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Kiel Kein „Ehrenmord“, dennoch lange Haftstrafen
Kiel Kein „Ehrenmord“, dennoch lange Haftstrafen
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17:41 23.03.2012
In diesem Hof in Gaarden ereignete sich vor fast genau einem Jahr die tödliche Messerstecherei. Quelle: Foto: Geist
Kiel

Langjährige Haftstrafen für den gewaltsamen Tod eines 26-jährigen Irakers: Wegen Totschlags verurteilte das Kieler Landgericht am Freitag vier Brüder und deren Schwager zu Freiheitsstrafen zwischen fünf und 14 Jahren. Das Opfer wurde Anfang Januar 2011 von den Angeklagten in eine Bäckerei verfolgt und dort getötet. Er verblutete an 18 Einstichen — vier davon waren lebensgefährlich. Für einen Mord zur Rettung der Familienehre, wie Staatsanwalt und Nebenklage die Tat werteten, sah die Kammer aber keinen Anhaltspunkt.
„Die Angeklagten sind des Totschlags schuldig. Sie haben gemeinschaftlich und vorsätzlich getötet“, sagte der Vorsitzende Richter Stefan Becker in seiner Urteilsbegründung. „Alle waren stillschweigend einverstanden, dass das Opfer durch ihre Hand streben sollte.“ Tatmotiv und Hintergründe des Verbrechens hätten aber auch in fast 30 Verhandlungstagen nicht ausreichend aufgeklärt werden können, sagte der Richter. Die Kammer habe deswegen auch kein für eine Verurteilung wegen Mordes notwendiges Mordmerkmal erkennen können. Sie gehe vielmehr „von einem konkreten kurzfristigen Auslöser der Tat aus“.
Opfer und Täter waren schon in der Vergangenheit mehrfach aneinandergeraten, weil die Schwester mit dem 26-Jährigen Iraker eine neue Partnerschaft eingegangen war. Sie hatte längere Zeit zuvor ihren Mann verlassen, mit dem sie nach muslimischem Recht verheiratet war. Wegen ihrer Beziehung fühlte sie sich offenbar von ihrer Familie bedroht, flüchtete mehrfach und zog kurz vor der Tat endgültig zu dem 26-Jährigen. Sie galt als Hauptbelastungszeugin, berief sich aber auf Ihr Aussageverweigerungsrecht. Ihre Aussage vor der Polizei und vor einem Ermittlungsrichter durften auch wegen eines Formfehlers nicht verwertet werden.
Das Gericht war von der Täterschaft der Angeklagten überzeugt. Das dramatische Geschehen in und vor einer Kieler Bäckerei war teilweise von einer Überwachungskamera aufgezeichnet worden. Außerdem gab es Dutzende Zeugen, die sich aber im Verfahren teilweise widersprachen oder schwiegen. Der 26-Jährige hatte in dem Laden Brot gekauft, das er noch in seinem Auto verstaute. Unmittelbar darauf stürzte er wieder in das Geschäft — verfolgt von den Angeklagten, die ihn einkreisten, ihn festhielten und auf ihn einstachen und einschlugen. Bei der Tat stellte das Gericht strafmildernd eine gewisse Gruppendynamik fest, die auf die Angeklagten wirkte.
Die fünf Männer schwiegen in dem Prozess. Lediglich einer der Brüder gestand in einer Erklärung, bei der Tat dabei gewesen zu sein. Der Ehemann und das Opfer stammen aus dem Irak, die Brüder im Alter von 22 bis 45 Jahren haben die libanesische Staatsangehörigkeit. Der jüngste Angeklagte, der zur Tatzeit noch nicht 21 Jahre alt war, muss jetzt fünf Jahre Jugendstrafe verbüßen. Seine drei Brüder verurteilte das Gericht zu acht bis zwölfeinhalb Jahre Gefängnis. Ihr Schwager muss sogar 14 Jahre in Haft. Er nahm das Urteil mit Kopfschütteln und verächtlich anmutendem Lächeln auf.
Das Gericht stellte über ihn aber ausdrücklich fest: „Wenn überhaupt jemand ein Motiv zum Töten hatte, dann dieser Angeklagte. (…) Das Opfer war sein Feind, weil die Frau nicht von ihm lassen wollte.“ Der 34-Jährige erhielt die höchste Strafe auch, weil er bereits einschlägig verurteilt ist. Bei ihm müsse man davon ausgehen, dass er erneut straffällig werde, sagte Becker.
Die Schwester der Angeklagten lebt seit der Tat unter Zeugenschutz-ähnlichen Bedingungen an einem geheimen Ort. Die Witwe des Opfers, deren Tochter sowie der Vater des Opfers waren Nebenkläger in dem Prozess. Staatsanwalt und Nebenklage hatten wegen gemeinschaftlichen und vorsätzlichen Mordes viermal lebenslange Haft und einmal neun Jahr gefordert. Die Verteidigung plädierte auf Totschlag und mehrjährige Haftstrafen. Ein Verteidiger forderte für seinen Mandanten Freispruch.