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Kiel 50 Jahre Nordverband
Kiel 50 Jahre Nordverband
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13:00 18.05.2019
Von Kristiane Backheuer
Jörg Ortmann von der Bahnhofsmission hilft am Kieler Bahnhof wo immer er kann. Quelle: Frank Peter
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Kiel

Der Kieler Hauptbahnhof ist ein hektischer Ort. Menschen mit Koffern eilen vorbei. Züge kommen und gehen. Durchsagen kündigen Verspätungen und Ausfälle an. Am Gleis 6 gleich neben der Bundespolizei gibt es dagegen ein Tor zu einer anderen Welt.

Hinter einer schweren zweiflügeligen Holztür, leicht versteckt hinter einem Betonpfeiler, hat die Bahnhofsmission ihre Räume. Hier bekommen Hilfesuchende Telefonnummern, einen kostenlosen Kaffee, ein Lächeln, ein freundliches Wort.

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Während beim Nordverband der Bahnhofsmission am Freitagmorgen noch die letzten Vorbereitungen für das 50-jährige Bestehen am Nachmittag auf Hochtouren laufen, tröpfelt hier am Rande der Bahnsteige langsam der Kaffee durch die Maschine und verbreitet einen herrlichen Duft. Ein Duft, der an Ankommen und Zuhause erinnert. 

Zum Kaffeetrinken in die Bahnhofsmission

Kaum hat Mitarbeiter Jörg Ortmann (50) kurz vor 7 Uhr das Bahnhofsmissions-Banner mit dem markanten roten Kreuz draußen aufgehängt, kommen auch schon die ersten Besucher. Man kennt sich.

„Hier hat man seine Ruhe, der Kaffee schmeckt und die Leute sind nett“, sagt Michael Juraczyk (38), grüßt und schnappt sich am Holztresen, der den Gästeraum vom Büro trennt, einen vollen Pappbecher. Wenn er kann, ist der Arbeitslose jeden Tag hier.

An einem kleinen Tisch sitzt er anschließend neben einer Frau, die Nachrichten auf ihrem Handy checkt. Ein anderer Gast liest eine Zeitung. Sie alle genießen die Stille, das warme Getränk, den Frieden, der in der Luft liegt.

Jörg Ortmann hat heute mit Regine Henke (73) Dienst. Die ehemalige Abteilungssekretärin suchte im Ruhestand eine Aufgabe und fand sie durch Zufall bei der Bahnhofsmission. „Seit fünf Jahren helfe ich hier einmal die Woche ehrenamtlich“, sagt sie. „Bereut habe ich es nie.“

Jeder Tag sei anders. Man wisse nie was komme. Sie erzählt von einer Hochschwangeren, die fast in den Missionsstuben ihr Kind bekommen hätte. Von Menschen, die plötzlich einen Herzinfarkt erleiden. Von Kindern, die verloren gegangen sind. Sie hilft mit Adressen vom Mädchenhaus, von der Kleiderkammer, von Ärzten und Kirchengemeinden. Sie weiß, wo mittellose Menschen günstig eine warme Mahlzeit oder einen Schlafplatz bekommen. Und Kaffee kochen, kann sie auch ganz wunderbar.

Auf alle Eventualitäten während einer Reise vorbereitet

An diesem noch kühlen Morgen ist auch Gert Rathje da. Der 61-jährige Diakon ist Fachbereichsleiter für die Bahnhofsmissionen der Diakonie Altholstein. Dazu gehören neben Kiel auch Neumünster und Itzehoe sowie die mobile Bahnhofsmission. „Wir sind zuständig für alle Eventualitäten, die das Leben während einer Reise so mit sich bringt“, sagt er.

Er ist froh, dass er einen Stamm von 16 „tollen“ ehrenamtlichen Mitarbeitern in Kiel hat. Sie alle sind als Ersthelfer ausgebildet, besuchen laufend Fortbildungen. Und er ist froh, dass die Deutsche Bahn die Kosten für Miete und Strom übernimmt.

Draußen an den Bahngleisen dreht Regine Henke in ihrer blauen Dienstweste ihre Runde. Mit offenen Augen und Ohren, mit wachem Verstand. Wer könnte Hilfe gebrauchen? Wo hakt es? Erst um 13 Uhr ist der nächste feste Termin. Ein älterer Mann wird anreisen und hat im Vorwege um Hilfe beim Aussteigen gebeten. Solange hilft sie ohne Auftrag.

Traumjob für Hartz IV-Empfänger

Jörg Ortmann schenkt derweil drinnen weiter Kaffee aus. „Das hier ist mein Traumjob“, sagt der Hartz IV-Empfänger. „Ich kann anderen Menschen helfen und bekomme viele positive Rückmeldungen.“ Sieben Jahre arbeitete er als Gaststättenhelfer am Bahnhof. Nach einem Herzinfarkt 2009 fing er bei der Bahnhofsmission an. Inzwischen ist er hier Leitungsassistent.

„Ich kenne das Gefühl, nichts zu essen zu Hause zu haben“, sagt er. „Wir waren elf Kinder, mein Papa ein normaler Arbeiter. Da war das Geld am Monatsende oft knapp. Da gab es dann eben Zwiebelsuppe mit Brot.“ Mit den Gestrandeten am Bahnhof, den Hilfesuchenden fühlt er sich verbunden. Sie alle eint, das Gefühl von Geborgenheit in einer hektischen Zeit. Auch wenn es nur auf einen Kaffee ist. 

Öffnungszeiten: Bahnhofsmission Kiel: Mo-Fr 7 bis 18.30 Uhr, Sonnabend 8 bis 14 Uhr

50-jähriges Bestehen des Nordverbandes der Bahnhofsmission

An den Bahngleisen ist niemand allein. Rund 260 Ehrenamtliche der 15 Bahnhofsmissionen in der Nordkirche tragen Sorge dafür, dass Bahnreisenden und sozial Bedürftigen schnell und unbürokratisch geholfen wird. Die Mitarbeiter leisten Ein-, Aus- und Umsteigehilfe, bieten Ruhe- und Aufenthaltsräume, helfen in Notlagen und vermitteln Beratungs- und Fachstellen. 400000 Gäste in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg nehmen jedes Jahr dankend die Hilfe an. Am Freitag konnte nun ein Jubiläum gefeiert werden. Vor 50 Jahren wurde in Schleswig-Holstein der Landesverband der Evangelischen Bahnhofsmission gegründet. 2015 wurde dieser Verein zur länderübergreifenden Institution, um innerhalb der 2012 gegründeten Nordkirche ein Dach über alle Bahnhofsmissionen zu spannen. Bahnhofsmissionen sind allerdings schon viel, viel älter, als das 50-jährige Bestehen des Nordverbandes vermuten lässt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gab es die ersten Gründungen, um die massenweise vom Land in die Städte strömenden jungen Frauen vor der Prostitution zu schützen. Die erste deutsche Bahnhofsmission wurde 1895 in Berlin gegründet. Im Norden folgte 1895 Hamburg und zwei Jahre später Kiel. Die Aufgabenschwerpunkte variierten. Im Ersten Weltkrieg wurden zurückkehrende Soldaten betreut, in der Weimarer Republik wurden die Stationen zu Volksküchen und nach dem Zweiten Weltkrieg kamen vor allem Kriegsversehrte, Traumatisierte, Hungernde und Menschen, die nach ihren Verwandten suchten in die Missionen. In jüngster Zeit waren die Bahnhofsmissionen wichtige Anlaufpunkte für die zahlreichen Flüchtlinge.

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