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Kiel "So eine Tat lässt niemanden kalt"
Kiel "So eine Tat lässt niemanden kalt"
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10:26 11.10.2019
Von Jördis Merle Früchtenicht
Die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Kiel und Region feierten am Mittwoch in ihrer Synagoge in Kiel-Gaarden Jom Kippur. Hier erfuhren sie von dem Attentat in Halle. Quelle: Uwe Paesler
Kiel

An den roten Backsteinen lässt sich nicht erkennen, dass hinter den Mauern die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Kiel und Region liegt. Nur ein kleines Schild weist darauf hin, dass in dem Gebäude die Gemeinderäume liegen. Am Mittwoch haben die Gemeindemitglieder hier Jom Kippur gefeiert.

An diesem Feiertag werde, wie auch an anderen jüdischen Feiertagen, eigentlich kein Fernsehen geschaut und auch kein Radio gehört, sagt die Geschäftsführerin der Gemeinde, Viktoria Ladyshenski. Von dem Attentat in Halle habe man dennoch erfahren. „So eine Tat lässt niemanden kalt. Es ist schrecklich, wenn Menschen durch solche Geschehnisse getötet werden.“

Nach dem Anschlag habe am Donnerstag die ganze Zeit ein Streifenwagen der Polizei vor der Tür gestanden. „Das ist sonst nicht so“, sagt Ladyshenski. Die Gemeinde spreche mit der Polizei, von dieser erfolge dann eine Einschätzung der Sicherheitsstufe. Als die Mitglieder am Ende der Feierlichkeiten vor die Tür traten, fanden sie eine Gedenkkerze, einen Blumenstrauß und ein Pappschild mit der Aufschrift „Den Opfern von Halle & gegen den Hass“.

„Einige Gemeindemitglieder waren wie erstarrt“

In der zweiten jüdischen Gemeinde in Kiel hat man ebenfalls während der Feierlichkeiten in der Synagaoge am Schrevenpark von dem Anschlag erfahren: „Einige Gemeindemitglieder waren wie erstarrt, andere haben geweint. Wir haben uns aber schnell gefasst und besprochen, dass wir weitermachen wie bisher“, sagt Walter Joshua Pannbacker von der Jüdischen Gemeinde Kiel.

„Wir werden die Toten in unsere Gebete einbeziehen, aber wir werden dem Täter und seinem Umfeld nicht den Triumph gönnen, etwas zu ändern oder Gottesdienste abzusagen.“ Auch hier stand ein Polizeiwagen vor dem Haus. „Der ist erst weggefahren, als niemand mehr im Gebäude war.“ 

Jüdische Gemeinde Kiel und Region hat 430 Mitglieder

Die Jüdische Gemeinde Kiel und Region in Gaarden hat sich in den 1990er Jahren organisiert. Viele Gemeindemitglieder wanderten in der Zeit aus Osteuropa aus. „99 Prozent kommen aus der ehemaligen Sowjetunion“, so Ladyshenski.

Nach eigenen Angaben zählt die Gemeinde heute 430 Mitglieder. 1997 ist sie in das jetzige Gebäude in Gaarden gezogen, eine ehemalige Badeanstalt. Gerade finden auf dem Grundstück die Vorbereitungen für den Feiertag Sukkot statt, der am Montag begangen wird.

Im Garten steht bereits eine Laubhütte, deren Dach mit Zweigen bedeckt ist, während die Seiten durch Planen vor Wind geschützt werden. In der Hütte wird die Gemeinde gemeinsam feiern. Für den Gottesdienst sind gestern zudem vier Pflanzen aus Israel angekommen, die zu einem Feststrauß gebunden werden.

Es handelt sich um Palm-, Myrten und Weidenzweige sowie um eine Etrog, eine Zitrusfrucht. Durch sie würden Menschen mit verschiedenen Eigenschaften symbolisiert, so Ladyshenski. „Das Zusammenbinden der Pflanzen zeigt, dass alle Menschen zusammengehören.“

„Hier findet nicht nur das religiöse Leben statt, wir sind auch ein Sozialzentrum“

Neben der Synagoge, dem Raum, in dem die Gottesdienste abgehalten werden, sind in dem Altbau auch andere Gemeinderäume untergebracht: Es gibt einen Versammlungsraum, in dem mal getanzt, mal gemeinsam gegessen wird und auch eine Bibliothek, in der neben Büchern zum Judentum auch Krimis, Klassiker und Romane stehen.

„Hier findet nicht nur das religiöse Leben statt, wir sind auch ein Sozialzentrum“, sagt Ladyshenski. Es gebe etwa Workshops und Diskussionsrunden, aber auch Angebote für Senioren. „Wir sind mittendrin im Leben und in der Gesellschaft. Wir leben nicht losgelöst von Deutschland oder Europa.“

Antisemetismus ist spürbar

Dennoch macht sich im Leben der Gemeindemitglieder immer wieder Antisemitismus bemerkbar. Äußerlich habe sich an den Anfeindungen in den vergangenen Jahren zwar nicht viel geändert. „Aber innerlich spüren wir den Antisemitismus in der Gesellschaft, in der wir leben.“ Die Tat in Halle sei nur die Spitze des Eisbergs.

Das große Problem sei, dass die Gesellschaft schweige. „Es wird geduldet, wenn man den Holocaust leugnet oder als Vogelschiss bezeichnet. Antisemitische Beschimpfungen gehören zur Tagesordnung“, so Ladyshenski. „Und in der Schule oder auf dem Fußballplatz wird Jude als Schimpfwort verwendet.“ Die Gesellschaft müsse aufstehen und handeln, nicht alle antisemitischen Übergriffe könne man strafrechtlich verfolgen.

Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Kiel-Gaarden würden sich überlegen, wem sie davon erzählen, dass sie jüdisch seien. „Sie haben Bedenken, das in der Schule oder der Nachbarschaft zu erwähnen“, so Ladyshenski. Das alle zwei Monate erscheinende Gemeindeschreiben etwa würde auf Wunsch der Mitglieder in weißen Briefumschlägen verschickt, auf denen nicht erkennbar sei, dass es von der jüdischen Gemeinde komme. „So sehr ich auch Vertrauen in die Menschen habe, kann ich den Wunsch verstehen.“

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