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Kiel Auf der Suche nach der nächsten Bombe
Kiel Auf der Suche nach der nächsten Bombe
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15:33 25.11.2019
Von Christian Trutschel
Alan Bock, Leiter der Luftbildauswertung beim Kampfmittelräumdienst des Landes, zeigt auf dem Smartboard eines der allein 78 000 Kriegsluftbilder, die im System zur Verfügung stehen. Quelle: Uwe Paesler
Groß Nordsee

90 Luftangriffe auf Kiel flogen die Alliierten während des Zweiten Weltkrieges, den schwersten, ausgeführt mit 1000 britischen Bombern, in der Nacht zum 27. August 1944. Am Morgen waren 40 000 Kieler obdachlos. Der Polizeipräsident fungierte damals als örtlicher Luftschutzleiter. Bei ihm liefen alle Berichte über Bombentreffer und Schäden zusammen. In seiner Behörde wurden adressgenaue Listen erstellt und – als geheim eingestuft – weitergegeben, sowohl ins Reichsluftfahrtministerium als auch zum Kieler Oberbürgermeister oder ans Kieler Arbeitsamt. Diese Listen – in Teilen im Stadtarchiv Kiel und im Landesarchiv in Schleswig zugänglich – hatte wie berichtet Jürgen Jensen, früherer Direktor des Kieler Stadtmuseums, dem Kampfmittelräumdienst zur Verfügung gestellt. „Ich hatte mir schon lange vorgenommen, damit zu arbeiten, war aber nicht dazu gekommen“, sagt er. Nun planen Historiker Jensen und Geografin Alina Dallmann vom Kampfmittelräumdienst eine gemeinsame Buchveröffentlichung im nächsten Jahr. Arbeitstitel: „Meldungen vom Kieler Kriegsschauplatz. Geheime Lageberichte des Kieler Polizeipräsidenten 1940-1945“.

Adressen wurden digitalisiert

Beide begegneten einander eher zufällig, als Jensen im Herbst 2017 die etwa 300 Seiten geheime Lageberichte nach Groß Nordsee brachte. Alina Dallmann absolvierte gerade ein Praktikum in der von Alan Bock geleiteten Abteilung Luftbildauswertung. „Wir haben das Potenzial der historischen Daten erkannt und dann in Zusammenarbeit mit dem Kampfmittelräumdienst eine Idee entwickelt für meine Masterarbeit“, sagt Dallmann, die an der Kieler Universität Umweltgeografie und -management im Masterstudiengang studierte. Ihre Masterarbeit „Erfassung von Schäden des Zweiten Weltkriegs in Kiel mittels GIS, Kriegsluftbildern und historischen Dokumenten“ legte sie im Herbst 2018 vor. Alleine für die Digitalisierung der Adressen bombardierter Gebäude habe sie 28000 Excel-Zeilen geschrieben.

Ein Jahr danach steht Alina Dallmann, inzwischen eine von acht Lufbildauswertern beim Kampfmittelräumdienst, am großen Smartboard der Abteilung und zeigt, wie diese Daten nun als ein weiterer von schon sehr vielen Mosaiksteinen bei der Suche nach der nächsten Bombe dienen können. Die Karte Kiels, die sie am Bildschirm, für alle im Raum gut sichtbar, aufruft, zeigt eine Fülle farbiger Punkte, die auf einen Blick visualisieren, welche Mengen von Bomben auf Kiel niedergingen. Jeder einzelne Punkt markiert einen dokumentierten Bombentreffer. Sämtliche Adressen hat Dallmann über historische Adressen verortet – denn eine wie „Adolf-Hitler-Platz“ war ja nicht von Dauer, und auch andere Straßen heißen und verlaufen heute anders. 

Bomben auf Schleswig-Holstein

Bis zu 30 000 Tonnen Bombenlast wurde über Kiel abgeworfen – so viel wie über keiner anderen Stadt in Schleswig-Holstein. Kiel liege damit unter den deutschen Städten an sechster, Berlin an erster Stelle, sagt Jürgen Jensen, langjähriger Direktor des Kieler Stadtarchivs und Stadtmuseums. 512 Tonnen Bomben wurden nach Angaben des Kampfmittelräumdienstes des Landes in Groß Nordsee auf Lübeck abgeworfen, je 566 Tonnen auf Bad Oldesloe und auf Flensburg, 1975 Tonnen auf den Bahnknotenpunkt Neumünster, 2697 Tonnen auf Hemmingstedt und die dortige Öl-Raffinerie. Auch Büchen, als Bahnknotenpunkt, bekam 252 Tonnen ab, Husum 235 Tonnen, 102 Tonnen Sylt und sechs Tonnen Utersum auf Föhr. Die Fachleute schätzen, dass etwa zehn Prozent der abgeworfenen Munition Blindgänger sind. Wie viele davon gleich nach Angriffen beseitigt wurden, auch von Zwangsarbeitern, weiß niemand.

Wählt sie einen Punkt, eine Adresse aus, zum Beispiel Augustenstraße 35 in Kiel-Gaarden, bietet das geografische Informationssystem GIS dazu vier hinterlegte Bombardierungstage an. Hinter jedem sind wiederum auf einer digitalen Karteikarte zahlreiche Angaben gespeichert, zum Beispiel für den 13. Dezember 1943: Privathaus, schwer Schaden, mehrere Flüssigkeitsbrandbomben. Viermal wurde allein diese Hausnummer getroffen, beim vierten Mal, am 27. August 1944, war es ein Totalschaden.

78 000 Kriegsluftbilder im System

Das zugrundeliegende System ist ein wunderbarer Werkzeugkasten verschiedener Such-Instrumente und heißt Geografisches Informationssystem, kurz: GIS. Alles, was analog im klimatisierten Archiv des Kampfmittelräumdienstes aufbewahrt wird, ist bereits digitalisiert ins GIS überführt worden und steht nun zur Visualisierung als Layer (Schicht) zur Verfügung. Dafür wurden allein 28500 analoge Kriegsluftbilder von Mitarbeitern des Materialhofes der Behindertenwerkstätten der Diakonie in Rendsburg digitalisiert, sodass nun insgesamt 78 000 Kriegsluftbilder im System sind. Das ist etwas mehr als die Hälfte aller 150000, die vom Himmel über Schleswig-Holstein damals gemacht wurden. 

Darunter sind auch ein paar wenige Strike Attack Views (SAV), Schwarz-Weiß-Fotos, die im Moment der Detonationen entstanden oder unmittelbar danach. Auf einem fast gestochen scharfen SAV-Bild ist die Bombardierung der Schleuse Brunsbüttel festgehalten, aus etwa 6000 Metern Höhe. Man sieht Explosionswolken, einige ausgefranst, andere noch gar nicht voll entfaltet; und Löcher, wie sie auch Blindgänger beim Einschlag erzeugen.

Präzise Vergleiche sind möglich

Doch im System ist noch viel mehr, das auf dem Smartboard zur Zusammenschau gebracht werden kann. Etwa 15 000 Nachkriegsbilder zum Beispiel. Komplett vorhanden sind die aktuellen Grunddaten vom Landesvermessungsamt. Diese geografische Folie der Gegenwart lässt sich wie ein Vorhang, stufenlos, abschnittweise oder transparent, über die entsprechende historische Ortskarte ziehen und mit dieser präzise vergleichen. Es gibt jede Menge historischer Landkarten, dazu Karten diverser Befliegungen Schleswig-Holsteins durch Alliierte, in die zum Beispiel die Briten ihre systematisch fotografierten Areale mit Nummern eintrugen, die identisch waren mit denen der bei diesem einen Flug entstandenen Luftbilder.

Die Bilder wurden zeitversetzt aufgenommen, sodass je zwei benachbarte sich zu 60 Prozent überlappen. Diese Überlappung erlaubt es dem Kampfmittelräumdienst heute, ein neues Bild zu erzeugen. Trägt der Betrachter eine 3-D-Brille, gewährt ihm das neue, alte Luftbild räumliche Einblicke in Straßenzüge und Bombentrichter. Deutlich heben sich Dächer vom Grund ab, noch heile Gebäude von schon ruinierten, und die Schatten dort? Ein Blindgänger-Loch? Eine Anhöhe? Oder eine Kuh?

Erst 1988, nachdem ein Staatsvertrag mit Großbritannien geschlossen worden war, durften die britischen Kriegsluftbilder von deutschen Behörden abfotografiert werden – aber nur ein Jahr lang. Für die Zeit davor stehen beim Kampfmittelräumdienst Sondierakten zur Verfügung, die dokumentieren, was auf welchem Flurstück sondiert wurde, zum Beispiel vor dem Bau eines Kieler Einfamilienhauses 1972. Hatte es die Einstufung „kampfmittelfrei“ bekommen? Etwa 100 000 Munitionsmeldungen der Behörde von 1945 bis 2017 fließen ins GIS ein, Jahresberichte, Gemeinderecherchen. Doch sie sagen manchmal wenig aus, zum Beispiel für ein Datum im Jahr 1959 eine vermutete Bombe auf einer Getreidekoppel von Bauer S. in Klausdorf.

Hier sehen Sie Bilder von der Arbeit der Luftbildauswerter.

Sind von diesem Flurstück Luftaufnahmen verschiedener Tage vorhanden, kann man im Vorher-Nachher-Abgleich nach Blindgänger-Einschlägen suchen, mit der Zusatz-Tücke, dass eine zweite Bombe in der Nähe explodierte und ihr Erdauswurf das Einschlagloch des Blindgängers abdeckte. Doch wenn es keine oder nur friedliche Luftbilder der Getreidekoppel von Bauer S. in Klausdorf gibt: Wo soll man da anfangen und aufhören zu suchen? „Blindgänger“, erklärt Bock, „bohren sich oft dreieinhalb Meter, manchmal aber bis zu sechs Meter tief in die Erde. Gemessen von der Geländeoberkante im Kriegsjahr.“ Je nach Untergrund vollführt ein Blindgänger, der meistens schräg in den Boden eindringt, unterirdisch eine elliptische Kurve, kommt also vom tiefsten Punkt aus wieder ein Stückchen nach oben und entfernt sich dabei vom Einschlagspunkt. Wenn die Auswertung Anhaltspunkte ergibt, rückt der Sondiertrupp aus und bohrt vorsichtig Löcher, standardmäßig 37 in einem Fünf-Meter-Radius. In 15 Prozent der Fälle, wo die Luftauswertung Blindgänger vermutet, wird auch einer gefunden. Bisher wurden 2019 in Schleswig-Holstein 20 enttarnt und entschärft.

Alles fließt mit ein ins GIS, alles ist darstellbar auf dem Smartboard. „Wir sind dabei, dies alles in ein Kampfmittelinformationssystem zu überführen, das dann deutschlandweit einmalig ist“, sagt Abteilungsleiter Alan Bock. 2020, vom 7. bis 10. September, wird es in Kiel ein Symposium geben, bei dem Luftauswerter aus ganz Deutschland zusammenkommen werden.

Mehr Anfragen, mehr Mitarbeiter

Als Alan Bock (41) 1999 zum Kampfmittelräumdienst kam, waren sie als Luftauswerter zu zweit. „Damals gab es etwa 300 Anfragen im Jahr“, sagt der Leiter der Luftbildauswertung, eine von fünf Abteilungen der Behörde, die zum Landeskriminalamt gehört und damit zum Innenministerium. Heute schreibt die Kampfmittelverordnung für 90 Gemeinden in Schleswig-Holstein vor, dass jeder, der dort bauen will, eine Bestätigung des Kampfmittelräumdienstes vorweisen muss, dass das Baugrund-Flurstück kampfmittelfrei ist. Für 2019 lagen bis zum vergangenen Donnerstag bereits 4582 Anfragen vor. 5000 werden es wohl werden. Seit Februar dieses Jahres sind sie deshalb zu acht in der Luftauswertung.

Nur Inhaber bekommt Informationen

71 Euro pro Stunde Datenauswertung zahlen anfragende Bürger und Bauträger. Oft zeigt GIS für das angefragte Flurstück mehrere Kriegsluftbilder, „die sehen wir uns dann alle an“, sagt Bock. In Kiel könnten es bis zu 1000 Bilder pro Flurstück sein, erklärt Alina Dallmann, in kleineren Gemeinden manchmal nur 60. „Wir müssen eine adäquat hochwertige Aussage machen“, betont Bock, „weil der Bauherr sich auf unsere Angaben verlässt.“ 

Die Kriegsluftbilder sind nicht öffentlich. Nur der Inhaber des Flurstücks darf den Antrag stellen und bekommt den Bescheid. Lautet die Diagnose der Luftauswertung „kampfmittelbelastet“, wird der Antragsteller mit dem Sondiertrupp verbunden. Hätte sein Nachbar einen Blindgänger, erführe er das nicht, aber der Kampfmittelräumdienst würde – zunächst intern – aktiv. Wenn die Behörde im Einzelfall ein bisher nicht vorhandenes Kriegsluftbild der Briten kaufen muss, kostet jedes 91 Euro. „Die zahlt aber das Land, nicht der Bürger“, erklärt Bock. 1999 habe so ein Bild noch 28 D-Mark gekostet, vor Kurzem noch 75 Euro. 

Schleswig-Holstein ist kampfmittelfrei“ – diese Aussage wird es wohl nie geben. Dass manches Haus über einem Blindgänger erbaut wurde – davon muss man ausgehen. Eine Lösung für die Altlasten-Probleme bietet nur das, was beide Kriegsparteien einte: ihre Akribie. Während die Kieler jedes bei einem Bombenangriff zerstörte Gebäude erfassten, dokumentierten die Briten, welcher ihrer Piloten wann mit welchen Bomben welcher Bezünderung über Kiel unterwegs war. Um fündig zu werden, braucht man Menschen, die diese Daten zusammenführen und die richtigen Schlüsse ziehen können.

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