag übertrieben sein, doch zumindest ist es fragwürdig, wenn Asmussen heute Banken und Finanzmärkte in die Schranken weist. Denn als Mitglied im Gesellschafterbeirat einer Finanz-Lobbyorganisation macht er sich 2003 stark für „forderungsbesicherte Wertpapiere“. Probleme damit gelten als eine Hauptursache der Finanzkrise. „Es gab eine Deregulierungswelle in der Wissenschaft, in der Politik, in den Medien“, sagt Asmussen heute. „Einiges ist da zu weit gegangen.“ Auch wenn er sich hinter dem Mainstream versteckt: Asmussen ist eben zu clever, um Fehler zu bestreiten.

Ulrich Metschies/Kai Kollenberg