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Kiel Flüchtlinge sahen ihr Geld nicht wieder
Kiel Flüchtlinge sahen ihr Geld nicht wieder
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07:07 04.11.2019
Von Thomas Geyer
Tatort Kiel-Mettenhof: In diesem Wohnblock in der Helsinkistraße soll der Angeklagte mehrmals Interessenten eine angeblich zu vermietende Wohnung gezeigt haben. Die syrischen Betrugsopfer zahlten dreistellige "Vermittlungsgebühren", gingen jedoch leer aus. Quelle: Thomas Geyer
Kiel

Fordern die Geschädigten später ihr Geld zurück, werden sie mit martialischen Drohungen unter Druck gesetzt. Strafverfolger und Justizbehörden tun sich schwer: Jetzt endete der Betrugsprozess im Kieler Amtsgericht gegen einen „Wohnungsvermittler“ (22) aus dem Irak sang- und klanglos mit der Einstellung des Verfahrens. Dabei war es eine halbe Fußballmannschaft syrischer Flüchtlinge, die im Sommer und Herbst 2017 den Versprechungen des Angeklagten auf den Leim ging.

Die überwiegend alleinstehenden Männer waren nach ihrer Ankunft in Deutschland teilweise bei Verwandten und Bekannten in Kiel-Mettenhof untergekommen und suchten nun eine eigene Wohnung. Beim Sport tauschten sie sich aus. Gerne gab man die Telefonnummer des Angeklagten weiter, von dem man sich Hilfe erhoffte.

Später gründeten die syrischen Betrugsopfer eine Whatsapp-Gruppe, um sich über die Machenschaften der Wohnungsvermittler auszutauschen. Fünf Geschädigte, die dem Angeklagten nach eigenen Angaben im Schnitt 500 Euro als Vermittlungsgebühr ausgehändigt hatten, standen auf der Zeugenliste. Der Angeklagte räumte denn auch in einer Erklärung seines Verteidigers das „Vorzeigen“ mehrerer Wohnungen ein.

Wohnungsvermittlung an Flüchtlinge in Kiel - Drahtzieher stammt aus dem Irak

Der 22-Jährige will dabei jedoch nur als argloser Handlanger die Anweisungen seines Chefs befolgt haben. Der mutmaßliche Drahtzieher stammt ebenfalls aus dem Irak und ist den Beteiligten als „Assad“ bekannt. Über den Stand seines Verfahrens waren im Prozess weder der Richter noch die Anklägerin informiert. Der Verteidiger will gehört haben, der mutmaßliche Hintermann sitze in Neumünster in Haft. Ihm wies der Angeklagte die gesamte Verantwortung zu.

Als „Praktikant“ will der 22-Jährige vier Monate lang zum Nulltarif für den Drahtzieher gearbeitet haben. „Der Angeklagte sollte erstmal lernen“, betont sein Verteidiger. Geld habe er für seine Tätigkeit nie erhalten. „Mein Chef hat mir Hoffnung gemacht, dass ich eines Tages so viel verdiene, dass ich meine Familie unterstützen kann“, sagt der junge Mann.

„Er zeigte mir Fotos von Häusern und Läden, die ihm mal gehörten“, so der Angeklagte weiter. In Wirklichkeit soll Assad nicht einmal ein Büro gehabt haben. Von ihm will der Angeklagte gehört haben, er arbeitete mit einer Mitarbeiterin vom Jobcenter zusammen. Mit ihr habe er sich die Kautionen für die Wohnungen geteilt. „Das wäre mit Sicherheit kriminell“, wirft der Vorsitzende ein.

Vermittlungsgebühr "persönlich in die Hand gedrückt"

Der Behauptung des Angeklagten, selbst niemals Geld von Interessenten angenommen zu haben, widersprachen die Zeugen ausdrücklich: Ihm wollen sie die geforderte Vermittlungsgebühr persönlich in die Hand gedrückt haben. Auf Nachfrage der Verteidigung erklären sie allerdings, der 22-Jährige habe sich immer wieder telefonisch bei Assad erkundigt und alle Schritte mit ihm abgestimmt.

Gewöhnlich sollten die Wohnungssuchenden für die Vermittlung einer angeblich verfügbaren Wohnung 1200 Euro zahlen. Keiner der Zeugen konnte diese Summe aufbringen. Ein 29-jähriger Syrer handelte den Betrag auf 650 Euro herunter, indem er über das Handy des Angeklagten direkt mit dem Chef sprach. „Weil wir alle Kurden sind“, habe dieser eingewilligt.

Wochenlang passierte nichts

Anschließend habe er dem Angeklagten die 650 Euro übergeben. Doch dann sei wochen- und monatelang nichts passiert, so der Zeuge. Ein anderer Geschädigter (40) forderte sein Geld zurück. Da habe ihn Assad angerufen und bedroht: Wenn er zur Polizei gehe, werde er ihn „ans Auto binden und durch Mettenhof schleifen“. Wegen solcher Probleme, fügt der Syrer hinzu, „habe ich mein Land verlassen“.

Dem Angeklagten sind jedoch weder Bedrohungen noch Betrugshandlungen zuzurechnen. Da sind sich alle Juristen im Verhandlungssaal einig. Die Beweise reichten wohl nicht einmal für den Nachweis einer Beihilfe, meint die Vertreterin der Staatsanwaltschaft. Der Richter regt die Einstellung des Verfahrens auf Kosten der Landeskasse an. Für die Verteidigung kommt der Steuerzahler auf.

Syrer in Kiel

Syrische Bevölkerungsgruppe mit 5633 Personen an dritte Stelle gerückt

Laut Bevölkerungsstatistik der Landeshauptstadt Kiel (2018) hat sich die Zahl der Kieler mit syrischem Migrationshintergrund in den vergangenen sechs Jahren verzehnfacht: Waren im Jahr 2012 noch 569 Einwohner aus Syrien in Kiel gemeldet, waren es im vergangenen Jahr bereits 5633 Personen.

Damit hat die syrische Bevölkerungsgruppe inzwischen die irakische (5132 Personen) in der Platzierung der Nationalitäten überholt und steht jetzt an dritter Stelle.

An erster Stelle steht mit aktuell 11179 Personen die türkischstämmige Bevölkerungsgruppe, dicht gefolgt von 10379 Personen mit polnischem Migrationshintergrund.

Insgesamt haben derzeit von 248.792 Einwohnern Kiels 67994 einen Migrationshintergrund. Von diesen haben mehr als die Hälfte die deutsche Staatsbürgerschaft. Im Jahr 2010 hatten noch 44.115 Kieler ausländische Wurzeln.

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